Die Weltenfabrik und Sandersons Gesetze der Magie: Second law of magic

Bei diesem Beitrag handelt es sich um den zweiten Teil einer Artikelserie. Hier geht es zum ersten Artikel (Sandersons first law).

 

Brandon Sanderson hat natürlich noch weitere Gesetze formuliert – hier widme ich mich nun dem Zweiten Gesetz der Magie.

Sanderson’s Second Law can be written very simply. It goes like this: Limitations > Powers

(Sandersons zweites Gesetz kann sehr simpel formuliert werden. Es lautet: Begrenzungen > Kräfte)“

Mit dieser Formulierung bin ich ein bisschen unzufrieden. Es wäre doch irgendwie schöner gewesen, wenn Sanderson seinem Stil treu geblieben wäre und es in etwa so formuliert hätte: Die Anwendungsmöglichkeiten magischer Kräfte sind weniger wichtig als ihre Einschränkungen. Im Vordergrund der Geschichte stehen die Schwierigkeiten, die ihre Charaktere haben und nicht die Stellen, wo ihnen Dinge problemlos gelingen. Damit wäre auch die Stoßrichtung dieses Gesetzes wesentlich eindeutiger gewesen.

Nun sind aber Beschränkungen natürlich nur in Zusammenhang zu Kräften formulierbar. Rein exkludierend lässt sich kein stringentes Magiesystem entwickeln. Wo landet man, wenn man nur erklärt: „Magier können nicht fliegen, nicht durch die Zeit reisen und keine Toten wiedererwecken“? Eine gute Beschränkung enthält immer auch ein Stück Foreshadowing und ermöglicht es, gezielt auf einen Konflikt hinzuarbeiten, in dem sie einmal zur Anwendung kommt. Das erste Gesetz trägt also auch weiterhin zur Glaubwürdigkeit der magischen Konflikte und Konfliktlösung bei.

Letztlich erklärt Sanderson, dass eine gut formulierte Einschränkung folgende Effekte hat: Sie führt dazu, dass ein Charakter sich anstrengen muss (struggle), weil der Weg zu einem Ziel erzählerisch wesentlich interessanter ist, als das Erreichen des Zieles selbst. Anstrengung, Kampf mit sich selbst und seinen beschränkten Fähigkeiten, der Wunsch, etwas zu erreichen, was sich als nicht so einfach erreichbar herausstellt: Das erzeugt Emotionen, das macht eine Geschichte lebendig. Weiterhin wird durch die Einschränkung von magischen Fähigkeiten Spannung (tension) erzeugt. Die Ungewissheit, ob ein Charakter einen Konflikt im Rahmen seiner Möglichkeiten und Grenzen zufriedenstellend lösen kann oder nicht, bindet den Leser an die Situation, lässt ihn mitfiebern – idealerweise stellt er sich die gleichen Fragen wie die handelnde Figur: Welche Chancen gibt es, dieses Problem zu lösen? Wie umgehe ich die Beschränkung, ohne magische Regeln zu brechen? Welches As kann ich noch aus dem Ärmel schütteln? Und drittens generieren Einschränkungen Tiefe (depth), indem sie den Autoren zwingen, sich diesen Fragen zu stellen und eine Resolution zu entwickeln: Ganz wie im Rollenspiel ist es auch beim Schreiben oftmals wesentlich interessanter, eine Lösung aus dem Spiel der Charaktere mit der Welt, aus Wechselwirkungen und Synergien zu entwickeln anstatt einfach eine Lösung auf dem Zettel stehen zu haben, die man mit einem Würfelwurf oder einem Halbsatz im Buch abhandelt.

