[Rezension] Die Hörige (Falkenflug-Trilogie, Band 1) von Markus Gerwinski

Einer der ersten Menschen, mit denen ich quasi kollegiale Verbindung als Autor aufnahm, war Markus Gerwinski. Durch ihn habe ich viele Einblicke ins Schaffen und Leiden eines Autoren erhalten, der sich von Verlag zu Verlag durchkämpft, mit „schwierigen“ Lektoren ringt und nebenbei hofft, dass sein Werk einfach mal in trockene Tücher kommt. Dass es nicht nur als Manuskript existiert, sondern durch eine angemessene Veröffentlichung zu einer Geschichte wird, die den Leser auf eine Reise mitnimmt und in ihm vielleicht die eine oder andere Idee, Inspiration oder emotionale Erinnerung hinterlässt. Markus hat mich davon überzeugt, mein Glück bei BoD zu versuchen, nachdem auch ich meine Erfahrungen mit Verlagsverhandlungen machen durfte.

Ich gestehe vorweg: Dies ist meine erste Rezension und ich bin vielleicht auch ein bisschen voreingenommen, weil ich den Autoren persönlich kenne und schätze. Ich will mir aber  ohnehin meinen eigenen eigenen Blickwinkel und meine Subjektivität nicht abgewöhnen. Eine neutrale Skala mit 10 Punkten oder Schulnoten wird es bei mir nicht geben.

g_falkenflug_1-251x400Rund ums Werk: „Die Hörige“ erschien bereits 2013 beim Scratch-Verlag, welcher allerdings Anfang 2016 den Betrieb eingestellt hat. Damit fielen die Verwertungsrechte wieder an Markus zurück, der sich entschied, den Sprung in die noch größere Selbstverantwortlichkeit als BoD-Autor zu wagen. Ich habe eine PDF-Version des Manuskripts vorliegen, aber die Printfassung hat 268 Seiten und ein angenehm schlichtes Cover. Keine dramatisch schmachtenden Blicke halbnackter Mittelalter-Laienschauspieler mit wehendem Haar, dafür vermerke ich intern direkt mal einen Bonus 🙂

Im Roman begleiten wir Gunid, ein leibeigenes Bauernmädchen, die titelgebende Hörige, die den unfairen Kampf um Ragald aufnimmt. Von Anfang an sind sie ein ungewöhnliches Paar: Nicht nur, dass sie älter ist als er und ihm anfangs so manches Mal Manieren einbläut. Die Kluft zwischen ihren Welten, die sich ganz entfaltet, als Ragald vom Dienst als Knappe auch noch mit einem Mädchen heimkehrt, das ihm versprochen ist, ist so unüberbrückbar, dass allein die Möglichkeit einer Verbindung den ganzen Roman über von ihnen nie ausgesprochen wird. Auch als Ragald in der Ferne des Krieges verschollen gerät und Gunid ihm blindlings hinterher eilt, tut sie dies nicht als Ebenbürtige, sondern als schollenflüchtige Bauernmagd, die mit kaum mehr als Lappen an den Füßen direkt an der Grenze wieder eingefangen wird.

Und hier offenbart sich eine der großen Stärken des Romans: Die Charaktere sind wirklich Kinder ihrer Welt und nicht emanzipiert, atheistisch und zynisch-abgeklärt wie manche Protagonisten heutiger „historischer“ Romane. Es gibt keinen Moment, in dem sie sich ach so verrucht vorkommen, weil sie eine Person jenseits ihres eigenen Standes anschmachten und dann trotzdem einfach weitermachen wie ein modernes Pärchen, dass einen Scheiß drauf gibt, was die anderen denken. Gunid und Ragald kämpfen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, brechen aber nie in unpassende Verhaltensweisen aus. Die Charaktere sind schlüssig, sie verhalten sich extrem glaubwürdig. Natürlich ist Gunid keine 08/15-Bauernmagd, sie beißt sich auch durch große Entbehrungen und nimmt eine Reise und Abenteuer auf sich, die weit jenseits ihres Horizontes liegen. Und Ragald ist kein strahlender Macho und Minneromantiker, sondern entspricht ziemlich genau dem, was ein Ritter historisch war: Ein Profisoldat, ein Elitekämpfer, der sich seines Standes bewusst war, aber der natürlich weiß, dass er nicht unverletzlich ist, der trotzdem menschliche Emotionen, Ängste, Bedürfnisse und … Triebe … hat wie jeder andere Mensch auch. Die einzige Person, die Gunid und die ganze Geschichte ihrer Beziehung zu Ragald sofort durchblickt, ist seine Frau, die der Schollenflüchtigen einen Brief (Titelbild) ausstellt, der ihr gestattet, sich auf die Reise zu machen – denn sie begreift, dass diese Bauernmädchen Himmel und Erde in Bewegung setzen wird, um wieder mit Ragald vereint zu sein.

Sehr schön finde ich auch das Tempo des Romans: Er hetzt nicht von Actionszene zu erotischem Knistern und weiteren Höhepunkten, sondern lässt sich die Zeit, die Romanwelt zu entfalten und wirken zu lassen. Auch das trägt sicher dazu bei, dass die Figuren glaubwürdig sind, denn auf einer solchen Bühne können sie wunderbar spielen. Erst im letzten Drittel der Geschichte zieht die Handlungsgeschwindigkeit spürbar an – man bemerkt die Veränderung aber nicht mit Erleichterung, weil endlich etwas passiert, sondern nimmt sie zur Kenntnis, weil sie genauso gut funktioniert wie der gemächlichere Beginn der Geschichte.

Sprachlich verzichtet das Buch auf unangemessene Modernismen und man kann jederzeit, auch in spannungsgeladeneren Szenen, sehr gut die Gefühlswelt der Charaktere miterleben. Der Ausdruck und Sprachfluss des Autors ist sehr angenehm. Und obwohl das Setting und die Figuren des Romanes dreidimensionaler und historisch akkurater sind als mancher Werke, die im europäischen Theater spielen, kommt auch langsam aber sicher die Fantasy-Ebene der Buchwelt zum Tragen. Es gibt Zauberer, aber sie treten als Respektspersonen auf, nicht als funkenschlagende Feuerwerksmaschinen. Und Markus entflieht auf angenehme Weise dem Zwang, alle phantastischen Elemente direkt erklären zu müssen: Dem Leser dürfen die übernatürlichen Erscheinungen, mit denen sich die Figuren auseinandersetzen müssen, genauso rätselhaft bleiben wie Gunid und Ragald.

Als sehr problematisch muss ich zum Schluss festhalten, dass ich weiß, dass der Nachfolgeband schon fertig, aber noch unveröffentlicht ist. Wenn es nach mir geht, sollte sich das schleunigst ändern!

Markus Gerwinski
Die Hörige
Falkenflug Band 1

Verlag BoD, 2016
ISBN 978-3-7412-9956-8

Bei Amazon bestellen (Print: 9,99 €; Ebook: 6,99 €)

Homepage des Autors

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