Kurzgeschichte „Dungeon“, Teil 3

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Ihre Öllampe leuchtete nicht bis in die letzten Winkel der Halle, die sich als noch größer als erwartet herausstellte. Offenbar waren wir im ursprünglichen Frachtraum des Schiffs gelandet. Ich gehe nicht allzu sehr ins Detail, aber wir entdeckten: Eine falsche Wand, hinter der sich Alltagskleidung, jede Menge Vorräte für den Foodsynth, Ersatzteile und ein kompletter Ersatz-Raumanzug befanden, leider vollkommen inkompatibel mit unserer Ausrüstung. Eine defekte Com-Konsole, die ich auch nach mehreren Minuten Bastelei nicht mehr zum Laufen bekam. Eine ziemlich gemeine Speerfalle, mitten im Raum. Und zu guter Letzt: Einen Waffenschrank, leider nur mit pseudohistorischem Gear.
Zumindest waren wir nun für die nächste Auseinandersetzung besser bewaffnet – Lisl hatte sich ein schlankes Schwert und einen Dolch geschnappt, während ich mit einer handlichen Keule und einem Schild Vorlieb nahm. Wieder flutete mich ein Woge von Scham: Wenn auch nur ein Konkurrent uns in diesem Aufzug sehen könnte, würden wir uns in keiner Kneipe des Sonnensystems mehr sehen lassen können.
Dann machten wir uns daran, die hintersten Ecken des Laderaums zu inspizieren. In großen Metallcontainern, denen mit wenig Liebe fürs Detail eine Rostpatina aufgesprüht worden war, wurden wir endlich fündig. Das war der Shit: Originalverpackte Comics, He-Man-Actionfiguren, der berüchtigte Nachtwächterschlumpf aus dem Überraschungsei, die rote Dungeons-and-Dragons-Box inklusive Gygax-Signum, Shadowruncharakterbögen der ersten Auflage und einige berüchtigte Fehldrucke von Fanzines und Anleitungsheften. Insgesamt sicherlich eine Tonne Nerdramsch, der sich zu absoluten Höchstpreisen verscheuern ließ.


„Das hat sich diesmal echt gelohnt!“, lobte Lisl, während sie stichprobenartig die Beute sichtete. Im Kopf kalkulierte sie garantiert schon den Gewinn, den wir herausschlagen konnten.
Mir dagegen gefiel die ganze Sache nicht. Bisher war alles nach Schema F gelaufen.
„Wo ist der Endboss?“, fragte ich.
„Der was?“
„Na du weißt schon – der fiese Obermacker, der ganz zum Schluss auftaucht und den die Helden besiegen müssen, um an den Schatz zu kommen, den Tag zu retten oder die Prinzessin zu befreien.“
Lisl runzelte die Stirn und antwortete: „Du faselst.“
„Nein. Ehrlich! Überleg doch mal, was der Typ für einen Aufwand betrieben hat, sein halbes Schiff in ein überdimensionales Brettspiel zu verwandeln. Und dann, im kritischen Moment, passiert nix und wir finden einfach den Schatz?“
Nervös blickte ich mich um, immer noch in Erwartung des Endgegners.
„Dungeon.“
„Was?“
„Dungeon, nicht Brettspiel.“
„Ist doch egal.“
Lisl warf eine Ausgabe der Detective Comics Edition 27 zurück auf den Stapel und schnaufte verächtlich. „Eben hast du noch so viel Wert darauf gelegt, das Klischee zu erfüllen. Also benutz‘ auch die richtigen Termini.“
In diesem Augenblick brach der Drache durch die Wand. Scheiß auf Termini, es war eine zehn Meter lange Metallschlange mit Eidechsenbeinen, Flügeln und Flammenwerfer im Maul. Im Gegensatz zu den anderen Robotern, denen wir bisher begegnet waren, schien dieses Modell in tadellosem Zustand zu sein.
Sie öffnete die Schnauze und ein verzerrter Voicesynth schnarrte: „Verzeiht mein verspätetes Erscheinen. Jedoch begab sich, dass mein Lithiumpack sich während der langen Zeit meines Wartens entlud. Ihr seid wahrlich wie eine Horde Trolle durch mein Reich gestampft und es grämte mich über die Maßen, euch nicht eher Einhalt gebieten zu können. Doch nun bin ich bereit! Ihr habt Hand an meinem Hort gelegt, als spürt meine feurige Rache!“