Bis hierhin ist es alles relativ offensichtlich. Interessant wird es im folgenden Abschnitt, in dem sich Sanderson mit der Frage beschäftigt, was man unter „Beschränkung“ alles verstehen kann. Sind es physikalische Gesetze, die besagen, dass Magier keine Stahlträger schwerer als 10 Tonnen heben können? Oder gibt es eine juristische Institution, die es einem Zauberer verbietet, die Toten zu beschwören, obwohl es eigentlich ganz einfach wäre? Sind bestimmte Fähigkeiten mit enormen moralischen Kosten beladen, wie zum Beispiel religiöser Frevelei oder einfach dem Anwenden von Künsten, auf denen ein rituelles Tabu liegt? Gehört man plötzlich zu den Bösen, wenn man das Wetter beeinflusst, obwohl Blitze und Wolken ansonsten zum alltäglichen Werkzeug von Magiern gehören? Auch die Kosten, die mit der Anwendung verbunden sind, können limitierend wirken: Bezahlt man am Ende mit Blut? Muss man einen dämonischen Pakt eingehen, um größere Mächte zu erhalten? Oder korrumpiert die Macht schleichend und man endet wie Gollum, weil sich herausstellt, dass man den Kräften, mit denen man umging, nicht gewachsen war?

Die Art der Beschränkung und wie sie in die Handlungswelt einer Geschichte eingebunden ist, ist auch entscheidend dafür, wie glaubwürdig man sie empfindet und ob sie sich organisch in die Erzählung einfügt. Wenn rosafarbene Einhörner die einzigen Wesen sind, die Dienstags gegen einen Feuerball immun sind, dann wirft das mehr Fragen auf, als es für erzählerischen Gewinn sorgt. Kann der Magier sich aber gegen ein wütendes Einhorn nicht mit Feuermagie verteidigen, weil es ein antikes Abkommen mit der Feenwelt gab, keine magischen Flammen einzusetzen, um der gegenseitigen Vernichtung vorzubeugen, klingt das spannend und erschafft nebenbei ganze historische Handlungsstränge.

Traditionell sorgt Magie für eine gewisse Erschöpfung des Anwenders und wird umso schwieriger, je gravierender ihre Auswirkungen auf die Realität sind. Aber vielleicht sind ja gerade die kleinen und genauen, detaillierten Zauber die wirklich schwierige Kunst? Oder löst Zauberei eine extatische Euphorie beim Anwender aus, der gar nicht merkt, wie er seine Reserven verbrennt, bis er völlig ausgezehrt umfällt? Vielleicht bezahlt man ja mit Lebenszeit für jeden Zauber? In diesem Falle wäre jeder Magier automatisch daran interessiert, die Anwendung seiner Kräfte stark zu begrenzen und sehr sorgsam darauf zu achten, was er mit Magie erledigt und wo er auf sie verzichten kann?

Insgesamt begreife ich Sandersons zweites Gesetz weniger als Aufruf, Zauberkräfte überhaupt zu begrenzen, denn das tun die meisten Autoren schon von sich aus. Aber ich finde in diesen Überlegungen viel Inspiration, kreativer mit dem Thema der Beschränkungen umzugehen und mich nicht nur auf „Zauberei erschöpft den Anwender, größere Zauber erschöpfen mehr“ fallen zu lassen.

Und nun zum Bezug zu meinem eigenen Werk:

Diesmal habe ich wesentlich mehr allgemeinen Kram geschrieben, ich hoffe, der bisherige Teil wurde nicht zu schwafelig. Aber viele diese Gedankengänge sind mir in dieser Klarheit leider nicht so bewusst gewesen. Die Beschränkungen, denen meine Figuren in der Weltenfabrik unterworfen waren, waren eher eine Frage ziemlich schwammiger Grenzen ihrer Kräfte: Wenn man einen Gegenstand aus einer Parallelwelt greifen will, ist es anstrengender ein großes Objekt zu erhaschen als ein kleineres Ding. Ein Rakelor, der in die Zukunft schaut, sieht umso weniger klar, je weiter in der Zukunft der Gegenstand seiner Vision liegt. Und die Steuerung der Visionen hängt mit der Fähigkeit zusammen, innere Ruhe zu finden und sich auch in stressigen Situationen vollkommen zu entspannen. Gerade Schülern, wie Jan und seine Freunde im Moment in der Weltenfabrik ja nun einmal sind, stellt man aber auch die Beschränkungen ihrer Kräfte klar dar, damit sie in der entscheidenden Situation dann nicht ahnungslos herumirren und nicht wissen, warum ihre Bemühungen fehlschlagen. Das ist ein Punkt, den ich in zukünftigen Bänden der Geschichte bedenken will. Diesmal ziehe ich also wirklich neue Impulse aus Sandersons Essay.

