Die Weltenfabrik und Sandersons Gesetze der Magie: First law of magic

Da auch in der Weltenfabrik Magie verwendet wird, ist der folgende Essay für mich sehr interessant. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie man Magie als Autor einsetzt und welche Funktionen sie für die Geschichte einnehmen kann/ darf.

Sandersons First Law

An author’s ability to solve conflict with magic is directly proportional to how well the reader understands said magic.

(Die Fähigkeit eines Autoren, Konflikte mit Magie zu lösen, ist direkt proportional dazu, wie gut der Leser diese Magie versteht)

Darin steckt vor allem eine Grundannahme, die Sanderson vehement vertritt: Magie braucht Regeln. Diese Regeln legen eine Art Vertrag zwischen Autor und Leser fest, nämlich, dass der Leser, sobald er versteht, wie Magie funktioniert, nicht mehr mit extravagant ungewöhnlichen Anwendungen oder Regelbrüchen konfrontiert werden darf. Dies bricht sonst die Suspension of Disbelief, also den Willen des Lesers, sich auf die phantastische Welt des Autoren einzulassen und auch „Magie“ für „glaubwürdig“ im Rahmen der Geschichte zu akzeptieren. So verkommt die Anwendung von Magie zur Problemlösung zum Deus ex machina, zum Maschinengott, über den sich bereits antike Dramatiker lustig gemacht haben.

Dies löst Sanderson allerdings sogleich auf, indem er zugibt, dass im Bereich der Fantasy (in Abgrenzung zur Science Fiction) durchaus mehr Spielraum für wenig definierte Regeln vorhanden ist. Allerdings heißt „wenig definiert“ nicht „darf gebrochen werden“. So kommt er dann zu folgendem Schluss:

Resist the urge to use magic to solve problems unless you’ve already explained and shown that aspect of how the magic works. Don’t give the heroes a new power whenever they need one, and be very careful about writing laws into your system just so that you can use them in a single particular situation.

(Widerstehe dem Drang, Magie zum Lösen von Problemen einzusetzen, außer du hast bereits erklärt und gezeigt, wie die betreffende Art von Magie funktioniert. Gib deinen Helden keine neuen Kräfte, wann immer sie welche brauchen und vermeide es, Gesetze in dein magisches System zu schreiben, nur um sie in einer einzelnen Situation zu benutzen).

Das heißt, ein Zauberer, der angesichts einer Gorgone mit versteinerndem Blick zum allerersten Mal einen Spiegelzauber auspackt, ist problematisch. Dies lässt sich allerdings durch geschicktes Foreshadowing umgehen, bei dem Elemente und Aspekte der Magie durch Vorführung außerhalb eines wichtigen Konfliktes etabliert werden. Sobald der besagte Zauberer sich morgens also mittels seines praktischen Spiegelzaubers ankleidet und den Sitz seiner magischen Uniform prüft, kann er ihn später auch glaubwürdig einsetzen, um sich der Gorgone zu erwehren.

 

Nun zur Verbindung zur Weltenfabrik: Ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden, verschiedene Formen von Magie einzubauen. Zauberei im klassischen Sinne, also die Manipulation der Realität durch erlernte geistige Kräfte gehört dazu. Auch die besonderen Begabungen der Agenten, die sie für den Dienst in der Weltenfabrik qualifizieren, also zum Beispiel die Tatsache, dass ein Rakelor in die Zukunft sehen kann, ist eine Art Magie. Gemäß der Haltung, dass ausreichend weit entwickelte Technologie für einen Anwender, der sie nicht versteht, gleichbedeutend mit Magie ist, zähle ich technologische Wunderwerke in der Weltenfabrik eindeutig dazu. Die Fähigkeit, sich hochentwickelte Werkzeuge aus fortschrittlichen Welten zu besorgen, um sie für ihre Einsätze zu benutzen, macht den Agenten der Weltenfabrik eine Form von Magie zugänglich. Hier habe ich auch sauber darauf geachtet, dass ich neue Technologien sauber einführe bzw. ihren Einsatz nicht in zu überraschender oder konfliktentscheidender Weise einbaue. Oft benutze ich technische Spielereien aber auch, um ein bisschen chaotischen Flair einzubauen.

