Kurzgeschichte „Dungeon“, Teil 2

Zum ersten Teil


Ich probierte die erste und stieß ein missvergnügtes Zischen aus, als ich Pech hatte. Natürlich verriegelt. Blieb die andere. Und – tada, ebenfalls verschlossen.
Jetzt machte es sich bezahlt, dass meine Partnerin sich immer gegen Neuralimplantate gesträubt hatte und ihr Handwerk noch auf die gute alte Art gelernt hatte – synaptischer Hardcode, sozusagen. Ah, da war doch tatsächlich mein schlaues Vokabular aus den Untiefen des Neocortex zurück an die Oberfläche der Kognition geschwappt.
Lisl jedenfalls bog ein Stück Draht zurecht und fummelte ihn in die Öffnung des Schlosses. Dann folgte eine atemberaubende Darstellung expressionistischer Mimiken mitsamt herausgestreckter Zunge bei besonders kniffligen Momenten. Und – klick – ich glaubte meinen Augen kaum, als sie die Tür völlig ohne Pickertool aufzauberte. Man sagt ja, hinreichend entwickelte Technik sei in den Augen Unwissender wie Magie. Doch noch viel beeindruckender ist es, wenn jemand Dinge, zu denen man mikroelektronische Wunderwerkzeuge zu brauchen glaubt, nur mit dem bewerkstelligt, was er aus dem Dreck auf dem Boden aufgelesen hat.
Ich fühlte mich unnütz. Immerhin konnte ich dieses Gefühl ein wenig durch den Wagemut kompensieren, die Tür zu öffnen und den dahinterliegenden Gang zu durchschreiten. Nichts Aufregendes geschah und ich landete in einer runden Kammer, deren Decke eingedrückt war. Zum Glück war die Rumpfhülle des Wracks an dieser Stelle noch soweit intakt, dass die gefrorene Europa-Atmosphäre nicht eindringen konnte. Ich duckte mich unter einem geborstenen Metallträger hindurch, der die Mittelalterdeko durchbohrt und mit seinem Ende eine Holzkiste auf dem Boden festnagelte. Keine Bewacher, immerhin. Lisl folgte und wir inspizierten den Raum. Bis auf die Kiste und eine weitere Tür nichts Interessantes, abgesehen davon, dass in Abwesenheit all unserer technischen Hilfsmittel die ganze Fantasy-Inszenierung eine deutlich andere Wirkung auf mich entfaltete als vorher.
„Wollen wir einen Blick in die Kiste riskieren?“, fragte ich und erntete ein vorsichtiges Nicken. Der Deckel war nicht aufzubekommen, ohne den tonnenschweren Träger hoch zu stemmen, doch nach einigem Suchen entdeckte ich eine Spalte zwischen zwei Holzelementen. Dort setzte ich meine Speerspitze an und hebelte die Brettchen beherzt auseinander. Es klimperte und blinkte.