Sprachs und sprühte aus einer Düse im Maul einen feinen Dunst aus Ethanol und Benzin in unsere Richtung. Die Zündung des Flammenwerfers hatte wohl versagt.
Mir wollte kein rechter Konter einfallen, dem ich der Blechbestie entgegenschleudern konnte, also suchte ich zuerst einmal Deckung. Lisl tat es mir gleich. Wir umkreisten den geschuppten Leib und hielten Distanz, während unser Gegner probeweise nach uns schnappte und mit den Krallen funkenschlagend über das Laderaumdeck kratzte.
Ich landete einen prima Treffer am hinteren rechten Bein, aber der erzeugte keinerlei Wirkung. Die Keule glitt einfach vom Metallpanzer des Drachen ab.
Immer wieder versprühte der Drache den brennbaren Dunst, doch zum Glück gelang es ihm nicht, diesen durch das Funkenschlagen seiner Klauen zu entzünden.
Irgendwann kam mir eine Idee und ich gab Lisl mit einem Wink zu verstehen, dass sie unseren Gegner weiter beschäftigen sollte. Dann huschte ich zurück zu der Stelle, an der wir den Raumanzug entdeckt hatten. Die lange Zeit, die das gute Stück in dem Wrack gelegen hatte, kam mir nun zugute, denn es handelte sich um ein veraltetes Modell ohne Rebreather und Oxygenator sondern mit guten alten Druckkartuschen. Mit zittrigen Händen baute ich beide Behälter aus und kehrte zurück in die Schlacht. Lisl war in eine Ecke gedrängt worden und es war höchste Zeit, dass ich wieder in den Kampf eingriff. Den Schild beiseite geworfen und die Keule mit beiden Händen fest gepackt und KLONG. Immerhin hatte ich jetzt seine Aufmerksamkeit.
Und wie ich die hatte! Der Drache fegte eine der Holzsäulen mit der Pranke beiseite und ich schwöre, sie verwandelte sich dabei buchstäblich in feine Späne. Dann machte er einen Satz auf mich zu. Ehe ich allerdings meine begrenzte Munition vergeudete, musste ich ihn ködern. Also gab ich ihm den intellektuell ziemlich begrenzten Spruch: „Friss das, Echse!“, und warf ihm mit Schwung die Keule an den Kopf.
Geschickt fing der Drache sie mit dem Maul auf und antwortete: „Mit Vergnügen, Menschling! Meine Art ist mit einer Beißkraft von Zehntausend Newton pro Zentimeter gesegnet. Siehe die Macht der Drachen!“ Trotz voller Kiefer – die Keule war zwischen den Zähnen verkantet – sprach er noch immer sonor und artikuliert. Der Segen des Voicesynths, der keine Zunge für die Lautbildung benötigte. Dann biss er die Waffe glatt durch. Ich war tatsächlich ein bisschen beeindruckt.
„Man soll nicht mehr abbeißen, als man schlucken kann, Scheusal!“ – mit diesen immer noch nicht sonderlich originellen Worten schleuderte ich ihm die Pressluftkartuschen entgegen. Wie ein Hund nach einem Stock schnappte er mit einer fast schon verspielt anmutenden Körperdrehung nach einem der Metallzylinder und biss kräftig zu. Die Explosion zerriss seinen Kopf und schickte schartige Schrapnelle in alle Richtungen – ein Umstand, mit dem ich nicht gerechnet habe. War einfach nicht mein Tag, kopfmäßig.
Jedenfalls hat Charly die meisten Splitter hinterher wieder herausgeholt. Nur das hier – und dabei tippe ich auf ein dunkles Metallstück, dass sich tief in mein Jochbein eingegraben hat und das ich heute benutze, um mein Monokel einzuhängen – das habe ich als Andenken behalten. Und jetzt spendier mir noch einen, die Geschichte macht mir jedes Mal eine trockene Kehle.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kurzgeschichte, Science Fiction

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