Die Sache mit Harry Potter und der unendlichen Geschichte

Ein wichtiger Bestandteil des Hypes um Harry Potter war Begeisterung auch erwachsener Leser für die Reihe, die doch eigentlich nur als Kinder- und Jugendbuch aufgelegt war. Wie kam das? Michael Ende hatte als deutscher Fantasy-Autor das Problem, in Schubladen zu landen, die seinem Werk absolut nicht gerecht wurden. Ist das fair? Und wenn ich in unserer großen Stadtbibliothek Fantasy-Literatur suche, dann muss ich in die Jugendbuchabteilung gehen. Dort steht dann – kein Scherz – sogar G.R.R. Martin und sein Lied von Eis und Feuer im Regal. Nochmal: In der Jugendbuchabteilung! Was soll das??

Phantastische Literatur hatte insbesondere auf dem deutschen Markt immer schon mit dem Makel zu kämpfen, nicht erwachsen genug zu wirken. Unsere Sozialisierung mit Märchen, aber vielleicht auch die gern zitierte deutsche Ernsthaftigkeit und Humorlosigkeit könnten da Erklärungen liefern. Oder aber – leider – auch die schlechte Qualität deutscher phantastischer Literatur. Das, was wir an englischsprachiger Fantasy zu fassen bekommen – jedenfalls das, was auf dem primären deutschen Markt übersetzt wird – ist da irgendwie viel besser. Selbstbewusster. Aber selbstverständlich gibt es mehr englische Autoren und Sturgeons Gesetz (90% of fiction is crap) gilt auch hier: Übersetzenswert ist nur der geringe Anteil wirklich guter Bücher, der ganze schlechte Kram wird vorher dekantiert und landet im Ausguss. Genauso geht es aber auch anders herum: Nicht nur der eingangs erwähnte Michael Ende liefert hervorragende und international anerkannte deutsche Fantasy. Auch zum Beispiel ein Walter Moers muss sich nicht verstecken! Und mit E.T.A. Hoffmann haben wir sogar einen der ersten Vertreter dieser Gattung überhaupt (wenn man die komplexe mittelalterliche Literatur, die ja quasi immer phantastische Elemente enthält, mal außen vor lässt).

Zumal der deutsche Leser ja ohnehin keine Berührungsängste mit Phantastik zu haben scheint: Nicht nur Krimi, Erotik oder Romance laufen gut, auch Fantasy ist eines der großen Genres und immer gut dabei. Und dennoch scheinen sich immer wieder Literaturkritiker zu finden, die sich intellektuell von den Inhalten der Gattung absetzen müssen – stellvertretend sei hier der selbstgefälligste Verriss zum Hobbit angeführt, der mir je untergekommen ist. Und nein, ich finde den Hobbit jetzt auch weder literarisch noch filmisch überragend, aber die Verachtung, die hier dem gesamten Genre gegenüber ausgespien wird, ist schon bemerkenswert. Ich bin neugierig: Kennt jemand einen ähnlichen Kommentar eines englischen Mediums vergleichbarer Reichweite?

Vielleicht wurden wir auch deswegen so vom Potter-Hype überrollt, als es hip wurde, Jugendliteratur ernst zu nehmen und auch als Erwachsener zu lesen. Vielleicht lernen wir auch, zuzugeben, dass die Erfahrungs- und Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen gar nicht so uninteressant und flach ist, wie uns gern eingeredet wird. In der Jugend erwacht ein Mut und eine Inbrunst, sich großen Fragen zu stellen, die im Erwachsenenalter nur zu gern vernachlässigt wird – zugunsten einer Sucht nach Sicherheit und Stabilität. Ich will nun den Teufel tun, den zeitgenössischen Jugendwahn und Selbstfindungsesoterik zu befeuern – beides ebenso oberflächlich und billig, wie es der Jugend selbst nur  allzu gern vorgeworfen wird. Aber es gibt Erwachsene, die noch immer von ihrer Jugendzeit zehren – sei es nun von den positiven Erfahrungen oder von ihren Traumata – und die sich gern mit dem eigenen Werden und Wachsen beschäftigen, um ihr heutiges Ich besser kennen zu lernen. Nicht, um die Jugend zu kopieren, sondern um an ihr zu reifen.

Und das ist der große Dienst, den uns Jugendliteratur und Phantastik tun kann: Einerseits kann man hier in eine Welt eintauchen, die der eigenen fremd und entrückt ist und andererseits sind wir doch alle schlau genug, die Konflikte und Themen, die dort behandelt werden, auf unser eigenes Leben zu übertragen. Wir können Erkenntnisse über uns selbst sammeln, ohne Nabelschau betreiben zu müssen – und dabei werden wir sogar oft genug noch erstaunlich gut unterhalten. Ich denke diese Mischung ist es, die erklären kann, warum „Young adult fiction“ gerade so anzieht und warum sie sich auch nicht zwangsläufig verstecken muss.

Wichtig ist nur, dass die Autoren dabei nicht den eigenen Anspruch an ihre Texte herunterschrauben und sich hinter der Schutzbehauptung zurückziehen, man würde ja „nur“ für Kinder und Jugendliche schreiben: Halbfertige Menschen, die es mit Literatur eh nicht so ernst nehmen und für die schon eine intellektuelle Pfütze den Tiefgang eines Ozeans bieten kann. Genau das ist der Fehler, den uns die nächste Generation nie verzeihen wird: Dass wir ihr nicht zutrauen, so tiefschürfende Gedanken zu haben wie wir, dass wir ihr nicht zumuten, den eigenen Geist so anzustrengen wie wir unseren und dass wir ihnen eine Sicht auf die Dinge vorenthalten, die wir uns selbst auch von unseren Eltern erkämpfen mussten. Und nur, weil sie dabei gern in fernen Welten träumen und die Extreme unerreichbarer Utopien oder dystopischer Abgründe dem „realen Leben“ vorziehen, heißt es nicht, dass sie von diesen Orten nichts von Wert in die Realität zurückbringen könnten.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Phantastik

Eine Antwort zu “Die Sache mit Harry Potter und der unendlichen Geschichte

  1. Ich mag die generelle Trennung der Genres bei Büchern nicht. Da ist es bei Filmen einfacher. Der Begriff „Fantasy“ wurde lange Zeit der Jugend zugeschrieben, dabei gibt es viele Bücher, die meiner Meinung nach dazu zählen und eindeutig für Erwachsene geschrieben sind. Nimmt man Schätzing oder Eschbach, fällt mir keine andere Bez. eichnung als Genre ein. Auch die Schublade „Science Fiction“ ist letztendlich nichts anderes als Fantasy und mit Lem schon einige Zeit alt…

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