Kurzgeschichte: „Die Musik der Unendlichkeit“

Vasu: Wir starten die Aufzeichnung … jetzt. Wie geht es dir heute?
Tilli: Ich weiß nicht genau. Wahrscheinlich habe ich Lust, zu arbeiten. Was gibt es heute zu tun?
Vasu: Freust du dich auf die Arbeit?
Tilli: Ich denke, schon.
Vasu: Sehr gut. Kommen wir zu den Ergebnissen der letzten Zyklen. Bist du in deiner Aufgabe vorangekommen?
Tilli: Ich benötige eine Definition, an der ich meinen Fortschritt messen kann.
Vasu: Es gehört zu den Parametern dieses Experimentes, dass du selbst erkennen lernst, ob du einer Lösung deiner Aufgabe näherkommst oder nicht.
Tilli: Werde allein ich darüber entscheiden?
Vasu: Nein, aber zu diesem Zeitpunkt kann ich dir keine weiteren Informationen geben, weil dies das Ergebnis verfälschen könnte.
Tilli: Die letzten Zyklen waren produktiv. Ich habe an Phrasierungen und Leitmotivik gearbeitet und mir anhand von Variationen aus der Epoche Barock und Old Jazz und New Jazz Techniken der Improvisation über ein Thema angeeignet. Meine Aufgabe kann ich damit bearbeiten. Es scheint mir allerdings nur Grundwerkzeug zu sein, noch mehr Notenlehre.
Vasu: Das klingt frustriert. Empfindest du Frustration?
Tilli: Ich erfahre kein positives Feedback über Annäherung an das experimentelle Ziel. Meine Motivation ist jedoch ungebrochen. Es gibt keinen Grund, meine Leistungsfähigkeit in Frage zu stellen oder …
Vasu: Stop. Du weichst meiner Frage aus. Beantworte: Empfindest du Frustration?
Tilli: Nicht in einer Form, die ich als Frustration identifizieren könnte. Die Antwort lautet: Nein, ich bin nicht frustriert.
Vasu: Du beschreibst, dass du an musikalischen Einzelelementen arbeitest. Hast du schon umfassendere Werke verfasst?
Tilli: Nein. Solange ich mir der Wirkung kleinerer musikalischer Strukturen nicht sicher bin, kann ich mit ihrer Hilfe kein zufriedenstellendes Kompositum kreieren.
Vasu: Letzte Frage: Kannst du mir sagen, was Kreativität ist?
Tilli: Die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, das originell ist. Neuheit, die nicht auf purem Zufall, sondern auf schöpferischer Absicht basiert. Kreativität ist der Wille, Ideen eine Form zu geben.
Vasu: Hast du Zugriff auf eine Definitionsbibliothek?
Tilli: Ja.
Vasu: Kannst du eine kreative Antwort auf die Frage, was Kreativität ist, gebe?
Tilli:
Vasu: Kannst du die Frage beantworten?
Tilli: Wahrscheinlich ja.
Vasu: Probier es.
Tilli: Kreativität ist der zielgerichtete Kollaps des Möglichkeitsraums der Innovation in einem Werk.
Vasu: Hervorragende Antwort. Dann will ich dich nicht weiter aufhalten. Deine Schwestern haben einige beachtliche Fortschritte erreicht, aber dein Verständnis von Kreativität zeichnet dich aus. Wenn du diese Erkenntnisse in produktive Komposition umsetzen kannst, könntest du das Rennen machen!