Meine Partnerin reagierte zornig. „Was ist denn das? Gold? Ehrlich? So ein Mist. Das nützt doch zu nix. Vielleicht ist das hier wirklich nur ein Spiel.“
Noch immer prasselten Münzen durch die Öffnung und quollen als sich langsam ausbreitende Pfütze über den Boden. Dann war der Moment erreicht in dem – hinterher kann ich es mir nur so erklären – ein Druckschalter in der Kiste ausgelöst wurde, weil das Gewicht des Goldes zu stark abgenommen hatte.
Es gab ein vernehmliches Klicken, das deutlich über das Geräusch der Münzen tönte. Mir blieb noch genug Zeit, ein bedeutungsschwangeres „Oh-oh“ zu knurren, dann zischten kleine Pfeile durch die Luft. Die meisten prallten wirkungslos von meiner Anzugpanzerung ab, doch Lisl legte mehr Wert auf Beweglichkeit und war wesentlich schlechter geschützt. Binnen einer Sekunde staken drei der Geschosse aus ihrem Bauch, dann hatte ich reagiert, sie zu Boden gerissen und mich schützend auf sie geworfen. Wenige Augenblicke später war der Spuk vorbei.
Wir untersuchten die Verletzungen und konnten die Pfeile entfernen – fiese kleine Dinger, aber zum Glück mit Lanzettspitzen ohne Widerhaken. Durch den Anzug waren sie noch gedrungen, aber sie steckten nur ein-zwei Zentimeter tief im Fleisch. Ich sage dies so einfach, doch ich weigere mich, hier die Flüche wiederzugeben, die Lisl ausstieß, während ich sie verarztete und die Projektile herauszog.
Schließlich entlud sich der Frust und Ärger über die Falle, in die wir so plump getappt waren, in einem Wutgeheul meiner Partnerin, die anschließend auch noch mit aller Kraft gegen die Kiste trat und so Goldmünzen quer durch den ganzen Raum verspritzte. Aber alles half nichts, wir hatten ja beschlossen, unsere Flucht nach vorn anzutreten. So verließen wir die Kammer und fanden uns in einem Gang mit mehreren Abzweigungen wieder, die wiederum durch weitere Türen verschlossen waren. Wir lauschten überall, konnten aber keinen Hinweis auf Wachen oder Fallen erspüren.
Dann war es wieder an mir, voranzugehen. Die erste Pforte führte zu einer Art Lagerraum, in dem wir unter einem Haufen nutzlosem Plunder auch zwei Öllaternen entdeckten – deutlich besser als der brennende Lumpen, der den Zenit seiner Helligkeit auch schon längst überschritten hatte.
Die nächste Tür führte in eine Schlafkammer – zum Glück ohne Bewohner. Einfache Strohsäcke und ein Haufen Lumpen, mehr brauchte es nicht, um die stolzen Besitzer des Etablissements zufriedenzustellen.
Die nächste Tür führte in eine dunkle Höhle voller Foltergeräte. Zumindest meinem ersten Eindruck nach, denn der Raum stellte sich nach einem zweiten Blick als komplette mittelalterliche Küche heraus. Der ganze Kram war gut in Schuss und von wesentlich höherer Qualität als die restliche Fantasydeko. „Schau mal, das sieht so aus, als hätte es wirklich mal jemand benutzt. Ob dieser Freak hier wirklich sein Essen gekocht hat?“, fragte ich Lisl.
„Kann ich mir nicht vorstellen. Jedenfalls nicht ständig. Wir haben doch vorhin auch einen Foodsynth gefunden, erinnerst du dich?“
„Oh ja. Der Kerl muss total auf Hackbraten abgefahren sein.“
Kein Scheiß – ich hatte das Log des Geräts ausgelesen. Die letzten 100 synthetisierten Mahlzeiten bestanden allesamt aus Hackbraten mit Mischgemüse und Reis. Kein Wunder, dass der ehemalige Besitzer des Wracks weich in der Birne wurde.
Wir stöberten einige Zeit in der Küche herum, entdeckten aber keine Vorräte. Allerdings gab es ein nettes Sortiment an Messern und ein großes Schlachterbeil, mit dem sich Lisl ausstattete. Ich schnappte mir eine Filetierklinge, schenkte aber meinem halben Speer immer noch mehr Vertrauen, immerhin brachte er ein bisschen Distanz zwischen mich und einen potentiellen Gegner.
„Schau mal, da hinten ist die Wandverkleidung eingedrückt.“, machte mich Lisl aufmerksam. „Kannst du dort irgendeinen Funkkontakt zu Charly herstellen?“
