Kurzgeschichte „Dungeon“, Teil 1

Die folgende Kurzgeschichte entstand im Rahmen eines Kurzgeschichtenwettbewerbes. Obwohl sie dort keinen dotierten Platz erreichte, halte ich sie für so originell, dass ich sie hier in den nächsten Tagen schrittweise präsentieren möchte. Wenn ich fertig mit der Formatierung bin, wird es die Story auch mit einem Probekapitel der Weltenfabrik hier zum Download geben. Obwohl man beim Titel an ein Fäntelalter-Setting denken mag, habe ich mich entschieden, sie tatsächlich in der Science-Fiction anzusiedeln. Aber auch dort kennt man natürlich die üblichen Klischees und weiß mit ihnen fertig zu werden…


Wer auch immer auf die Idee gekommen war, dieses Wrack mit der ganzen Mittelalterdeko auszustaffieren, gehörte gekielholt. Und zwar im Jupiterorbit. Verflucht, schon wieder hing einer dieser Wandteppiche im Weg. Also weg damit. Wärme der Befriedigung kroch über meine Haut, als mein Thermovaporisator-Strahl das billige Polyesterteil teils zerschmolz und teils verdampfte. Kleine Kleckse sich eilfertig verflüssigenden Kunststoffs tropften wachsgleich auf den Boden und wirkten dabei authentischer als all der Kitsch ringsum.
Da, na endlich! Die Steinmauertapete war von einem Schaltkasten unterbrochen, dessen Hülle dem Hitzestrahl problemlos standgehalten hatte. Obgleich das Ding noch orange glühte, zerrte ich den Deckel, Handschuh sei Dank, auf und wühlte kurz im Kabel- und Sicherungsgewirr dahinter. Meine Güte! Nicht nur der Dekorationsgeschmack des Schiffsbesitzers war prähistorisch, das ganze Wrack stammte offenbar aus der Zeit, als der Schiffsreaktor noch mit Kohle gefahren wurde. Oder so ähnlich. Mit meinem Multispektralschlüssel kam ich hier nicht weiter. Das war plumpe Elektrik, keine Quantenelektronik. Ich seufzte und blickte ungnädig auf meine Sauerstoffwerte – alles im grünen Bereich, also weiter. Die Skillsoftware für den ganz alten Kram passte zum Glück auf einen Plugchip, der war schnell eingeworfen und warmgelaufen. Ah. Roter Draht. Erneutes Klischee.
Ich zupfte am Kontakt und trat zurück, mein frisches Werk begutachtend – und tatsächlich, diesmal fuhr das Sicherheitsschott hoch und gab Lisl mitsamt einem Schwall von Schimpfworten frei.