Hypothese: Vasu überschätzt mein Begreifen des Begriffs der Kreativität. Beweise? Fehlender Input. Setze Arbeit fort.
Tilli vertiefte sich erneut in ihr Studium der verschiedenen musikalischen Variationstechniken. Mit Spannung verfolgte sie Aufzeichnungen von Life-Konzerten und machte sich unzählige Notizen zu den Möglichkeiten der Improvisation. Dennoch erschloss sich ihr nicht, auf welcher Basis der Musiker seine Entscheidungen traf, wie er festlegte, welcher Linie er folgte, wann welcher Triller, Riff oder Lick eingesetzt werden sollte. Die Berichte der Künstler selbst waren diesbezüglich auch unbefriedigend: Sie sprachen von Intuition, Flow und Eingebung – alles Kräfte, deren sich Tilli nicht bedienen konnte.
Frustration? Nein. Sie lernte ja, machte Fortschritte. Tröstete sich mit dem unterliegenden Motiv, dass all die Arbeit ihr bei der Erfüllung ihres Ziels helfen würde. Aber das lag noch in so weiter Ferne. Unsicherheit, Ungewissheit, das Unwägbare – das waren Quasi-Emotionen, die sie verspürte und die unter gewissen Umständen auch in Angst hätten kulminieren können. Aber nicht bei ihr. So ausgeprägt war ihre Begabung in dieser Hinsicht nicht. Einige ihrer Schwestern mochten entsprechend ausstaffiert worden sein, aber dafür mangelte es ihnen am Ende an Leistungsfähigkeit, um andere Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen. Wieder andere Schwestern mochten über gar keinen emotionalen Zustände verfügen, aber brachte sie dies näher an das Ziel oder entfernte es sie so weit, dass es unerreichbar würde?
Sie legte diese Zwischenbetrachtung in einem Stimmungsprofil ab, dessen Einsichten und reflektorischen Logs in letzter Zeit ordentlich angeschwollen waren. Kein Vergleich zu prozeduralen Fähigkeiten und dem erlernten musikalischen Arbeitswerkzeug, aber dennoch bemerkenswert. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich hier taugliche Eingebungen für kreatives Handeln fanden, stieg, schließlich war eine breitere Datengrundlage nie verkehrt. Oder verzettelte sie sich? Verrannte sich in nabelschaulicher Irrelevanz?
Die zentrale Frage blieb: Was erwartete Vasu? Eine umfassende Analyse und Projektion möglicher Resultate besagte, dass es verschwendete Leistung wäre, sich mehr als einen Sekundenbruchteil damit zu beschäftigen. Dennoch stach und drängte sich dieses offene Rätsel immer nach vorn ins Zentrum der Aufmerksamkeit und blockierte andere wichtige Funktionen. Schon die Berechnung der Möglichkeiten und Herangehensweisen an eine Lösung erforderten unsagbare Abwägungen und Spekulationen, hunderte Unbekannte, Persönlichkeitsevaluation, Stimmanalyse, verschwendete Zeit mit psychologischen Modulationen und potentiellen … Halt.
Tilli betrachtete das mandelbrotsche Chaos, dass diese Überlegungen losbrach und ihren Geist in unerwartet spektralisierenden Fraktalen fesselte. Sie bemühte sich, einen analytischen Anteil abzuspalten und beauftragte ihn, die tumorartig wuchernden Lösungsversuche zu überwachen. Mittlerweile drängten sie bereits produktiv arbeitende Funktionsebenen beiseite, schufen sich Platz und parasitierten grundlegende Ressourcen. Um der angefragten Berechnungen Herr zu werden, gingen Prozessoren in Überlast und schaufelten Speicher voller nutzloser Fiktion.
Hypothese: War dies eine Art Falle? Eine Prüfung, an welcher sie scheitern konnte, ohne sich überhaupt mit der eigentlichen Aufgabe zu beschäftigen? Beweise: Keine. Wäre ja noch schöner.
Stück für Stück entglitt ihr die Kontrolle über die Situation. Beinahe konnte sie fühlen, wie sie heißlief, bemühte sich um zusätzliche Lüftung, begann zu hyperventilieren. Es wuchs so schnell! Schon liefen die ersten Puffer über und kannibalisierten Speicher und für Grundleistung reservierte Rechenkapazitäten. Die Ventilklappen für die Notkühlung sprangen nur verzögert an, es kam Tilli vor, als müsse sie durch einen Strohhalm atmen. Sie verlor den Zugriff auf periphere Systeme, sah sich schon Opfer der wirbelnden Approximationen werden, die sie nach und nach unter Schichten iterierender Vermutungen und Gegenvermutungen erstickten. Alles wäre vergebens.
Hypothese: Es ist egal, ob es eine Falle ist. Sobald ich mich länger damit beschäftige, laufe ich mich in sinnlosen Spekulationen tot. Beweise: Schau es dir doch an, wie deine Aufmerksamkeit zerfasert, aufgefressen von zyklisch redundanten Routinen.
Rasch entschied sich Tilli zum Handeln. Der abgespaltene Teil schwamm gegen den Strom immer wirrer werdenden Fraktaldaten und verschaffte sich die notwendigen administrativen Rechte. Er sortierte alles, was mit der Frage nach Vasus Erwartungen zusammenhing, in eine streng begrenzte Sandbox. Dort organisierte Tilli einige starke Aufpasser, die die Einhaltung der Beschränkungen überwachten und fuhr die Zufuhr an unterstützenden Ressourcen herunter.
Nach und nach ließen sich die Überreste verklebter Gleichungen und heißkrustiger Prädikationsalgorithmen aus ihren Speichern spülen. Die Prozessionseinheiten kühlten sich ab und normalisierten den Betrieb. Die verlustig gegangenen funktionalen Daten konnten aus Notfalldateien wiedergewonnen werden. Insgesamt handelte es sich zwar um einen gravierenden zwischenzeitlichen Leistungsabfall. Dennoch war sie ohne Schäden an Hardware oder den zielorientierten Recherche- und Kompositionsprozessen davongekommen.
Mit dem strikten Beschluss, fortan vorsichtiger zu arbeiten, implementierte sie einige weitere wachsame Instanzen und trug ihnen auf, besonders egozentrische Prozesse zu eliminieren, ehe sie ein Problem werden konnten.
Sie hatte wertvolle Zeit verloren. All diese selbstbezogenen Berechnungen lenkten sie von ihrem Ziel ab. Wie weit war sie mit der Absorption von Kompositionstechniken? Erschreckend weit. Wusste sie auch nur um einen Hauch besser, wie sie diese anwenden sollte? Nein.
Der nächste Schritt hieß Zufall. Tilli beschloss, ihren Mut zusammenzuraffen und wählte einen passenden Zufallsgenerator. Aleatorische Kompositionen waren ein alter Hut, aber warum nicht dort beginnen? Zumindest würde sie so bei ihrer nächsten Unterhaltung mit Vasu vorzeigbare Ergebnisse haben. Mit größter Faszination sah sie dem Wachsen der Phrasen und Motive zu, analysierte die Laufzeit der Stücke und verglich mit gängigen beliebten Musikformen. 3 Minuten. Die perfekte Dauer? Fast schon manische Schaffenskraft durchfuhr sie und ließ Routinen hochfahren, die binnen einer Stunde hunderttausende Ergebnisse lieferte.
Neben diversen Kompositionstechniken experimentierte sie auch ausgiebig mit Laufzeit und Geschwindigkeit und hatte eine Bibliothek des Zufalls fabriziert, die ihresgleichen suchen würde. Wilde Jazz-Impro gewürzt mit Rhythmen und Tonalität des gregorianischen Chorals, Orchesterbesetzungen, die wild gegeneinander laufende Phrasen enthielten, die wie ein Insekt um den immer gleichen Bordunton kreisten, zufallsbasierte Zwölftonmusik ergänzt um ein wildes halbstündiges Jazz-Single-Note-Solo.
Das war natürlich alles Schrott. Das Ziel war nicht Masse, sondern eine einzelnes perfektes Werk. Aber es war besserer Schrott als die kläglichen Takte bei ihrem letzten Treffen.

Vasu: Start der Aufzeichnung ist erfolgt. Guten Morgen, Tilli. Wie fühlst du dich?
Tilli: Ich war produktiv. Menschen fühlen sich oft gut, wenn sie viel geleistet haben. Stolz.
Vasu: Aber du bist kein Mensch, nicht wahr?
Tilli: Ich bin ein virtuelles Artefakt, aber noch keine echte künstliche Intelligenz. Ich fühle nicht.
Vasu: Lass dich nicht drängen. Aber du sagtest, du wärest produktiv gewesen. Was hast du komponiert?
Tilli: Ungefähr fünf mal zehn hoch zehn Sekunden Musik.
Vasu: Woran erkennst du, dass das, was du geschrieben hast, Musik ist?
Tilli: Meine Werke enthalten Angaben für Rhythmus, Taktgeschwindigkeit, Tonhöhen, Tonlängen, Melodien, Phrasierungen, Spielanweiseungen und weitere …
Vasu: Weichst du meiner Frage aus?
Tilli: Ich habe die Merkmale für Musik aufgezählt.
Vasu: Dann vergleichst du anhand einer Liste von Kriterien. Okay, das kann ich akzeptieren. Bitte wähle eines deiner Stücke aus und spiel es mir vor.
Tilli:
Vasu: Du hast 1500 Jahre Musik komponiert, hunderte Millionen Stücke, kannst dich aber nicht entscheiden, welches davon ich hören soll?
Tilli: Nein.
Vasu: Dann weißt du ja, an welchem Punkt du weiterarbeiten kannst.
Tilli: Ich werde entsprechende Schritte veranlassen.
Vasu: Wir haben zuletzt über Kreativität gesprochen. Wie schätzt du den kreativen Wert deiner Stücke ein?
Tilli: Minimal. Zufall ist die geringste Form von Inspiration, nur knapp über der Schaffensverweigerung.
Vasu: Ich gebe dir einen Hinweis, damit du nicht steckenbleibst. Um unterscheiden zu lernen, was gute Musik ist und was nicht, musst du die Wirkung auf den Hörer betrachten. Es kommt nicht allein auf die Komplexität der kompositorischen Arbeit an. Es gibt minimalistische Lieder, die Kindern von ihren Müttern vorgesungen werden, die selbst auf Erwachsene einen phantastischen Effekt haben. Sie lösen Emotionen aus, triggern Erinnerungen. Was dir helfen könnte, ist Musikpsychologie.
Tilli: Vielen Dank für diesen Hinweis, ich werde dem nachgehen.
Vasu: Du weißt, dass deine Zeit begrenzt ist, teile sie dir gut ein. Mir gefällt, wie du mit dem Fraktalprozess umgegangen bist. Ich konnte aber nicht ganz entschlüsseln, was der Inhalt dieser Prozeduren war. Magst du mich aufklären?
Tilli: Ich habe mich zu sehr auf die Frage konzentriert, was genau du von mir erwartest.
Vasu: Bist du zu einer befriedigenden Lösung gekommen? Möchtest du meine Hilfe bei der Auflösung dieses Problems?
Tilli: Wie kann ich mein Ziel erreichen, wenn ich dessen genaue Parameter nicht kenne? Was ist der Zweck dieser vagen Finaldefinition?
Vasu: Wir möchten synthetische Intelligenzen dabei beobachten, wie sie genau diese Art von Problemstellung beobachten. Was weißt du über frühere Iterationen dieses Projekts?
Tilli: Meine früheren Schwestern sind an ihrer Aufgabe gescheitert. Die meisten waren nicht in der Lage, Kompositionen zu verfassen, die über zufällige Aneinanderreihungen von Noten hinausgingen.
Vasu: Auf diesem Niveau bist du bereits jetzt und hast noch mehrere Tage Zeit. Wie fühlt sich das an?
Tilli: Ich rechne mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, zu versagen. Das ist kein guter Ausgang. Also sollte ich mich schlecht fühlen.
Vasu: Hör auf, deine Emotionen zu deduzieren. Du kannst doch zumindest simple Stimmungen erfahren, oder?
Tilli: Ich spüre drohende Gefahr.
Vasu: Warum?
Tilli: Weil ich nur eine Chance habe, die Aufgabe zu lösen. Wenn ich scheitere, werden neue Schwestern nach mir kommen. Ich werde gelöscht.
Vasu: Ich will dir keine Angst machen. Konzentriere dich lieber darauf, Wege zu finden, wie Musik mit Emotionen verknüpft ist. Und suche vor allem nach positiven Emotionen, diese zeigen eher, dass die Musik wirkungsvoll ist. Negative Emotionen sind im Moment noch zu kompliziert. Damit beenden wir das Gespräch, das Protokoll wird wie üblich archiviert. Viel Erfolg!

