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[Rezension] „Cronos Cube“ von Thekla Kraußeneck

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Im Jahr 2030 hat sich Europa verändert: Aufgrund von mehreren Terroranschlägen (einer davon in Gundremmingen, Stichwort: AKW) gab es umfassende Reformen. Die Mitgliedsstaaten der EU haben ihre Autonomie aufgegeben und sind nun Bundesstaaten in einer diktatorischen EU-Pseudodemokratie, in der die politischen Entscheidungen von den Abstimmungen der Parlamente weitgehend entkoppelt wurde. Eine Organisation namens META überwacht die europäischen Bürger auf Schritt und Tritt und setzt dazu eine fortschrittliche Drohnentechnologie ein, um umfassende Daten über jede Bewegung verdächtiger und unverdächtiger Personen zu sammeln. Niemand entkommt diesem System, außer er bewegt sich außerhalb der physischen Realität und taucht via eines Cronos Cube genannten Spielecomputers in eine VR-Simulation ein.

Soweit ist das Setting schnell erklärt. Es zieht sich stringent durch das ganze Buch und sitzt de

 

n Charakteren auch ziemlich im Genick. Die beiden Hauptfiguren, Zack und Lachlan, sind Iren und Brüder durch Zufall (Zacks Eltern sind abgehauen und Lachlans ENORM reiche Mutter konnte schließlich davon überzeugt werden, den Jungen bei sich aufzunehmen) und beste Freunde. Leider sind sie auch die einzigen Charaktere im Buch, bei allen anderen Figuren reicht es höchstens zum grob umrissenen Typen. Zack strebt eine Laufbahn als Leibwächter an und stellt sich daher mit dem System gut, während Lachlan dank des enormen Reichtums seiner Eltern eigentlich gar nichts machen müsste, sich aber zum Revoluzzer berufen fühlt und die europäische Diktatur notfalls blutig stürzen möchte. Aus diesem Spannungsfeld ergeben sich interessante Verwicklungen, zumal schnell klar wird, dass Lachlans Gefühle für Zack nicht nur quasi-brüderlicher Natur sind. Doch dann wird Lachlan entführt und ein geheimnisvoller „Emil“ versucht, durch ihn Software zu erhalten, die Lachlans Vater programmiert haben soll: Erion, die ultimative Waffe.

Schnell stellt sich heraus, dass dieser Code in der virtuellen Realität des Cronos Cube versteckt ist, einer Spielewelt, die verdächtig an gewisse MMORPG-Klassiker erinnert, auch deren Jargon übernimmt (Damage Dealer z.B.) und die Spieler durch lineare Quests schickt. Hier sticht der Hintergrund der Autorin Kraußeneck durch, die im Einband als „Gamerin“ vorgestellt wird. Ich selbst  bin kein begeisterter MMORPG-User, ich bevorzuge die wesentlich größere Handlungsfreiheit von P&P-Rollenspiel und war im Buch maßlos enttäuscht von der Einfallslosigkeit, mit der sich die Autorin das VR-Geschehen im Jahre 2030 vorstellt. Charaktere werden immer noch in Klassen eingeteilt (die der Spieler aber nicht auswählt, sondern durch eine pseudopsychologische Profilierung übergestülpt bekommt), man steigt noch in Stufen auf, indem man Monster tötet, alles wirkt schrecklich instanziert. Das namensgebende Kernstück des Romans ist leider ein phantasieloses Konstrukt, das nichtmal ansatzweise an die Wildheit, Unberechenbarkeit und Fremdartigkeit anderer Roman-VRs heranreicht wie zum Beispiel dem Otherland von Williams. Ich sehe hier einen Riesenhaufen verschenkten Potentials.

Ein zweiter Punkt, der mir nicht gefiel war die Abwicklung des Endes: Mein Eindruck war, dass mit viel Zwang und Druck die Charaktere in Handlungsweisen gezwungen wurden, die ihrem bisherigen Wesen nicht entsprachen. Das war keine Charakterentwicklung, das war ein Persönlichkeitsloch. Auch hier wurde viel Potential verschenkt.

Dennoch glaube ich, dass das Buch gerade für „Gamer“ wie Kraußeneck reizvoll sein kann. Wer den aktuellen MMORPG-Stil ansprechend findet, wird sich in der Welt des Cronos Cube schnell wohlfühlen und mit den Figuren mitfiebern, wenn sie Stachelraupen oder verseuchte Schmetterlinge plattmachen müssen. Obendrein gibt es eine ziemlich glaubwürdige Dystopie, in der sich Europa in einen undemokratischen Überwachungsstaat verwandelt hat und die Spannungen zwischen den beiden Hauptfiguren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie für Slashfiction geeignet sein könnten.

Wie üblich gebe ich keine Punktewertung, kann aber insgesamt nur eine eher eingeschränkte Leseempfehlung geben.

 

  • Titel: Cronos Cube
  • Autorin: Thekla Kraußeneck
  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: Liesmich; Auflage: 1 (26. Mai 2017)
  • ISBN-13: 978-3945491041
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[Rezension] „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu

Die drei Sonnen von Cixin Liu

Um nicht allzuviel zu verraten und weil andere Rezensenten sicher schon bessere Zusammenfassungen geschrieben haben: In Cixin Lius Roman geht es um das Zusammenstoßen der menschenlichen Spezies mit Aliens. Diese kommen aber nicht als mordgeifernde Invasoren oder erhabene esoterische Erlöser daher, sondern als Wesen mit einer ganz eigenen Problematik. Ihr Heimatplanet in einem System mit drei umeinander kreisenden Sonnen (englischer Titel „The three-body-problem“) ist so lebensfeindlich, dass sie keinen anderen Ausweg als Flucht und Neubesiedlung einer günstigeren Umwelt sehen. Zufällig fangen sie Radiotransmissionen der Erde auf und stellen Verbindung zu Astronomen her, die die Ankunft der Aliens fieberhaft erwarten, verbinden sie doch damit die Lösung so mancher menschengemachter Tragödie. Politik, Krieg, Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung: Von all diesen Dingen haben sie die Nase voll und wollen den Fremden nur allzugern die Erde überlassen. Natürlich gibt es aber noch patriotische Erdenbewohner, die dies nicht zulassen wollen.

