Mein Schreibprozess: Überarbeitung, Polishing

Den Begriff »Polishing« klaue ich aus meinem früheren Leben. Ursprünglich bedeutet er für einen Biotechnologen, sein Produkt zu veredeln, zum finalen Punkt zu reinigen. Wenn man zum Beispiel einen Mikroorganismus oder ein Enzym aus einer Kultur erntet, erhält man in den ersten Schritten meist ein stark verunreinigtes Ergebnis. Nährmedienbestandteile, Nebenprodukte, Abfallprodukte und unter Umständen sogar Chemikalien, die verwendet wurden, um unerwünschte Teile abzutrennen schwimmen noch immer in der Lösung herum und verringern dadurch den Reinheitsgrad. Je mehr man sich einem hochreinen Finale annähert, desto besser. Nicht nur, weil sich das Produkt dann möglichst vorhersagbar verhält, meist ist es auch länger lagerbar, stabiler, erzielt bessere Effizienz bei der Biokatalyse etc.

Hoppla. Erneut bin ich vom eigentlichen Thema abgewichen und habe mich in ein Gebiet hineinegschrieben, das mit der ursprünglichen Intention dieses Textes herzlich wenig zu tun hat. Was nun? Wie im zweiten Teil beschrieben, lasse ich es erstmal stehen und widme mich dem Fortsetzen meines Manuskriptes. Oberstes Ziel beim Weiterschreiben war: Weiterschreiben. Und bestenfalls: Fertig werden.

Revision: Notwendiges Elend

Nun aber stellen wir uns vor, ich wäre an diesem Punkt angekommen und werfe noch einmal einen Blick über das bisherige Ergebnis: Oh weia. Da schwimmen noch Hefen (themenfremde Inhalte, Abschweifungen) herum, die zufällig in die Kultur gefallen sind, obwohl sie da gar nichts zu suchen hatten! Steriles Arbeiten ist eine Kunst für sich. Und Nährmedienbestandteile (Füllwörter, Floskeln etc.) gibt es auch noch in Hülle und Fülle. Während des Erntens ist auch noch ein Teil der erwünschten Enzyme kaputtgegangen und schwappt nun denaturiert in der Ziellösung herum (Rechtschreibfehler, Grammatikfehler, Anschlussfehler). Wird Zeit, dass ich da nochmal mit dem Kamm durchgehe, um die schlimmsten Haare zu entfernen.

Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig die Überarbeitung eines Textes für die Manuskriptqualität ist. Selbst wenn man eine gute Idee für den Plot hat, charmante Charaktere und spannende Handlung anbietet, kann das Polishing über Sieg oder Niederlage entscheiden. Und wenn man Murks produziert hat und das Manuskript nichts taugt, ist auch jetzt der Moment der Wahrheit gekommen, in welchem man sich entscheiden muss: Opfere ich meine Zeit und mache den Text besser oder muss ich so grundlegend eingreifen, dass ich besser noch einmal neu beginne? Ich wünsche allen Autorenkollegen, dass sie niemals bei einem größeren Projekt wie einem kompletten Roman an diesem Punkt ankommen …

Mitunter kann es hilfreich sein, ein Manuskript vor der Überarbeitung beiseitezulegen, um Abstand zu gewinnen. Die »Betriebsblindheit« und die Unfähigkeit, eigene Fehler zu erkennen, nimmt in der Regel ab, wenn ich dem Text Zeit gebe, zu ruhen und zu reifen. Besser wird er nicht von allein, aber meine Chancen, ihn selbst besser zu machen, steigen.

1. Globale Überarbeitung, Text glätten, Inhalte vereinheitlichen

Der erste Schritt für mich ist das Drucken des Textes. Dann bewaffne ich mich mit einem Rotstift und viel Geduld. Es ist ermüdend, eigene Werke wieder und wieder zu lesen, möglichst noch mit größter Aufmerksamkeit, um wirklich lesbare Manuskripte zu erschaffen. Daran vorbei kommt aber niemand. Ich behaupte: Jeder Text muss überarbeitet werden. Niemand schafft es, aus dem Stand immer die optimalen Worte zu treffen. Deswegen geht es bei der ersten Überarbeitungsrunde auch noch nicht um Details wie Rechtschreibung, sondern um Formulierungen. Ich wiederhole an dieser Stelle nicht alle Regeln der Schreibkunst, die man auch in Schreibratgebern finden kann: Wie man treffende Metaphern, ansprechende sprachliche Bilder, gute Dialoge und so weiter erstellt, gehört eher in den künstlerischen als den handwerklichen Bereich, den ich hier abdecken möchte.

Neben Formulierungsfragen suche ich auch nach überflüssigen Textbestandteilen. Schlüsselbegriff hier ist »Show, don’t tell«. All das wird mit Rotstift markiert und wenn möglich mit Alternativen versehen. Ebenfalls wichtig sind Fragen nach größeren Zusammenhängen: Verhalten sich die Figuren glaubwürdig? Sind die Stellen, die Spannung erzeugen sollen, gelungen? Gibt es Anschlussprobleme? Muss ich bei Beschreibungen andere Sinne ansprechen? Gibt es inhaltliche Dopplungen? Ist die Romanprämisse erfüllt, ist der zentrale Konflikt gut ausformuliert, gibt es ausreichend Nebenkonflikte?

2. Deutschlehrer spielen

Zweiter Überarbeitungsschritt ist die ERSTE Rechtschreib- und Grammatikkorrektur. Diese ist noch nicht final. Ich verlasse mich mittlerweile größtenteils auf die Dudenfunktion der Software »Papyrus Autor«. Das ist eine Anschaffung, die ich jedem angehenden Schriftsteller uneingeschränkt empfehlen kann. Und zwar nicht nur wegen der orthografischen Hilfestellung, sondern auch aufgrund der umfangreichen zusätzlichen Funktionen, die es weit über z.B. yWriter oder ein simples Office-Produkt heben.

3. Die Sprache „schön“ machen

Die dritte Runde wendet sich an die stilistische Überarbeitung. Hier kann man auch wunderbar die Funktionen von Papyrus nutzen – die Stilhilfe markiert zu lange Sätze, Füllwörter, Wortwiederholungen und je nach Einstellung sogar jedes einzelne Adjektiv. Auch hier will ich nicht zu tief in das eintauchen, was Schreibratgeber viel besser erklären können als ich. Auf jeden Fall fische ich bei diesem Schritt nochmal eine Menge Mist heraus, der mein finales Produkt sonst verschmutzen würde. Man lernt auf diese Weise sogar einige Eigenheiten kennen, die die eigene Schreibweise kennzeichnen. Bei mir taucht das Wort »einfach« einfach viel zu oft aus, obwohl es inhaltlich überhaupt keine Bedeutung transportiert. Also: Weg damit.

4. Letzte Korrekturen

Die allerletzte Runde ist der letzte Feinschliff. Hier wird nochmal mit der Lupe gesucht, die letzten dass/das-Fehler erschlagen (ein Flüchtigkeitsproblem, das mir leider noch viel zu oft unterläuft), überzählige Leerzeichen entfernt und der Satz korrigiert.

Erst dann ist ein Text »fertig«.

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