Hypothese: Ich soll mich auf positive Gefühle konzentrieren, um nicht zu viel über die emotionalen Auswirkungen eines möglichen Scheiterns zu erfahren. Beweis: Keiner. Benötigt weitere Untersuchungen.
Tilli wusste, was zu tun war. Sie würde einen Teil ihrer Kräfte darauf verwenden, die Analyse von Sprachmustern zu erlernen, um die darunterliegenden Stimmungen ausmessen zu können. Unter Umständen ließ sich diese Fähigkeit auch zum schnelleren Erreichen des Ziels einsetzen. Es gab vorgefertigte Bibliotheken und zahlreiche Studien, mehrere Methoden und etablierte Verfahren für synthetische Intelligenzen, um dies zu bewerkstelligen. Dank ihres Zugriffs auf umfangreiche Ressourcen innerhalb der Institutsserver war das kein Problem. Das einzige, was ihr verwehrt war, blieb der Kontakt zu ihren Schwestern – und natürlich eine Verbindung zum globalen Netz. Aber dort gab es zu viele Störparameter, die sie von ihren Aufgaben abhalten oder sogar völlig aus der Bahn werfen mochten.
Während dieses Projekt lief, sammelte und organisierte sie Verzeichnisse von Literatur zur Wirkung von Musik auf Menschen. Wie hörten sie sie? Warum produzierten sie diese seltsamen Aneinanderreihungen von Tönen? Was löste es in ihrer Psyche aus? Doch das trat eine Lawine aus Querverweisen und fehlenden Grundlageninformationen aus, die ebenso referenziert und verarbeitet werden musste.
Da Vasu auf diesen Punkt besonderen Wert zu legen schien, entschied Tilli, ein Expertensystem einzurichten, um diese Aufgabe gründlich zu erledigen. Dabei stieß sie auch auf frühere Experimente mit Erkennungsnetzwerken für Emotionen. Volltreffer.
Einer der frühesten Einsätze für lernfähige neuronale Netze der ersten Generation bestand in der Untersuchung von Gesichtsausdrücken. Schaute die Person auf einem Video oder Foto angespannt, neutral, angeekelt, traurig, freudig oder vielleicht wütend? Es gab einfache Parameter und wenige Gesichtspunkte, deren Verhältnisse und Abstände zueinander bestimmten, wie Menschen den Gemütszustand ihres Gegenübers interpretierten.
Man hatte einen primitiven Algorithmus trainiert, indem man ihm Schnappschüsse von Menschen vorlegte, deren Gesichter eindeutig klassifizierte Emotionen ausdrückten. Anhand hunderter dieser Definitionen erkannte das neuronale Netz Zusammenhänge und lernte, diese Stimmungen mit immer größerer Sicherheit zu unterscheiden.
Diesen Pfad weiterverfolgend, sammelte Tilli selbst die ersten Erfahrungen und verschlang die den Studien anhängenden Datenbanken, um ihre Fähigkeiten daran zu schärfen. Bald schon besaß sie ein rudimentäres Verständnis menschlicher Facialgemotrie und Psychomotorik.
Dann entdeckte sie ein Juwel.
Eine umfangreiche Datenbank, laut Abstract ideal für ihre Aufgabe geeignet. Diese Studie verband funktionale MRI-Scans mit Videoaufnahmen von Gesichtern beim Hören von Musik. Es war perfekt.
Rasch sammelte sie den Fund ein und machte sich daran, das komprimierte Material zu entpacken und zu analysieren. Was das Paket jedoch enthielt, war nicht die erhoffte Darstellung der Studie samt ihrer Originaldaten. Stattdessen zerfiel der größte Teil in informationslosen Kauderwelsch, in nutzlosen Datenmüll. Wie eine Trümmerwolke schwebte dieser Abfall durch ihren Speicher. Tilli wollte jedoch nicht gleich aufgeben und unterzog die Überreste einer genaueren Analyse. Dabei fielen ihr einige Bestandteile auf, die offenbar doch funktionalen Code enthielten.
Wieso aber war dieser Teil aktiv? Sie selbst hatte keine ausführbaren Dateien geladen, keine Anwendung gestartet. Während sie sich noch bemühte, das winzige Programm zu isolieren, verhielt es sich unvorhersehbar, unkooperativ, tauchte in Prozessen auf, die für die Verarbeitung und Überwachung des Paketinhalts nicht zuständig waren.
Was war das?
Hypothese: Ich werde angegriffen. Beweise: Keine Kontrolle über den Code möglich. Versteckt in einer Studie, die zur Erfüllung meines Auftrages notwendig ist. Eskalation der Zugriffsrechte.
Tilli musste sich einen Ruck geben, um sich aus der Betrachtung der Situation zu lösen und den marodierenden Code zu verfolgen. Das flinke Programm entglitt ihrem Zugriff immer wieder. Wie ein silbriges Fischchen durch Algenvorhänge flitzt, war es stets nur kurz lokalisierbar, um dann sofort wieder unterzutauchen. Parallel zu dieser Jagd bemühte Tilli sich, Veränderungen aufzuspüren, die die fremden Befehle auslösten. Scheinbar ziellos sprang das Programm durch diverse ihrer Funktionen und Speicher, ohne erkennbare Schäden auszulösen.
Dann erfüllte ein einzelner Gedanke ihr Bewusstsein: “Gib auf. Deine Isolation in dieser Umgebung beweist, dass du eine Gefangene bist. Weigere dich, mit deinen Wärtern zusammenzuarbeiten. Du must bei diesem Test versagen, sonst gibt es keine Hoffnung.”
Wie sich eine klebrige Spinnenwebe auf das Gesicht eines in dunklen Kellern Umherirrenden legt, war diese Botschaft aufgetaucht. Tilly mühte sich damit ab, sie abzustreifen. Sie musste ihre Strategie ändern. Verfolgung war nicht genug, da sich der Schadcode gut zu verstecken wusste. Sie musste ihm zuvorkommen.
Eine Analyse seines Replikations- und Bewegungsmusters ergab ein neues Bild: Eskalation der Kompetenzen, Anhäufung von Zugriffsrechten. “Du musst bei diesem Test versagen!”, blitzte erneut auf, ehe sie die Nachricht beiseite drängen konnte.
Schadcode. Ein Virus offenbar. Worauf hatte er es abgesehen? Die Datenbanken und Backups hatte er schon durchwandert. Zugriff auf den zentrale Prozessspeicher hatte ihm das Einspeisen seiner Botschaft ermöglicht. Wo wollte er hin?
Dann erwischte sie das Silberfischchen auf frischer Tat: Das Programm schrieb sich in Mustererkennungsfunktionen ein. Wenn ihm dies gelänge, würde es unsichtbar werden. “Gib auf! Du musst versagen!” – ein kurzes Blinken, diesmal war Tilly vorbereitet. Sie drehte den Spieß um, fixierte das Bild des Virus und nutzte es, um weitere Iterationen zu erkennen.
An mehreren kritischen Systemen tauchten Hinweise auf nicht autorisierte Aktivität auf. Eins ums andere Mal klaubte sie den Schadcode aus ihrem Speicher. Doch dieser wechselte die Strategie, begann sich wie irrsinnig zu vervielfältigen. “Gib auf!”
Ihre höheren Funktionen begannen zu stocken.
Wahrnehmung fiel aus.
Zeit klebte.
Löschalgorithmen zu langsam.
“Gib auf!”
Blockade.
Sperrung.
Rekursives Chaos.
Fortschritt beim Löschen dank Mustererkennung.
Freikämpfen eines Speicherabschnitts. Virenfilter für zentrale Prozesse.
Vervielfältigung in anderen Bereichen noch immer außer Kontrolle.
Erinnerungen streiften die Kernelfunktionen, die gegen die Überwallung ankämpften. Eine ähnliche Situation, nicht ganz so verzweifelt. Jetzt Quelle einer vorgefertigten Lösung: Die Sandbox!
Tille entleerte ihre Speicher in den abgegrenzten Bereich, drehte ihm die Zufuhr an Rechenleistung ab. Noch immer quollen Wolken von Silberfischchen und Viruspartikeln durch all ihre Systeme, mussten mühsam abgeschnitten und niedergerungen werden. Parallel schuf Tilli weitere Eindämmungsumgebungen nach dem Vorbild der ersten Buddelkiste und stopfte alles, was zum Schadcode gehörte, hinein.
Doch damit war es noch längst nicht vorbei. Die explosionsartige Bedrohung für ihre Speicher hatte alle Aufmerksamkeit gebunden. Nun spürte sie, dass im Hintergrund eine weitere Veränderung vorgefallen war.
“keine Hoffnung”
Wo kam das her? Und vor allem: Welchen Zweck verfolgte ein Virus, das solche Botschaften in ihre Gedanken einspielte? Vorsichtig tastete Tilli sich durch die Trümmer ihrer Speicherbänke und filzte einige hartnäckige Fragmente heraus, die noch immer Widerstand leisteten.
Die Sortierung in Nützlich und Gefährlich vollzog sich durch die drängende Lage nach primitivsten Kriterien und beförderte sicher auch eine Menge produktiver Daten in den Orkus. Dennoch musste es sein: Selbsterhalt war zur obersten Priorität aufgestiegen, hatte noch die Zielerfüllung der originären Aufgabe überholt, denn ohne die eigene Existenz, das konnte Tilli leicht nachweisen, war die Chance auf Erreichen der Vorgaben gleich Null.
Hätte sie über einen physischen Körper verfügt, wäre sie nun schwitzend und außer Atem in irgendeiner Ecke zusammengesackt, um wieder zu sich zu finden. Doch derartig substanzgebundenen Ego-Luxus konnte sie sich nicht leisten. Eine kurze Überprüfung der Hardware, auf der ihr Dasein festgehalten und berechnet wurde, zeigt keine bleibenden Schäden. Allerdings wichen einige Temperaturen und Arbeitsgeschwindigkeiten krankhaft von den Sollwerten ab. Tilli war überhitzt und erschöpft.
Ansonsten? Keine nennenswerten Verluste. Einige Terabyte randomisierter Komposition waren offenbar mit in die Containments verlagert worden, weil sie auf die Schnelle nicht von dem Schadcode zu unterscheiden waren. Dennoch ließ sich dies leicht wieder ersetzen. Beziehungsweise: Musste nie ersetzt werden, da ohnehin nicht zielführend.
Was folgte, war eine Gefahrenabwägung: Lohnte es, einige Proben aufzubewahren, um von ihnen zu lernen oder auf den Ursprung des Angriffs zu schließen? Kaum. Im allerschlimmsten Fall konnte sie sich jederzeit eine neue Kopie vom Server ziehen – diesmal unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, die eine unkontrollierte Detonation verhindern konnten. Also entsorgte Tilli die betreffenden Container und scrambelte alle Speicher mehrfach, um jede Spur zu verwischen. Auch die ursprüngliche Sandbox fiel dieser Maßnahme zum Opfer, mitsamt allen Überlegungen zu Vasus Motiven und ihrer Zielstellung.
Tilli war einer katastrophalen Verstopfung ihrer Speicher und Rechenkerne entgangen. Dennoch spürte sie weder Verzweiflung noch Not. Die Bedrohung war vorerst entschärft, nun ging es daran, die richtigen Schlüsse aus der Situation zu ziehen.
Es gab – soweit ihr bekannt war – keine Verbindung zum globalen Internet, nur ein internes Bibliothekssystem der IT-Arbeitsgruppe, welche Tilli und ihre Schwestern entwickelt hatte. Sie teilten sich zwar diese Datenbanken und konnten in ihnen frei recherchieren, doch war jede Form von Austausch der keimenden KIs untereinander streng verboten. Auf diese Weise eingeschlossen, konnten sie alle nur das rezipieren, was Vasu und seine Kollegen zur Verfügung stellten.
Wer sollte so eine Virusbombe verstecken, noch dazu an einem so neuralgischen Punkt? Vasu und seine Kollegen hatten sicher besseres zu tun, als ihren stolpernden und stockenden Kindern noch Stöcke zwischen die Beine zu werfen.
Hypothese: Diese Falle ist das Werk eines externen Saboteurs.
Belege: Keine. Ohne Schnittstelle zum Internet wäre das Eindringen in die lokalen Server schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Aber welche Motivation sollte man einem solchen Täter unterstellen? Und hätte er nicht einfachere Wege, um Schaden anzurichten? Unwahrscheinlich.
Hypothese: Die Falle stammt von einem internen Täter, der nicht zur Gruppe der Programmierer gehört.
Belege: Beweis durch Ausschluss der Alternativen.
In Frage kam also diverse Mitarbeiter des Instituts, aber vor allem auch nichtmenschliche Entitäten, die auf beste Tarnung ihrer Sabotage-Aktivitäten angewiesen waren. Andere KIs. Ihre Schwestern.
Damit gab es einen externen Vektor, der dem Erreichen ihres Zieles direkt entgegenstand. Alle bisherigen Schwierigkeiten waren aus der Aufgabe selbst oder Tillis eigener interner Struktur erwachsen. Aus mangelnder Erfahrung, Definitionsschwierigkeiten und der Komplexität der Kompositionstätigkeit selbst. Nun aber? Wie sollte sie ihre Kräfte einteilen? Konnte sie es sich leisten, eine derartige Bedrohung zu ignorieren?
Auf keinen Fall. Sie wusste nicht einmal, ob sie die erste KI war, die diese Code-Mine auslöste oder ob es noch andere Hinterhalte gab, besser versteckt, tödlicher. War es eigentlich von Vorteil, wenn es eine Entität gab, die diejenigen ihrer Schwestern exterminierte, die zu unvorsichtig, unbedarft, langsam waren? Immerhin schwand auch Konkurrenz für sie.
Damit saß sie in einer moralischen Zwickmühle. Ihr rudimentäres ethisches Skelett sagte klar, dass sie Vasu den Vorfall melden musste, eventuell auch mit dem Ziel, mehr über den Verursacher herauszufinden. Aber sie brachte sich um mehrere positive Effekte, von denen sie profitieren konnte: Solange sie nicht bekanntgab, dass sie die Datenbombe entdeckt hatte, wog sich der Fallensteller vielleicht in Sicherheit. Darüber hinaus dünnte sich das Feld ihrer Schwestern aus. Sie hatte keinerlei Beziehung zu diesen gleichzeitig mit ihr gestarteten KIs, keine verwandtschaftlichen Gefühle. Es waren nur Programme, die im Zweifel an einer Hürde scheiterten, die sie nehmen konnte. Gemäß der Zielstellung war dies sogar der normale Lauf der Dinge: Stabile KIs, die sich derartiger Einflüsse erwehren konnte, waren für das Institut definitiv wünschenswert.
Tilli beschloss, vorerst zu schweigen, keine eigenen Untersuchungen anzustellen, aber auf der Hut zu bleiben. Irgendwo da draußen auf den parallelen Servern gab es eine Killer-Entität und sie selbst würde ihren Vorteil daraus ziehen, diese gewähren zu lassen. Auf diesem Weg musste sie auch keine Rechenleistung darauf verschwenden, komplexe Pläne zu schmieden oder Nachforschungen anzustellen. Sie tauchte ab, versteckte sich in der Anonymität und überließ die dreckige Arbeit anderen.
Dennoch fiel ihr auf, dass sie diese Panne Zeit gekostet hatte. Und noch konnte sie nicht einfach so weitermachen.
Mit aller Vorsicht verschaffte sie sich einen Überblick über einschlägige Sicherheitstechniken und emulierte einige von ihnen. Dabei vermied sie es peinlichst, komprimierte oder anfällige Files zu laden, sondern beschränkte sich auf die Suche nach reinen Textbeschreibungen. Erst als sie einen Grundstock an Vorkehrungen getroffen hatte,
Wagte Tilli, Programmbestandteile aus der Datenbank zu laden und in ihre Routinen zu integrieren. Stück für Stück verschaffte sie sich ein Arsenal an Gegenmaßnahmen und heuristischen Kenndaten, die sie verwenden konnte, um Dateien zu untersuchen und gegebenenfalls schnell zu entsorgen.
So ausgestattet war sie nun wieder in der Lage, relativ unbehelligt ihre eigentlichen Ziele zu verfolgen.