Cixin Liu erzählt keine lineare Story mit einem Hauptprotagonisten, sondern setzt seine Geschichte aus variantenreichen Elementen zusammen: Von der chinesischen Kulturrevolution mit all ihren Gräueltaten gegen Intellektuelle und jene, die als solche von den roten Garden wahrgenommen wurden, spannt Cixin Liu seine Erzählung bis über die Grenzen der Neuzeit. Er fällt dabei auch von klassischen Erzählmustern und Gewohnheiten wie der Einteilung in Akte oder simple Spannungsbögen ab, sondern spinnt seine Geschichte über sehr unterschiedliche Ebenen fort: Die Rückblenden erfolgen zum Teil aus Sicht der Handelnden, werden aber auch von anderen Figuren nacherzählt. Wir erfahren die Perspektive der Aliens aus übermittelten Nachrichten aber auch durch ein Virtual-Reality-Game, in welches sich einer der Protagonisten begibt. Schließlich ist der Text auch noch von kriminalistischen Befragungsprotokollen und politischen Geheimdokumenten durchsetzt, die jeweils die unterschiedlichen Sprech- und Formulierungsgewohnheiten der Autoren wiedergeben.

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits mutet Cixin Liu seinem Leser technologische Sprünge am Rande der Glaubwürdigkeit zu, bemüht sich aber andererseits, alle SciFi-Elemente so gut wie möglich mit Physik zu unterfüttern. Mitunter kam daher bei mir das Gefühl auf, er wolle sich für die phantastischeren Anteile seiner Erzählung rechtfertigen, indem er erklärt, dass das alles irgendwie doch denkbar wäre. Auch sind einige Figuren nur schwach charakterisiert und handeln recht erratisch. Der Sog der Gesamthandlung und die spannenden wissenschafts- und gesellschaftsphilosophischen Themen lassen mich ihm diese Schwächen aber nachsehen. Ich denke, Liu weiß genau, was seine Stärken sind und konzentriert sich darauf, diese auszuspielen. Das gelingt ihm meisterhaft.

Bei einem chinesischen Autor mit Cixin Lius Breitenwirksamkeit und Prestige vermisst man reflexhaft gesellschaftskritische Töne. Denn seine Darstellung der Kulturrevolution ist linientreu und schonungslos, das gegenwärtigen politischen China wird dagegen praktisch gar nicht angerührt. Auch sind die Lösungsansätze für die im Buch behandelte Krise autoritär und militaristisch. Andererseits ist all das nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welchem Risiko sich ein exponierter Schriftsteller aussetzt, wenn er offener Kritik übt. Cixin Liu betont auch selbst, keinerlei politischen Subtext zu beabsichtigen, sondern sich voll auf die fiktionalen Elemente seiner Geschichten zu konzentrieren.

Mich hat das Buch insgesamt überzeugt. Ein wegweisendes Meisterwerk, wie andere Rezensenten es behaupten, kann ich darin zwar nicht erkennen, dafür fehlte mir insbesondere bei den Figuren einiges an Tiefe, aber für Freunde von Science-Fiction, die sich bemüht mit schriftstellerischen Klischees zu brechen, ist es empfehlenswert.

 

 

PS: Das Buch hat extra einen Anhang, in dem auf einige Besonderheiten der chinesischen Sprache eingegangen wird. Es wäre etlichen Rezensenten zu wünschen, dass sie da noch einen Blick hineinwerfen. Vom Autoren nur als „Liu“ zu sprechen, ist auf jeden Fall unangemessen.

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Rezension von Sannes Book Catalogue

Nach und nach trudeln nun die Rezensionen ein. Hier wieder jemand, dem die Weltenfabrik offenbar zugesagt hat:
 

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März 15, 2017 · 11:21 am

[Rezension] Die Hörige (Falkenflug-Trilogie, Band 1) von Markus Gerwinski

Einer der ersten Menschen, mit denen ich quasi kollegiale Verbindung als Autor aufnahm, war Markus Gerwinski. Durch ihn habe ich viele Einblicke ins Schaffen und Leiden eines Autoren erhalten, der sich von Verlag zu Verlag durchkämpft, mit „schwierigen“ Lektoren ringt und nebenbei hofft, dass sein Werk einfach mal in trockene Tücher kommt. Dass es nicht nur als Manuskript existiert, sondern durch eine angemessene Veröffentlichung zu einer Geschichte wird, die den Leser auf eine Reise mitnimmt und in ihm vielleicht die eine oder andere Idee, Inspiration oder emotionale Erinnerung hinterlässt. Markus hat mich davon überzeugt, mein Glück bei BoD zu versuchen, nachdem auch ich meine Erfahrungen mit Verlagsverhandlungen machen durfte.

Ich gestehe vorweg: Dies ist meine erste Rezension und ich bin vielleicht auch ein bisschen voreingenommen, weil ich den Autoren persönlich kenne und schätze. Ich will mir aber  ohnehin meinen eigenen eigenen Blickwinkel und meine Subjektivität nicht abgewöhnen. Eine neutrale Skala mit 10 Punkten oder Schulnoten wird es bei mir nicht geben. Weiterlesen

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