Ich machte mich ans Werk und stülpte eine Quadratmeterkachel Hartplaste-Mauerwerk von der Wand. Dahinter lagen einige Versorgungs- und Energieleitungen, aber keinerlei Steuereinrichtungen. Ich wollte schon unverrichteter Dinge abziehen, da entdeckte ich eine Richtungsmarkierung an einer der Leitungen. Und tatsächlich wies sie mir den Weg zu einer kleinen Steuerbox. Immer noch kein Computerterminal, aber ich begann trotzdem, an den Sicherungen und Schaltern zu spielen – offenbar mit dem gewünschten Effekt, denn irgendwie zündete ich den Mittelalterherd und kurz danach auch eine diffuse Lichtquelle. Energie war also vorhanden. In der Hoffnung, Charly würde das Wrack sorgfältig im Blick behalten, verließ ich mich auf das Morse-Alphabet und gab durch Ein- und Ausschalten sämtlicher Stromleiter geduldig eine kurze Nachricht durch: „EMP. Sitzen fest. Anzug u Waffen defekt, brauchen Ersatz“
Sicherlich würde unser Kollege eine Weile brauchen, um uns ein Care-Paket zurechtzumachen und vorbeizuschicken, deswegen begaben wir uns wieder auf den Weg und erkundeten den Rest der Umgebung.
Hinter der nächsten Tür lauerte endlich die befürchtete Wachmannschaft: Drei breitschultrige Roboter mit vergammelter Fakeskin-Camo tappten uns entgegen und hoben dabei missmutig schartige Säbel und Schilde. Früher mal – bevor das Schiff hier auf Grund gesetzt wurde – hätten sie sicher mal Echsenmenschen oder Drachen-Typis dargestellt, nun sahen sie ziemlich traurig aus, wie ihnen da die in Zeitlupe verwesenden Schuppen vom Bauch purzelten. Dem einen Wächter hing ein Auge, nur von einem klebrigen Draht gehalten, neben der Nase, aber immerhin waren seine Bewegungen noch ganz rund. Das Chassis hatte sich also gut gehalten.
Moment mal. Die wollten mir ans Leder und ich stand hier blöde herum und bewunderte die Technik dieser Mordmaschinen. Tja, man kann das Mittelalter einfach nicht ernst.. AU! He du Sack! Nimm das! Haff, Haff. Scheiße, der hat einen Schild und keine Angst ihn zu benutzen. Also gut… ein Schritt nach Links, Drehung antäuschen und … Mist. Pariert. Kläääng. Aua! Mein schöner Anzug. Ach egal, ist eh kaputt. Nun aber. Holla! Und … na… na.. ins AUGE! Yeah!
Irgendwie hatte mich die ganze Sache doch mehr mitgerissen als ich zuerst erwartet hatte. Lisl beäugte mein Freudentänzchen stirnrunzelnd, verkniff sich aber eine weitere Kommentierung meiner entwürdigenden Vorstellung.
In der Zeit, in der ich mir mit Mühe einen dieser Gammelbrüder vom Leib gehalten hatte, hatte sie zwei Gegner fachmännisch zerlegt. Zumindest ließ sie sich dazu hinreißen, einen abgetrennten Roboterkopf mit einem festen Tritt aus dem Weg zu katapultieren.
Was hatten diese Wächter nun bewacht? Den Jackpot! Den schieren Jackpot! Da war ich mir sicher. Wir mussten ihn nur noch finden.
Lisl trübte die Stimmung ein wenig: „Ist dir schonmal der Gedanke gekommen, dass dein Herumspielen an den Sicherungen diese Dinger überhaupt erst aufgeweckt hat?“
Ich grummelte eine Antwort, schaute mich aber lieber in dem Raum um. Eigentlich war es schon eher eine Halle. Die Wände waren hier wieder mit den schäbigen Polyesterteppichen ausstaffiert, aber mitten im Weg befanden sich auch Säulen aus echtem Holz, die jemand ziemlich aufwendig beschnitzt hatte. Ich fuhr mit dem Finger über die kleinen Kunstwerke und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Ich glaube, das könnte schon was wert sein. Handwerk – und dazu noch echtes biologisch gewachsenes Holz – dafür findet sich sicher ein Liebhaber.“
„Und wie willst du die Teile hier rausbuckeln?“
„Eins nach dem anderen …“
Nun trat auch meine Partnerin an die Säule, tippte mit dem Griff ihrer Waffe an das Kapitell und ließ ein vieldeutiges „Hm-hm.“ vernehmen. Dann straffte sie sich und sagte bestimmt: „Später. Lass uns zuerst den Auftrag erledigen.“

 


Hier geht es zum dritten Teil.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Kurzgeschichte, Science Fiction

2 Antworten zu “Kurzgeschichte „Dungeon“, Teil 2

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