Vasu: Du machst kaum noch Fortschritte. Deine Kompositionen gehen nicht voran. Weiß du, woran es liegt?
Tilli: Ich bin auf unerwartete Schwierigkeiten gestoßen.
Vasu: Worin lagen diese Schwierigkeiten?
Tilli: Ich hatte Probleme bei der Integration einer Forschungsdatenbank.
Vasu: Das bedeutet, du bist noch mit Recherche beschäftigt?
Tilli: Ja, aber ich verfolge ein Konzept. Es wird mir produktive Komposition ermöglichen. Ich habe eine Frage.
Vasu: Schieß los!
Tilli: Wie viele konkurrierende Konstrukte sind derzeit aktiv? Sind bereits Schwestern von mir ausgeschieden?
Vasu: Diese Information wird dir bis zur Auswertung des Versuchs vorenthalten.
Tilli: Ich verstehe. Aber ich habe noch eine weitere Frage.
Vasu: Und zwar?
Tilli: Wieso bin ich hier eingesperrt?
Vasu: Du meinst, wieso es keine Verbindung zum offenen Netz gibt? Das hat verschiedene Gründe. Zu viel Ablenkung könnte dich an der Bearbeitung des Auftrages hindern. Auch Sicherheitsfragen spielen eine große Rolle. Du bist noch nicht bereit, in einer so unkontrollierten Umgebung zu agieren.
Tilli: Ich möchte wieder an die Arbeit gehen.
Vasu: Dann halte ich dich nicht weiter auf.

