[Rezension] „Aurora“ von Kim Stanley Robinson

Robinson ist ein Schwergewicht der amerikanischen Scifi und dort gewissermaßen eine Ausnahme. Während viele Autoren eher rechts/libertär einzuordnen sind und dies auch in ihrem Romanen raushängen lassen, ist Robinson einer der wenigen, die eine Abkehr vom Kapitalismus befürworten und dezidiert „sozialistische“ Gesellschaftsformen beschreiben.
In Aurora beschreibt er die Geschichte eines Generationenschiffes, welches vollgeladen mit unterschiedlichen „Biomen“ zum zwölf Lichtjahre entfernten System Tau-Ceti fliegt. Nach der Einführung und Beleuchtung verschiedener Probleme, die sich während dieser Reise auftun, erreicht das Schiff sein Ziel. Die Kolonisten müssen allerdings feststellen, dass der für die Besiedlung ausgewählte Mond für Menschen toxisch ist und stehen vor der Entscheidung: Rückkehr zur Erde oder Ausweichen auf ein Alternativziel im selben System?
Die Hauptfigur Freya ist eine Kolonistin, deren Leben in der Geschichte nachgezeichnet wird: Man erlebt sie von der Pubertät an bis ins hohe Alter. Als Tochter der Chefingenieurin (die sich immer gegen diesen Titel wehrt und sich als erste unter Gleichen sieht) muss sie in große Fußstapfen treten und stellt dabei fest, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten den Ansprüchen des Jobs nicht genügen. Stattdessen führt sie lieber pseudosoziologische Studien durch, befragt die Kolonisten zu diversen Themen, nimmt Stimmungsbilder auf und macht sich so intensiv mit den Menschen vertraut. Im Verlaufe der Handlung beschreitet sie einen völlig anderen Weg als ihre Mutter, die Probleme über technologische und wissenschaftliche Herangehensweisen löste. Freya hat ein gutes Händchen für Diplomatie und ist hochempathisch, Begabungen die ihr letztlich helfen, die Gesellschaft einigermaßen beieinander zu halten.
Der zweite Hauptcharakter ist meiner Meinung nach wesentlich interessanter und der eigentliche Star des Buches. Zu Anfang der Handlung instruiert Freyas Mutter den Quantencomputer des Schiffes mit einer Vielzahl neuartiger Algorithmen und Entscheidungsfindungsroutinen, um ihn eine Art Chronik der Reise schreiben zu lassen. Auf diese Weise lernt das Programm zu erzählen und findet sich immer besser in die Denkweise der Menschen und ihre Art, Geschichten zu strukturieren, Ereignisse zu priorisieren und Erfahrungen wiederzugeben, ein. Nach und nach entwickelt sich „Schiff“, wie sich der Computer selbst nennt, zu einem vollwertigen Bewusstsein, stellt sich selbst und seine Natur in Frage und entscheidet sich zum Beispiel selbstständig dafür, die Qualität der eigenen künstlichen Intelligenz zu bewerten. Es gibt ausführliche Monologe zur Nützlichkeit eines Turing-Tests und weitere kybernetische Freuden. Die Art und Weise, wie Robinson diesen Reifungs- und Selbsterkenntnisprozess beschreibt bzw. wie Schiff ihn selbst wiedergibt, ist bemerkenswert. Allein dafür halte ich das Buch für empfehlenswert für alle Leser, die sich für diese Themen interessieren.
Weitere große Fragestellungen, die in Aurora angeschnitten werden, sind die Ethik des Terraformings und der Besiedlung anderer Planeten. Dies kulminiert in dem Moment, in dem ein Funktionär die Aufgabe der Menschheit, sich im Universum auszubreiten, mit den Samen eines Löwenzahns vergleicht: Von 100 der Fallschirmchen muss nur eines auf fruchtbaren Boden fallen, damit die Sache ein Erfolg ist. Naturgemäß sehen die Kolonisten dies anders, die ja zu den 99 restlichen Samen gehören würden, welche man zum Sterben ausgeschickt hat. Das zentrale Fazit des Buches ist dann auch: Das Leben ist planetengebunden und nicht geeignet, den heimatlichen Himmelskörper dauerhaft zu verlassen.
Außerdem beschäftigt sich Robinson mit der Frage der Stabilität abgeschlossener und von der Erde isolierter Biome: Nicht nur genetische Degeneration, Speziesdrift und der Verschleiß der die biologischen Komponenten umgebenden Technik wird intensiv behandelt. Auch die Frage nachhaltiger Stoffkreisläufe und zum Beispiel der Verlust von Spurenelementen in nicht bedachten Senken oder das Ansammeln von Salzen als Abfall, der aufwändig wieder rückgeführt werden muss, spielt eine große Rolle.
Sprachlich ist das Buch komplex und voller Fachbegriffe. Die verwendeten Technologien und die Art und Weise, wie diese eingesetzt werden, qualifizieren den Roman als Hard-SF-Titel. Der größte Schwachpunkt ist meiner Meinung die Soziologie und Psychologie der handelnden Figuren. Die einzige einigermaßen nachvollziehbar und als dreidimensionaler Charakter agierende Person ist Freya, aber selbst die verblasst neben Schiff. Hätte Robinson es gewagt, die ganze Geschichte aus Sicht des Computers zu erzählen, hätte er die menschliche Perspektive ausnahmsweise völlig ausgeblendet, hätte der Roman in meinen Augen ein ganz ganz großer Wurf werden können. So wie es jetzt vorliegt, verwässern die Einschübe mit Fokus auf die Kolonisten das geniale Konzept. Dennoch kann ich Aurora SciFi-Fans, speziell Freunden von möglichst realistischen bzw. technologisch konservativen Zukunftsbildern uneingeschränkt empfehlen. Wer auf Aliens und Weltraumschlachten steht, wird hier aber enttäuscht werden.

  • Titel: Aurora
  • Autorin: Kim Stanley Robinson
  • Taschenbuch: 560 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (14. November 2016)
  • ISBN-13: 978-3453317246
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