Wenn es z.B. darum geht, Licht zu erzeugen, kann ein Charakter vielleicht aufgrund seiner Begabung in der Dunkelheit sehen, wenn er diese Eigenschaft von einem Lebewesen kopiert, einer kann einen Lichtzauber benutzen und einer hat eine Taschenlampe oder kann sie aus einer Welt des Multiversums besorgen. Mit Bezug auf den Leser müssen hier nur die ersten beiden Varianten vorher eingeführt werden, denn Taschenlampen kennt er. Hat diese Taschenlampe weitere SciFi-Funktionen, kann z.B. Wesen der Dunkelheit verletzen, muss das wieder erklärt werden.

Spoilerwarnung!! (nur für diejenigen, die bereits das erste Buch der Weltenfabrik gelesen haben oder kein Problem mit Spoilerwissen haben):

Die einzige Stelle, an der ich ein bisschen gemogelt habe, ist das Finale. Und ehrlich gesagt habe ich hier auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen: Jan wäscht den Schatten mit einem gleißenden Licht fort, dass er vorher noch nie benutzt hat und von dessen Existenz der Leser erst in diesem Moment erfährt. Aber ich leite vorsichtig hin: Es gibt keinen Deus ex machine – Moment, weil es einen winzigen Hinweis im Namen Jan Lux gibt (und dass Lux Licht heißt, darauf weise ich extra hin), man weiß bereits, dass er als Rakelor über weitere geheimnisvolle Kräfte verfügt, die sich erst langsam offenbaren, und Jan macht im Finale noch einen wichtigen Entwicklungsschritt: Er entscheidet sich bewusst gegen das Schicksal, gegen die Prophezeihung und bricht erneut mit dem, was seine eigene Vision ihm gezeigt hat. Er akzeptiert, Herr über die eigene Zukunft zu sein und verändert aktiv das Geschehen, als er begreift, dass seine Visionen der Schlüssel zur VERÄNDERUNG sind. Insofern hoffe ich, dass dieser Moment glaubwürdig ist bzw. dass die unangekündigte Lichtflut darüber eigentlich in den Hintergrund tritt. Der Schatten scheitert nicht an Jans Magie sondern an seinem Begreifen, was es heißt, Rakelor zu sein.

 

Weiter geht es mit Sandersons second law.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Phantastik, Science Fiction, Vermischtes zur Weltenfabrik, Weltenbasteln

4 Antworten zu “Die Weltenfabrik und Sandersons Gesetze der Magie: First law of magic

  1. Ich glaube, ich würde die Regeln hier weniger eng auslegen. Will sagen, der Zauberer muss nicht unbedingt schon vorher einen Spiegelzauber ausgepackt haben – es muss nur etabliert sein, dass mit einem der Zauber, den er beherrscht, ein Spiegeleffekt möglich ist. Wenn also der Zauberer einen magischen Schild beschwören kann und an ganz anderer Stelle im Roman ein Veteran davon erzählt, wie er mal gegen einen Zauberer gekämpft hat, der einen solchen Schild besaß, und dabei beschreibt, wie schwierig es war, ihn zu treffen, weil er zeitgleich scheinbar auch immer gegen sich selbst kämpfen musste … Dann wäre das meiner Meinung nach ausreichend. Sprich, es muss nicht genau der Spruch gezeigt worden sein, sondern es müssen lediglich alle Versatzstücke so gezeigt worden sein, dass ein Leser selbst darauf kommen könnte, den Zauber so einzusetzen. (Und dann sollte man ihn auch in Zukunft so einsetzen und nicht bei der nächsten Gelegenheit, wo er praktisch wäre, wieder vergessen.)

  2. „Sprich, es muss nicht genau der Spruch gezeigt worden sein, sondern es müssen lediglich alle Versatzstücke so gezeigt worden sein, dass ein Leser selbst darauf kommen könnte, den Zauber so einzusetzen. (Und dann sollte man ihn auch in Zukunft so einsetzen und nicht bei der nächsten Gelegenheit, wo er praktisch wäre, wieder vergessen.)“ Volle Zustimmung. Ich wollte eher nur ein Beispiel bringen und keine neue Regel aufstellen. Gerade der Punkt in der Klammer ist auch wichtig: Natürlich kann man auch Flair aufbauen, aber offensichtliche Lösungen, die später irgendwo hinten herunterfallen, weil dem Autoren nach einer schwierigeren Variante oder einem längeren Konflikt ist, sind natürlich genauso daneben.

  3. Pingback: Die Weltenfabrik und Sandersons Gesetze der Magie: Second law of magic | Die Weltenfabrik

  4. Pingback: Die Weltenfabrik und Sandersons Gesetze der Magie: Third law of magic | Die Weltenfabrik

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