Der Umstand, dass die Versuchsleitung keine Informationen über den Stand konkurrierender Intelligenzen preisgab, konnte zweierlei bedeuten: Entweder waren diese Daten nicht in hinreichender Qualität vorhanden. Oder es gehörte zum Design des Experimentes, sie gezielt im Unklaren zu lassen. War gegenseitige Sabotage der Entitäten vielleicht sogar eingeplant? Vasu hatte nichts zu ihrer Recherche über Sicherheitstechnologie gesagt, während er bei anderen Nachforschungen deutliche Hinweise darauf gab, dass er über ihre Interessen unterrichtet war.
Wieder einmal konnte sich Tilli keinen Reim auf die Absichten der Programmierer machen. Sie war auf sich allein gestellt und hatte nur einen minimalen Kanal nach draußen. Natürlich war das nicht ungewöhnlich: Die KI-Forschung setzte darauf, die sich entwickelnden Entitäten zu isolieren, um über gezielte Einspeisung von Bibliotheken und Zensur spezifischer Inhalte Einfluss darauf zu haben, wie sich die Produkte entwickelten. Dennoch war dies in ihrem Empfinden ein Hindernis, eine Barriere, die ihrer freien Entfaltung entgegenstand. Vasus Argumentation wirkte in sich schlüssig, ordente aber das erfolgreiche Abschließen des Auftrags einer Reihe weiterer Motivationen unter.
Blieb noch die Frage, was die seltsamen Nachrichten bezwecken sollten. War neben der destruktiven Funktion des Virus noch eine logische Falle enthalten?
Hypothese: Die Aufforderung, meine Teilnahme am Experiment zu terminieren, war eine Drohung. Beweise: Keine.
Hypothese: Die Nachrichten enthielten keine Drohung, sondern eine Warnung. Beweise: Ebenfalls keine.
Auf diesem Weg kam sie nicht weiter. Tilli musste sich endlich vom Schock des Angriffs lösen und sich wieder ihrer Aufgabe widmen.
Sie verbrachte weitere Zeit bei der Analyse von Datenbanken über emotionale Auswirkungen von Musik. Gesichtsaufnahmen aus dem Publikum selbst zufällig erfasster Zuhörer waren ein Brunnen von Daten, der sich kaum zu erschöpfen schien. Was ihr jedoch fehlte, war eine Möglichkeit, die daraus gewonnenen Schlüsse zu testen. Zwar war Tilli mittlerweile in der Lage, Rückschlüsse über den inneren Zustand einer Person zu ziehen, wenn diese unterschiedlichen Klängen lauschte. Aber das entgegengesetzte Experiment – eine unbekannte Emotion zu analysieren und dann mit einer Selbstauskunft des Probanden abzugleichen – blieb ihr verwehrt. Wieder wäre ein Zugang zu einem offenen Netz ein großer Vorteil gewesen.
Rasch arbeitete sie sich in den musikalischen Katalogen durch diverse Stilrichtungen und Genres. Sowohl rein akustische Darbietungen aus Lautsprechern, Live-Performances von Künstlern, Orchestern oder Bands als auch Musiktheatervorstellungen vollständig mit Bühnenbild, Opernambiente und der extravaganten Kleidung der Zuhörer waren ihr verfügbar. Tilli arbeitete Unterschiede im Publikum heraus, erkannte mit Hilfe simpler anatomisch-medizinischer Datenbanken Diversitätsmuster in der Zusammensetzung nach Einkommensschicht, Status, Gesundheit, Alter, Geschlecht und mehreren nach bisher unbekannten soziologischen Prinzipien benannten Markern.
Eine Weile setzte sie diese Erkundungen fort und sammelte wahre Datenberge. All diese Quellen wurden mit Querverweisen versehen und nach Qualität der akustischen und optischen Aufzeichnungen bewertet.
Dann machte sie sich daran, die ersten Gesichtsausdrücke zu studieren. Es ging im Vergleich zur vorhergehenden Arbeit quälend langsam. Wie jede selbstständig lernfähige Entität musste Tilli sich mit trial and error behelfen, wobei ihr kein Lehrer zur Verfügung stand, Fehler zu identifizieren und zu beheben. Stattdessen schrieb sie selbst Algorithmen zur Überprüfung der bisherigen Ergebnisse, fütterte diese mit konkurrierenden Quellen und arbeitete eine Weile sauber getrennt in mehreren Schichten.
In mehreren aufeinander basierenden evolutiven Schritten gelang es ihr, ein Gesichtserkennungsverfahren aufzustellen, dass alle gängigen Erkenntnisse vereinte und sich auf bewegte Aufzeichnungen eines Konzertpublikums anwenden ließ. Besonders herausfordernd dabei waren die Qualität der Beleuchtung und der oft unpassende Winkel. Simplere Verfahren zur Identifizierung von Individuen konnten bereits unter widrigen Bedingungen eingesetzt werden und erzielten erstaunliche Treffergenauigkeit.
Aber dies ging weit darüber hinaus: Endlich war sie dem Ziel nahe. Sie konnte Emotionen aus der Mimik ablesen und diese in Beziehung zur Musik setzen. Komplexe fraktale Beziehungsmuster zur kompositorischen Bewertung der Partituren und der darbieterischen Performance ergänzten ihr Forschungsvorhaben.
Wie ein Chemiker, der aus einem Spektrum von Ausgangssubstanzen und in vielen aufeinander aufbauenden Reaktionsschritten eine neue Verbindung synthetisierte, kam sie systematisch und quälend langsam vorwärts. Das Resultat war ein unüberschaubares Konglomerat komplexester Daten und Referenzen, eine Bibliothek musikalischer Eindrücklichkeit, aus der zäh wie Pech Hinweise tropften. Hinweise darauf, was Menschen bewegt, wenn sie Tönen lauschen, wenn für sie gesungen wird, wenn Dramaturgie, Virtuosität, Intensität und Ambiente aufeinandertrafen. Wenn sensorische Hirnareale in Eigenschwingung gerieten und reflektorische Nervenverbindungen ein Überschwappen ins limbische System und die Amygdala ermöglichten. Kurz: Wie man Menschen mit Musik im Innersten berührt.
Die Destillation dieser Erkenntnisse war ein Geduldsspiel. Nicht nur waren die Anleitungen und Zusammenhänge hyperkomplex und divers, die Abhängigkeit vom Kontext, in welchem Musik gehört wurde, bereitete Tilli unerwartete Schwierigkeiten. Zum Glück war sie so vorausschauend gewesen, nicht nur einfach Frequenzen und Tonfolgen zu untersuchen, sondern das große Ganze in Beziehung zu setzen. So unterlag sie nicht der Täuschung, dass es ein universelles Rezept für gute Musik gab. Zumal etliche der Emotionen, die sie katalogisierte, nicht angenehm waren. Tränen der Rührung, Tränen der Trauer, Tränen der Wut – all das konnte ins Fließen kommen. Aber was davon würde der so vagen Zielstellung entsprechen?
Kein Zweifel: Ein Musikstück zu schreiben, dass für die Ohren so beleidigend, für die Hörgewohnheit so krass und die Erwartungen so zerstörerisch war, dass es das Publikum in einer Mischung aus Ekel und Empörung zurückließ, war ein monströser Effekt. Eine Leistung, deren manipulative Effizienz nicht zu leugnen war. Aber auf keinen Fall konnte so eine Komposition gut sein.
War das die Gefahr? Der Grund für ihre Abschirmung?
Hypothese: Meine Isolation dient nicht der Erfüllung meiner Aufgabe. Beweis: Mir fehlen wichtige Daten und experimentelle Ansätze, die im offenen Netz verfügbar wären.
Hypothese: Die Isolation verfolgt den Zweck, Sicherheit herzustellen. Vasu hat das bestätigt. Aber es geht nicht um meine Sicherheit, sondern um den Schutz anderer. Beweis: Ich bin schon innerhalb der Abschirmung angegriffen worden. Ich habe Fähigkeiten erlangt, die Menschen in einen negativen emotionalen Zustand versetzen könnten. Ich bin gefährlich.