Meine Partnerin stand knietief in zähem Schleim, der hier und da mit Resten von Chitinpanzern und anderen Widerlichkeiten durchsetzt war. „Was ist das hier?“, fragte sie, „Irgendein Fetisch-Ding? Für eine Falle einfach nur lächerlich. Das Schott fiel zu und aus den Wänden kamen tausende dieser Käfer gekrabbelt. War natürlich kein Problem, Grillpistole sei Dank.“ Dabei tätschelte sie ihren handlichen Mikrowellenwerfer, der jetzt wieder friedlich in seinem Holster an ihrem Gürtel baumelte. Durch das Schott hatte das Platzen der Käfer wie frisches Popcorn geklungen. Jetzt roch es auch so ähnlich.
„Frage ich mich schon die ganze Zeit. Wir sollten zusehen, dass wir das Ding durchziehen und schnell wieder rauskommen. Da geht’s weiter!“
Ich deutete in einen Gang, der von Fackeln erleuchtet wurde. Ohne Scheiß. Fackeln. Keine billigen Hololichter, echtes Feuer. Sie brannten noch immer, obwohl dieser Schrotthaufen garantiert schon seit fünfzig Jahren im Eispanzer Europas steckte. Lisl hatte einen der Wandbehänge abgerissen und wischte sich Käferschleim von ihrem Compositpanzer. Sie murrte: „Diesmal gehst du vor!“
Das Thema des Innenarchitekten hatte sich nun leicht verändert – von dem buntfröhlichen Eingang etwas weiter entfernt wurde hier tief in die Mystik-Kiste gegriffen. Spinnennetze hingen vor den leeren Augenhöhlen einer Wachbrigade Skelette, die lächerlich gezackte Schwerter und Doppeläxte vor sich hielten.
Das unstete Licht und der Steinboden, auf dem meine Stiefel vernehmlich klickerten verstärkte den Eindruck, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. In dem Moment, in dem der erste Knochenmann sich rührte, schmeckte er meinen heißen Strahl. Jämmerlich sanken die bleichen Gesellen dahin und beim letzten hatte ich so viel Gefallen an der Sache gefunden, dass ich ihm nur die Beine verstrahlte. Die heißen Kunststoffstumpen verklebten mit dem Untergrund und ließen ihn spektakulär auf den Kiefer krachen.
„Immer noch keine wirkliche Herausforderung. Was hat Charly gesagt? Schwere Sicherheitsvorkehrungen? Das ist doch lächerlich!“ Lisl gab dem demolierten Skelett einen Fußtritt und offenbarte damit die feinen Aktuatoren und Steuerdrähte, die in seinen Schädel und die Gelenke eingelassen waren. Roboter. Und zwar ganz ordentliche, immerhin passte die ganze Technik in diese schmalen Gerippe.
Die dämliche Rätseltür erspare ich mir in diesem Bericht. Nur soviel: Wir haben ziemlich drüber gelacht.
Und dann – bumm. Licht aus. Katastrophe. Das totale Chaos bricht los. Erstens bekam ich keine Luft mehr, nicht einmal einen Warnton konnte sich mein Anzug noch abpressen und zweitens rammte mich ein Meteorit – zumindest fühlte es sich so an – und warf mich um. Auf dem Rücken liegend strampelte ich um mein Leben, weil irgendetwas furchtbar großes und schweres auf meinem Brustpanzer saß und versuchte, sich mit bloßen Zähnen und Klauen bis zu meinem Fleisch durchzugraben. Ich vernahm, wie der Stahl gepeinigt knirschte und zerriss, dann kam der überhöhte Umgebungsdruck durch und schlug mir auf die Ohren und mich K.O.
Als ich wieder bei mir war, zerrte Lisl gerade zwei Zentner lebloses Fleisch von mir herunter. Schweißperlen troffen von ihrer Nase und auf mein Visierglas. Es dauerte einige Sekunden, bis ich begriff, was das bedeutete: Sie hatte ihren Helm abgenommen! Ich setzte mich auf und schaute mich um: Die einzige Lichtquelle war ein glimmender Lumpen, den Lisl auf einen Speerschaft gehängt hatte. Der Rest der Waffe steckte abgebrochen im Genick des Monsters, das mich beinahe erledigt hatte. Ja, ich sage bewusst Monster, denn weder hatte ich eine Ahnung, was dieses Ding war noch wollte ich es weiter erkunden. Ich kämpfte mich aus dem Helm und atmete durch. Die Luft war soweit sauber, auch wenn ich das Gefühl hatte, Sirup zu atmen.
„Was zur Hölle ist hier los?“, fragte ich.
„Totalausfall. EMP oder sowas. Die Anzüge sind hin. Lampen sind aus. Auch die Waffen sind futsch.“
Ich bemerkte eine blutige Schramme an ihrem Unterarm, die sie notdürftig mit einem Stück Stoff verbunden hatte. Das Medikit war in meinem Rucksack – und da hatte ich draufgelegen. Der Autodoc würde uns ohnehin keine Hilfe sein, aber steriles Verbandsmaterial fand sich schnell. Nach kurzer Untersuchung, die sie schweigend über sich ergehen ließ, kam ich zu dem Schluss, dass ich die Wunde nicht mehr aufreißen wollte und sparte mir weitere Maßnahmen.
„Wie lange war ich bewusstlos?“
„Schon einige Minuten. Dein linkes Trommelfell ist wahrscheinlich geplatzt, du blutest aus dem Ohr.“
Das erklärte den Umstand, dass ich mich sehr konzentrieren musste, um sie zu verstehen. Außerdem ertönte dauerhaft ein fieser Piepton, der es mir schwer machte, klar zu hören.
„Also gut. Wir brauchen frische Anzüge oder eine Comverbindung, damit Charly uns welche besorgt. Bis dahin sitzen wir hier fest. Da können wir genauso gut weiter zum Ziel und uns hinterher Gedanken über die Evakuierung machen.“
Ich stemmte mich in die Höhe und musterte die Umgebung. Ein weiteres Wesen lag mit zerschmettertem Schädel in einer Ecke des Raumes. Bis auf den Speer, den Lisl ganz wunderbar zerbrochen hatte gab es keine weiteren Waffen. Also zog ich die Hälfte mit der Klinge aus meinem Angreifer und schwang sie probehalber hin und her. Keine Ahnung, wie man so ein Ding benutzte. Stich sie mit dem spitzen Ende – weiter kam ich nicht mit meinem Latein.
Lisl unterdessen hatte ihre Grillpistole wie eine kurze Keule gepackt – nicht dumm, immerhin lief die Waffe an der Mündung auseinander. Und das Gehäuse bestand aus irgendwelchem Titankram, hart wie Stein. Oder noch härter. Himmel, ohne meine Skillsofts musste ich mich erst einmal wieder im Universum einloten, ehe ich auch nur einen vernünftigen naturwissenschaftlichen Gedanken fassen konnte.
„Wo geht’s jetzt lang?“, fragte ich unsicher.
Lisl zuckte die Achseln. „Da drüben gibt es zwei Türen.“ Sie leuchtete mit ihrer improvisierten Fackel und tatsächlich waren graumetallene Portale in die Wand eingelassen. Sie wirkten stabil genug, um uns ernstliche Probleme zu machen, sollten sie verschlossen sein.


Hier geht es zum zweiten Teil.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Kurzgeschichte, Science Fiction

2 Antworten zu “Kurzgeschichte „Dungeon“, Teil 1

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