[Rezension] „Cronos Cube“ von Thekla Kraußeneck

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Im Jahr 2030 hat sich Europa verändert: Aufgrund von mehreren Terroranschlägen (einer davon in Gundremmingen, Stichwort: AKW) gab es umfassende Reformen. Die Mitgliedsstaaten der EU haben ihre Autonomie aufgegeben und sind nun Bundesstaaten in einer diktatorischen EU-Pseudodemokratie, in der die politischen Entscheidungen von den Abstimmungen der Parlamente weitgehend entkoppelt wurde. Eine Organisation namens META überwacht die europäischen Bürger auf Schritt und Tritt und setzt dazu eine fortschrittliche Drohn

entechnologie ein, um umfassende Daten über jede Bewegung verdächtiger und unverdächtiger Personen zu sammeln. Niemand entkommt diesem System, außer er bewegt sich außerhalb der physischen Realität und taucht via eines Cronos Cube genannten Spielecomputers in eine VR-Simulation ein.

Soweit ist das Setting schnell erklärt. Es zieht sich stringent durch das ganze Buch und sitzt de

 

n Charakteren auch ziemlich im Genick. Die beiden Hauptfiguren, Zack und Lachlan, sind Iren und Brüder durch Zufall (Zacks Eltern sind abgehauen und Lachlans ENORM reiche Mutter konnte schließlich davon überzeugt werden, den Jungen bei sich aufzunehmen) und beste Freunde. Leider sind sie auch die einzigen Charaktere im Buch, bei allen anderen Figuren reicht es höchstens zum grob umrissenen Typen. Zack strebt eine Laufbahn als Leibwächter an und stellt sich daher mit dem System gut, während Lachlan dank des enormen Reichtums seiner Eltern eigentlich gar nichts machen müsste, sich aber zum Revoluzzer berufen fühlt und die europäische Diktatur notfalls blutig stürzen möchte. Aus diesem Spannungsfeld ergeben sich interessante Verwicklungen, zumal schnell klar wird, dass Lachlans Gefühle für Zack nicht nur quasi-brüderlicher Natur sind. Doch dann wird Lachlan entführt und ein geheimnisvoller „Emil“ versucht, durch ihn Software zu erhalten, die Lachlans Vater programmiert haben soll: Erion, die ultimative Waffe.

Schnell stellt sich heraus, dass dieser Code in der virtuellen Realität des Cronos Cube versteckt ist, einer Spielewelt, die verdächtig an gewisse MMORPG-Klassiker erinnert, auch deren Jargon übernimmt (Damage Dealer z.B.) und die Spieler durch lineare Quests schickt. Hier sticht der Hintergrund der Autorin Kraußeneck durch, die im Einband als „Gamerin“ vorgestellt wird. Ich selbst  bin kein begeisterter MMORPG-User, ich bevorzuge die wesentlich größere Handlungsfreiheit von P&P-Rollenspiel und war im Buch maßlos enttäuscht von der Einfallslosigkeit, mit der sich die Autorin das VR-Geschehen im Jahre 2030 vorstellt. Charaktere werden immer noch in Klassen eingeteilt (die der Spieler aber nicht auswählt, sondern durch eine pseudopsychologische Profilierung übergestülpt bekommt), man steigt noch in Stufen auf, indem man Monster tötet, alles wirkt schrecklich instanziert. Das namensgebende Kernstück des Romans ist leider ein phantasieloses Konstrukt, das nichtmal ansatzweise an die Wildheit, Unberechenbarkeit und Fremdartigkeit anderer Roman-VRs heranreicht wie zum Beispiel dem Otherland von Williams. Ich sehe hier einen Riesenhaufen verschenkten Potentials.

Ein zweiter Punkt, der mir nicht gefiel war die Abwicklung des Endes: Mein Eindruck war, dass mit viel Zwang und Druck die Charaktere in Handlungsweisen gezwungen wurden, die ihrem bisherigen Wesen nicht entsprachen. Das war keine Charakterentwicklung, das war ein Persönlichkeitsloch. Auch hier wurde viel Potential verschenkt.

Dennoch glaube ich, dass das Buch gerade für „Gamer“ wie Kraußeneck reizvoll sein kann. Wer den aktuellen MMORPG-Stil ansprechend findet, wird sich in der Welt des Cronos Cube schnell wohlfühlen und mit den Figuren mitfiebern, wenn sie Stachelraupen oder verseuchte Schmetterlinge plattmachen müssen. Obendrein gibt es eine ziemlich glaubwürdige Dystopie, in der sich Europa in einen undemokratischen Überwachungsstaat verwandelt hat und die Spannungen zwischen den beiden Hauptfiguren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie für Slashfiction geeignet sein könnten.