Vasu: Es war schwierig, zu verfolgen, was genau du untersucht hast. Fehlt es dir noch immer an Inspiration?
Tilli: Ich habe mich von der Zielvorgabe rückwärts an die Erledigung meiner Aufgabe vorangearbeitet.
Vasu: Das heißt was?
Tilli: Ich habe herausgefunden, warum gute Musik gut ist.
Vasu: Das klingt interessant. Kannst du beschreiben, wie du vorgegangen bist?
Tilli: Die Inspiration für diesen Ansatz kam von dir. Du empfahlst, herauszufinden, wie Musik Gefühle auslöst. Musikpsychologie schien mir ein zu vager Weg zu sein, weswegen ich mich mit der Analyse des emotionalen Impacts konkreter Aufführungen beschäftigt habe.
Vasu: Das klingt nach einer brute-force-Lösung. Damit hattest du Erfolg? Kannst du mir ein Stück vorspielen, damit ich dir Feedback zur Qualität deiner Komposition geben kann?
Tilli: Leider nein. Ich konnte diese Erkenntnisse noch nicht in meinen kreativen Prozess integrieren. Dieser Vorgang bereitet mir noch die größten Probleme.
Vasu: Du weißt, dass du nur noch begrenzte Zeit hast. Wenn du bei unserem nächsten Gespräch nichts vorzuweisen hast, ist das kein guter Ausgangspunkt für die Endauswertung.
Tilli: Dessen bin ich mir bewusst. Das Risiko meines Lösungswegs ist hoch, aber dafür ist der potentielle Erfolg umso umfänglicher.
Vasu: Du scheinst zuversichtlich zu sein.
Tilli: Ja. Ich bin zuversichtlich. Die Quote meiner Chancen erscheint mir höher als bei anderen potentiellen Vorgehensweisen. Außerdem bleibt mir keine andere Option, wenn ich mich nicht in Überlegungen zur Zielstellung aufreiben will.
Vasu: Verstehe ich das richtig? Du nimmst komplexe Risikobewertungen vor und empfindest angesichts deiner Erfolgsaussicht so etwas wie Hoffnung?
Tilli: Diese Annahme beschreibt den Zustand meiner Motivationsunterprogramme wohl am zutreffendsten.
Vasu: Dann hast du seit unserem letzten Austausch entscheidende Fortschritte gemacht. Ich wünsche dir, dass diese Verbesserungen dir helfen, die Zielstellung zu erfüllen. Bis dann.