Weiter geht es mit Sandersons third law.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Phantastik, Science Fiction, Vermischtes zur Weltenfabrik, Weltenbasteln

5 Antworten zu “Die Weltenfabrik und Sandersons Gesetze der Magie: Second law of magic

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  3. Ich interpretiere das Gesetz etwas anders: Für das Ziel der Geschichte müssen die Einschränkungen der Magie größer sein als ihre Fähigkeiten. Wenn ich z.B. einen Liebesroman schreibe, dann reicht als Beschränkung aus, dass Magie Gefühle nicht dauerhaft verändern kann – wahre Liebe (und damit das Ziel der Geschichte) liegt außerhalb der Macht der Magie. Es hilft dem Magier nicht im geringsten, dass er über unermessliche kosmische Kräfte verfügt, wenn er an unerwiderter Liebe leidet und genau diesem Problem magisch nicht beikommen kann. Obwohl er mit einem Fingerschnippsen einen Kontinent im Meer versinken lassen kann, hilft ihm seine Magie überhaupt nicht dabei, das Herz der Angebeteten zu erwecken. (Und vielleicht stellt seine unglaubliche Macht in dieser Hinsicht sogar das größte Hindernis dar.)

    Wenn ich eine komplette Welt erschaffen will, in der verschiedene Arten von Geschichten spielen sollen, brauche ich da natürlich etwas mehr – denn in einer Welt, in der Magie alles kann, außer Gefühle zu beeinflussen, kann ich halt nur spannende Geschichten zu zwischenmenschlichen Beziehungen schreiben (während z.B. Krimis ausgesprochen kurz gerieten).

    • Ah, du gehst also so heran, dass die Magie den zentralen Konflikt der Geschichte nicht ohne Probleme lösen darf. Ich bin ja eher der Meinung, dass das, was mit den Mitteln des Protagonisten direkt und problemlos gelöst werden kann, gar kein Konflikt ist. Teilweise hängt das aber auch am Gegenüber: Wenn im Konflikt auf der anderen Seite ein Magier mit ähnlicher Kraft steht, kann er das direkte Lösen des Problems verhindern oder die scheinbare Lösung sofort rückgängig machen. Das wäre eine weitere Möglichkeit mit der Situation „meine Magie macht den Plot kaputt“ umzugehen. Aber auch das ist wieder reichlich spezifisch. Wenn man den magischen Gegenspieler nicht will, muss man wohl doch zu Einschränkungen greifen.

      • Ich glaube, da habe ich mich ungünstig ausgedrückt. Was ich sagen wollte: Das Verhältnis von Fähigkeiten der Magie und den Einschränkungen der Magie ist vor allem in Hinsicht auf den zentralen Konflikt des Plots von Belang. Umso näher sie dem zentralen Konflikt ist, desto schwächer muss sie sein – weil man, wie du so schön sagst, ja sonst gar keinen Konflikt (und damit auch keine Geschichte) hat.

        Einschränkungen, die weder den zentralen Konflikt berühren, noch die Persönlichkeit des Charakters beleuchten, existieren streng genommen überhaupt nicht. Damit könnte man zwar das Gesetz dem Wortlaut nach erfüllen, aber eben nicht dem Sinn nach. Außerhalb des zentralen Konflikts kann der Charakter hingegen ruhig über unermessliche kosmische Kräfte verfügen, da sind sowohl Einschränkungen wie auch Fähigkeiten bloß Flair. Die übermenschlichen Kräfte Samson des Narisäers wären in einer Liebesgeschichte vollkommen belanglos, damit kann er das Herz seiner Angebeteten nicht weichklopfen – wenn er weniger stark wäre, würde er das Herz halt nicht aus einer Eisenbahnschiene, sondern aus dünnem Kupferdraht biegen.

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