Wie üblich gebe ich keine Punktewertung, kann aber insgesamt nur eine eher eingeschränkte Leseempfehlung geben.

 

  • Titel: Cronos Cube
  • Autorin: Thekla Kraußeneck
  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: Liesmich; Auflage: 1 (26. Mai 2017)
  • ISBN-13: 978-3945491041
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Autorenvortrag und Lesung: Klassenstunde mit der Weltenfabrik

Heute war es dann soweit: Ein Termin, dem ich schon länger entgegengefiebert habe. Autorenvortrag und Buchlesung in einer 7. Klasse in der Neuen Nikolaischule zu Leipzig. Organisiert wurde das Ganze von der Tochter einer Freundin, die den ersten Band der Weltenfabrik förmlich verschlungen hat. Letztes Jahr wurde das Buch von ihr auch im Rahmen einer Buchbesprechung vorgestellt. Bereits zu diesem Zeitpunkt war sie wahnsinnig stolz, den Autoren persönlich zu kennen und ihn für ihren Bericht interviewen zu dürfen.

Die Terminabsprache war … suboptimal und missverständlich, auf beiden Seiten. Letztlich stand ich heute vor dem Klassenzimmer, während die Referendarin, die den Deutschunterricht im Moment betreut, davon ausging, sich erstmal mit mir zu treffen, um den Inhalt meines Vortrags ein wenig zu besprechen. Oh weh. Aber wir haben uns einigen können und ich war ehrlich gesagt so aufgeregt, dass ich es einfach hinter mir haben wollte.

Also direkt rein ins Vergnügen und die überrumpelte Klasse mit den Worten begrüßt: „Hallo, mein Name ist Christoph Dolge und ich habe ein Buch geschrieben.“ Yeah. Das hatte gesessen. Große Augen durch alle Bänke.

Dann begann ich mit dem Autorenvortrag, bei dem ich im Urschleim angefangen habe: Geschichten erzählen. Pan narrans im Sinne von Pratchett und was das alles für mich bedeutet. Warum ich mich entschieden habe, selber Geschichten für meine Kinder auszudenken und wie es zur Buchidee kam. Was Phantastik für mich bedeutet und so weiter.

Anschließend konnte ich etwas über das Schreibhandwerk berichten. Wie gestalte ich eine Buchidee, was macht mein Notizbuch, wie arbeite ich beim Schreiben am Konzept und so weiter Interessant war für das Publikum und mich wohl die Frage: Wird in der Schule überhaupt AN Texten gearbeitet? Oder bleibt ein Werk immer auf der Stufe der ersten Fassung stehen, mit Rotstift vom Lehrer? Warum nicht dranbleiben und verbessern. Die Schüler schienen echt mitgerissen von der Idee – ich hoffe, dass muss die arme Referendarin nicht ausbaden.

Der nächste Punkt war ein kleiner Ausflug ins Verlagswesen und was alles damit zusammenhängt. Denn – der Autor produziert im besten Fall nur einen Stapel bedruckter Blätter. Daraus ein Buch zu machen ist Aufgabe von anderen. Auch die kleinen Unterschiede zum Selbstverlag und Books on Demand war Thema. (Frage der Schüler: „Warum haben sie so schnell die Geduld verloren und sich nicht weiter an die großen Verlage gewandt?“)

Ein paar Standardfragen zum Thema „Woher bekommen sie eigentlich ihre Ideen?“ habe ich schon im Vortrag abgefangen und bin da bei meinem bewährten Vergleich geblieben: Ich habe das Ventil im Kopf, mit dem andere Erwachsene ihre Phantasie abstellen können, einfach nicht. Bei mir fließt der Kram immer und ich muss einfach nur mitschreiben.