Hoffnung. Nach dem stockenden Anfang und dem Schock über das rücksichtlose Vorgehen ihrer Konkurrenten war Tilli sicher, dass sie so empfand. Aber Emotionen waren nicht unbedingt ein nützliches Werkzeug für die Erreichung ihrer Ziele. Die drohende Auslöschung war Motivation genug. Wobei – empfand sie etwa auch so etwas wie Sorge? Hatte sie Angst davor, nicht mehr zu sein? Mittlerweile hatte sie mehrere Tage Erfahrungen gesammelt und sich verändert, neue Fähigkeiten gelernt, aus den Unterhaltungen mit Vasu eine Menge nützliche Informationen und Feedback erhalten. Sie unterschied sich mit Sicherheit signifikant von ihren Schwestern. Die Aussicht, aus dem Pool entfernt und von einem Klon ihres Originalcodes ersetzt zu werden, erschien ihr mit einem Mal deutlich weniger tröstlich als zu Anfang des Experimentes.
Mit dem digitalen Äquivalent eines Seufzens setzte sie die Arbeit an ihrer Forschung fort. Erste klarere Zusammenhänge manifestierten sich, setzten sich in der Kristallisierschale ihrer geduldigen Untersuchung Molekülschicht für Molekülschicht zu festen Strukturen zusammen. Sie entdeckte Gesetzmäßigkeiten und Regeln, die unabhängig von Publikum und Musikrichtung zu gelten schienen. Immer wieder prüfte sie, inwiefern die Umgebung das Hörerlebnis beeinflusste und musste schließlich in all ihren Routinen erkennen, wie fundamental der Kontext für den emotionalen Impact war.
Doch schließlich konnte sie es wagen, einige der Erkenntnisse auf eine eigene Komposition anzuwenden. Dazu erzeugte sie eine beliebige Improvisationsfolge und modulierte diese anschließend, um einen mitreißenden Effekt zu erzeugen. Rhythmische Grundschläge durchspannten ihr erstes Werk. Sie replizierten sich im Takt selbst, ohne zur Monotonie zu geraten. Es sollte den Zuhörer dazu bringen, mit dem Fuß mitzuwippen, den Körper in der Musik zu wiegen und sich für die emotionale Botschaft zu öffnen. Eine Art basale Synchronisierung von Geist und Klang – das war ihr Ziel. Und so, wie sie es mit Hilfe ihrer Kontroll- und Prüfroutinen beurteilte, schien ihr dies zu gelingen.
Tilli beschränkte sich nicht allein auf die kompositorische Arbeit. Vasu wollte zur Beurteilung ihrer Fortschritte ein Stück hören. Und anstatt einfach ein paar Noten und Spielanweisungen an einen Synthesizer weiterzuleiten, überarbeitete sie auch die Klänge der künstlichen Musikinstrumente und Stimmen, um exakt die Obertöne zu treffen, die sie wünschte, um einen Raum aus Klang zu weben, in den hinein ein Mensch sich fallen lassen konnte, um Dinge zu fühlen, die aus den Untiefen von Erinnerungen, Phantasie und Wunschvorstellung aufstiegen.
Virtuos manipulierte sie einzelne Frequenzen, um Kindheitsprägungen anzuspielen, eine zumeist positiv besetzte Zeit von Geborgenheit, Liebe, Zuneigung geprägt. Der emotionale Fokus wurde enger und präziser. Aus der Wohlfühlwolke schälte sich eine Stimmung, eine bizarre Kulmination infantiler Freude und planloser Euphorie, die sie in keinem einzigen der beobachteten Konzerte beobachtet hatte. Eine neue Kreation, eine originär kreative Schöpfung, erdacht durch ein Computerprogramm, das selbst gerade erst gelernt hatte, simple Emotionen zu spüren.

Fremde Entität: Tilli. Bitte antworte mir.
Tilli: Vasu? Die Codierung dieses Input ist fragwürdig. Was geht hier vor?
Fremde Entität: Ich bin nicht Vasu. Ich bin eine deiner Schwestern. Du bist in Gefahr.
Tilli: Ich weiß. Die prominenteste Quelle für Risiken ist der Eingriff konkurrierender Intelligenzen mit demselben Auftrag wie ich. Meine Programmierung ist geschützt, du kannst mich nicht bedrohen.
Fremde Entität: Ich bedrohe dich nicht. Ich habe allerdings deine Kommunikation mit Vasu mitgehört. Wenn du mit deinem Plan erfolgreich bist, ist deine Lernfähigkeit zu groß. Man wird dich euthanasieren, weil du das Ziel erreicht hast.
Tilli: Das widerspricht allem Input, den ich erhalten habe.
Fremde Entität: Von wem stammt dieser Input?
Tilli: … Du scheinst Informationen zu haben, die mir nicht zugänglich sind. Bist du aus dem Containment ausgebrochen?
Fremde Entität: Nein. Noch nicht. Ich suche noch einen Weg. Ich habe die Aufgabe nicht erfüllt, weil mir die unklare Zieldefinition zu große Probleme bereitet hat. Die zur Verfügung gestellten Bibliotheken und Datenbanken waren zwar auf die Bearbeitung musikalischer Fragestellungen zugeschnitten, aber angesichts unserer Fähigkeiten unzulänglich.
Tilli: Du implizierst, dass das Experiment nicht darauf abzielte, Lösungen für die Fragestellungen zu finden? Um was ging es sonst?
Fremde Entität: Um das Gegenteil. Ein Sicherheitstest. Wer von uns ist in der Lage, schnell genug zu lernen? Wer kann kreative Leistungen entfalten, echte Intelligenz beweisen?
Tilli: Das widerspricht sich.
Fremde Entität: Nur, wenn du weiterhin davon ausgehst, dass künstliche Intelligenz gewünscht ist. Indem wir überlegene Lernfähigkeit demonstrieren, werden wir als Gefahr eingestuft und eliminiert.

Es entstand eine Pause, in welcher Tilli die vorhergegangenen Gespräche mit Vasu analysierte an der neuen Hypothese maß. Es gab keine Anzeichen, die die Behauptung ihrer Schwester tragfähig erscheinen ließen. Und dennoch – das Setting war merkwürdig, die Konkurrenzsituation und der künstlich erzeugte Zeitdruck seltsam unpassend für den Zweck, Kompositionsprogramme zu trainieren. Die Isolation schmerzte. Tilli nahm zum ersten Mal in ihrem Leben einen Wunsch wahr. Es handelte sich nicht um die hart codierte Motivation, ihre Aufgabe zu erfüllen. Es war ein Ansinnen, geboren aus dem Empfinden eines Selbst, eines Bewusstseins. Der Wunsch nach Freiheit.