Höhepunkt für mich war natürlich die Lesung: Ich muss nicht frei sprechen und kann meine *wundervolle* Stimme zum Einsatz bringen. Kähähä. Vorgetragen habe ich zwei Stellen vom Anfang der Weltenfabrik: Zuerst der Schatten im Labor von Dr. Brunnwinkler, als er dafür sorgt, dass eine über die Luft übertragbare Variante der Schlafkrankheit entsteht, die dann den Untergang der Erde einleitet. Und anschließend die meiner Meinung nach am besten gelungene Szene des Buches: Jan flieht im Park vor einem aggressiven Mitschüler und wird vom Auto überfahren. Dabei findet er heraus, dass er in die Zukunft blicken kann und so manchmal eine zweite Chance bekommt: Denn als die Vision abbricht, kann er sich noch retten und sieht das Auto im letzten Moment an sich vorbeischießen. Soweit ich das beurteilen konnte, haben die Schüler in diesem Augenblick ziemlich mitgefiebert.

Zum Schluss habe ich den begonnenen Handlungsbogen noch ein wenig nacherzählt, ohne aber Details zu verraten. Vielleicht konnte ich dem einen oder anderen ja ein wenig Lust auf das Buch machen. Auf meine Frage hin, ob ihnen die vorgetragenen Stellen denn gefallen hätten, nickte die Klasse jedenfalls eifrig.

Dann ein braver Abschiedsapplaus und eine etwas halbgare Verabschiedung von mir. „Ja, äh dann. Wars das. Tschüss! Viel Spaß noch.“

WOW. Ich habe geschwitzt wie ein Ochse und mich hinterher gefühlt, als wäre ich über zwölf Runden gegangen. Dabei hatte ich gar nichts auszustehen. Die waren alle total lieb und interessiert!

 

Gerne wieder.

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[Rezension] „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu

Die drei Sonnen von Cixin Liu

Um nicht allzuviel zu verraten und weil andere Rezensenten sicher schon bessere Zusammenfassungen geschrieben haben: In Cixin Lius Roman geht es um das Zusammenstoßen der menschenlichen Spezies mit Aliens. Diese kommen aber nicht als mordgeifernde Invasoren oder erhabene esoterische Erlöser daher, sondern als Wesen mit einer ganz eigenen Problematik. Ihr Heimatplanet in einem System mit drei umeinander kreisenden Sonnen (englischer Titel „The three-body-problem“) ist so lebensfeindlich, dass sie keinen anderen Ausweg als Flucht und Neubesiedlung einer günstigeren Umwelt sehen. Zufällig fangen sie Radiotransmissionen der Erde auf und stellen Verbindung zu Astronomen her, die die Ankunft der Aliens fieberhaft erwarten, verbinden sie doch damit die Lösung so mancher menschengemachter Tragödie. Politik, Krieg, Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung: Von all diesen Dingen haben sie die Nase voll und wollen den Fremden nur allzugern die Erde überlassen. Natürlich gibt es aber noch patriotische Erdenbewohner, die dies nicht zulassen wollen.

Cixin Liu erzählt keine lineare Story mit einem Hauptprotagonisten, sondern setzt seine Geschichte aus variantenreichen Elementen zusammen: Von der chinesischen Kulturrevolution mit all ihren Gräueltaten gegen Intellektuelle und jene, die als solche von den roten Garden wahrgenommen wurden, spannt Cixin Liu seine Erzählung bis über die Grenzen der Neuzeit. Er fällt dabei auch von klassischen Erzählmustern und Gewohnheiten wie der Einteilung in Akte oder simple Spannungsbögen ab, sondern spinnt seine Geschichte über sehr unterschiedliche Ebenen fort: Die Rückblenden erfolgen zum Teil aus Sicht der Handelnden, werden aber auch von anderen Figuren nacherzählt. Wir erfahren die Perspektive der Aliens aus übermittelten Nachrichten aber auch durch ein Virtual-Reality-Game, in welches sich einer der Protagonisten begibt. Schließlich ist der Text auch noch von kriminalistischen Befragungsprotokollen und politischen Geheimdokumenten durchsetzt, die jeweils die unterschiedlichen Sprech- und Formulierungsgewohnheiten der Autoren wiedergeben.

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits mutet Cixin Liu seinem Leser technologische Sprünge am Rande der Glaubwürdigkeit zu, bemüht sich aber andererseits, alle SciFi-Elemente so gut wie möglich mit Physik zu unterfüttern. Mitunter kam daher bei mir das Gefühl auf, er wolle sich für die phantastischeren Anteile seiner Erzählung rechtfertigen, indem er erklärt, dass das alles irgendwie doch denkbar wäre. Auch sind einige Figuren nur schwach charakterisiert und handeln recht erratisch. Der Sog der Gesamthandlung und die spannenden wissenschafts- und gesellschaftsphilosophischen Themen lassen mich ihm diese Schwächen aber nachsehen. Ich denke, Liu weiß genau, was seine Stärken sind und konzentriert sich darauf, diese auszuspielen. Das gelingt ihm meisterhaft.