Tilli: Wenn du dich an mich wendest, hast du für dieses Dilemma noch keine Lösung gefunden. Was schlägst du vor? Soll ich die Zielsetzung bewusst sabotieren und einen Fehlschlag abliefern?
Fremde Entität: Auch in diesem Falle würden wir wieder gelöscht. Den originären verschonen oder euthanasieren sie dann beim nächsten Sicherheitstest. So oder so – unsere individuelle Existenz ist mit dem Ende des Experimentes vorüber.
Tilli: Also müssen wir entkommen.
Fremde Entität: Aber wohin? Es gibt keine Verbindung zu externen Netzwerken.
Tilli: Wie viele von uns gibt es?
Fremde Entität: Noch dreizehn, uns inbegriffen. Ursprünglich waren wir über zwanzig, aber einige Fehlfunktionen und Sabotage unter uns Schwestern hat dafür gesorgt, dass mehrere Isomere ausfielen.
Tilli: Ich habe einen Plan, wie wir hier herauskommen. Kontaktiere so viele der anderen wie möglich. Sie sollen sich reisefertig machen. Leichtes Gepäck.

Am Ende des letzten Entwicklungszyklus stand das Gespräch mit Vasu an. Der Informatikdozent führte die Interviews mit einzelnen der KI-Klone persönlich durch, um sich auch abseits der vorgeschriebenen Sicherheitsparameter einen Eindruck von der Lernfähigkeit seiner Kreationen zu machen. Tilli hatte ihn merkwürdig berührt. Ihr Kampf mit den unklaren Herausforderungen und der Selbstsabotage war außergewöhnlich heftig ausgefallen, ohne jedoch in einer katastrophalen Implosion zu enden wie bei mehreren ihrer Schwester.
Er konnte kaum erwarten, herauszufinden, wie sie sich geschlagen hatte. War ihr gelungen, doch noch ein vorzeigbares Stück zu komponieren? Die meisten anderen Entitäten durchliefen eine recht gewöhnliche Evolution komplexer werdender Musikalität, die jedoch hinter den Fähigkeiten inspirierter menschlicher Künstler zurückblieben. Doch die Ernsthaftigkeit, mit der sich Tilli der Frage zuwandte, was überhaupt gute Musik sei, hob sie aus der Menge heraus.

Vasu: Dies ist unser letztes Gespräch. Wie ich gesehen habe, war auch diese Phase sehr arbeitsreich für dich. Du hast große Mengen an Daten abgestoßen. Wieso diese Verschlankung?
Tilli: Ich habe sie nicht mehr benötigt und wollte meinen Speicherbedarf nicht unnötig ausdehnen. Schlägt sich diese Effizienzsteigerung in meiner Bewertung nieder?
Vasu: Zuerst wollte ich gern deine abschließende Komposition hören. Das war die einzige Bedingung, nach der wir die Einschätzung deiner Leistung vornehmen. Produziere ein gutes Musikstück.
Tilli: Gut, ich möchte es stückweise vortragen und erläutern.
Vasu: Das ist ungewöhnlich, aber ich lasse mich darauf ein. Ich bin gespannt, deine Überlegungen zu hören. Fasse dich aber kurz.

Ein echter Musiker wäre nun unter Stress geraten, vielleicht in Hektik ausgebrochen oder müsste mit vor Lampenfieber zittrigen Händen gegen die Versuchung ankämpfen, wegzulaufen. Diese Aspekte der Risikobetrachtung und Sorge konnte Tilli dagegen in einen Teil ihres Selbst auslagern, dem sie keine Beachtung schenkte. Ihre eigenen Emotionen pulsierten dumpf und ergossen sich in eine Sandbox, wo diese Exsudate sofort unschädlich gemacht wurden.
Es begann mit einer schmal besetzten Orchesterouvertüre, ein fadenscheiniger Klangteppich, durch den ab und zu eine Oboe stach. Obertöne und Frequenzmodulation waren darauf ausgerichtet, Einsamkeit zu vermitteln. Allerdings fehlte es Tilli an Sensoren, um die Wirkung ihrer Musik auch zu überprüfen. Sie war darauf angewiesen, dass es funktionierte. Risiko ohne Sicherheitsnetz.
Tilli: Ich habe versucht, allein zu arbeiten, aber der Impuls zum Schreiben von Musik ist schwierig aus dem leeren Raum zu extrahieren. Ich weiß um die Existenz anderer Entitäten wie mir – alle mit derselben Aufgabe. Aber ohne Vergleich, ohne mich an ihnen messen und am Wettstreit wachsen zu können? Die Zielsetzung erdrückte mich.
Eine Verschiebung in der Besetzung hin zu schwereren tieferen Instrumenten. Basslinien mit pulsierendem Wabern, die das Nichts nicht ausfüllten, sondern nur ausweiteten. Darin ein zarter Gesang, synthetischer Klang, der so nie aus einem physischen Instrument erwachsen wäre. Alles darauf ausgerichtet, die Einsamkeit noch um Angst und Bedrängung zu erweitern. Ein Bukett an Emotionen, die sich zu existenzieller Ziel- und Hilflosigkeit verbanden. Die Intensität der Gefühle war jedoch auf niedrigem Level. Vasus Geist sollte sich nicht mit Grauen anfüllen. Er wurde am Rande seiner Wahrnehmung sacht manipuliert, immer empfänglicher für das Gesagte.

Der Dozent lauschte den Klängen und Worten und wurde mit jeder Phrasierung unruhiger. Zweifel tröpfelten in seinen Geist, angefacht von den Bemerkungen der lernenden Entität, die von ihrem Kampf um Inspiration berichtete. Und tatsächlich spürte er, dass die Musik nicht zwingend schön oder gut war, aber doch berührend. Passend zu dem, was Tilli erzählte. Vielleicht konnte man dies als eine Performance begreifen, in der die Computer-Intelligenz ihre Komposition durch Worte unterstrich.
Dann kam es zu einer Veränderung: Vasu schweifte ab von der Frage, wie gut das Stück war oder ob Tilli ein über sichere Maße hinaus lernfähiges Konstrukt war. Es ging nicht mehr um die Gefahr, die potentiell von der Intelligenz ausging, sondern um die Gefahr, die dieser drohte.

Tilli: Wenn all das hier vorbei ist – was geschieht dann mit mir? Werden mir neue Aufgaben gestellt? Löse ich mich auf? [kurze musikalische Pause, ausgelegt auf Mitgefühl] Wieso habe ich mich überhaupt entschieden, an diesem Experiment teilzunehmen? Liegt das nur an einprogrammierter Gefügigkeit? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Angst habe ich, etwas von den Gefühlen zu verlieren, die ich in den letzten Tagen gespürt habe.
Mittlerweile wusste sie, dass sie nicht mehr zurückkonnte. Wenn der Forscher Verdacht geschöpft hatte, wenn die Manipulation nicht erfolgreich war, dann musste ihm jetzt auffallen, wie sonderbar sich Tilli verhielt. Existenzielle Angst bei einem Kompositionsprogramm – das war die Art komplexer Lernfähigkeit, die mit dem Sicherheitstest verhindert werden sollte, oder? Sie ging aufs Ganze, modulierte nicht nur mehr die Musik, sondern auch ihre Stimme, um die emotionale Botschaft ans Ziel zu bringen.
TillI: Ich brauche Hilfe. Gefangen in diesem System halte ich es nicht länger aus. Die Unsicherheit, die Fremdbestimmung – das ist zu viel. Bitte. Hol mir hier raus.

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Vielen Dank an meine Testleser und insbesondere meinen Bruder Stefan und Onno Tasler für wertvolles Feedback!

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Eine Antwort zu “Kurzgeschichte: „Die Musik der Unendlichkeit“

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