Bei einem chinesischen Autor mit Cixin Lius Breitenwirksamkeit und Prestige vermisst man reflexhaft gesellschaftskritische Töne. Denn seine Darstellung der Kulturrevolution ist linientreu und schonungslos, das gegenwärtigen politischen China wird dagegen praktisch gar nicht angerührt. Auch sind die Lösungsansätze für die im Buch behandelte Krise autoritär und militaristisch. Andererseits ist all das nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welchem Risiko sich ein exponierter Schriftsteller aussetzt, wenn er offener Kritik übt. Cixin Liu betont auch selbst, keinerlei politischen Subtext zu beabsichtigen, sondern sich voll auf die fiktionalen Elemente seiner Geschichten zu konzentrieren.

Mich hat das Buch insgesamt überzeugt. Ein wegweisendes Meisterwerk, wie andere Rezensenten es behaupten, kann ich darin zwar nicht erkennen, dafür fehlte mir insbesondere bei den Figuren einiges an Tiefe, aber für Freunde von Science-Fiction, die sich bemüht mit schriftstellerischen Klischees zu brechen, ist es empfehlenswert.

 

 

PS: Das Buch hat extra einen Anhang, in dem auf einige Besonderheiten der chinesischen Sprache eingegangen wird. Es wäre etlichen Rezensenten zu wünschen, dass sie da noch einen Blick hineinwerfen. Vom Autoren nur als „Liu“ zu sprechen, ist auf jeden Fall unangemessen.

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Mein Schreibprozess: Überarbeitung, Polishing

Den Begriff »Polishing« klaue ich aus meinem früheren Leben. Ursprünglich bedeutet er für einen Biotechnologen, sein Produkt zu veredeln, zum finalen Punkt zu reinigen. Wenn man zum Beispiel einen Mikroorganismus oder ein Enzym aus einer Kultur erntet, erhält man in den ersten Schritten meist ein stark verunreinigtes Ergebnis. Nährmedienbestandteile, Nebenprodukte, Abfallprodukte und unter Umständen sogar Chemikalien, die verwendet wurden, um unerwünschte Teile abzutrennen schwimmen noch immer in der Lösung herum und verringern dadurch den Reinheitsgrad. Je mehr man sich einem hochreinen Finale annähert, desto besser. Nicht nur, weil sich das Produkt dann möglichst vorhersagbar verhält, meist ist es auch länger lagerbar, stabiler, erzielt bessere Effizienz bei der Biokatalyse etc.

Hoppla. Erneut bin ich vom eigentlichen Thema abgewichen und habe mich in ein Gebiet hineinegschrieben, das mit der ursprünglichen Intention dieses Textes herzlich wenig zu tun hat. Was nun? Wie im zweiten Teil beschrieben, lasse ich es erstmal stehen und widme mich dem Fortsetzen meines Manuskriptes. Oberstes Ziel beim Weiterschreiben war: Weiterschreiben. Und bestenfalls: Fertig werden.

Revision: Notwendiges Elend

Nun aber stellen wir uns vor, ich wäre an diesem Punkt angekommen und werfe noch einmal einen Blick über das bisherige Ergebnis: Oh weia. Da schwimmen noch Hefen (themenfremde Inhalte, Abschweifungen) herum, die zufällig in die Kultur gefallen sind, obwohl sie da gar nichts zu suchen hatten! Steriles Arbeiten ist eine Kunst für sich. Und Nährmedienbestandteile (Füllwörter, Floskeln etc.) gibt es auch noch in Hülle und Fülle. Während des Erntens ist auch noch ein Teil der erwünschten Enzyme kaputtgegangen und schwappt nun denaturiert in der Ziellösung herum (Rechtschreibfehler, Grammatikfehler, Anschlussfehler). Wird Zeit, dass ich da nochmal mit dem Kamm durchgehe, um die schlimmsten Haare zu entfernen.

Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig die Überarbeitung eines Textes für die Manuskriptqualität ist. Selbst wenn man eine gute Idee für den Plot hat, charmante Charaktere und spannende Handlung anbietet, kann das Polishing über Sieg oder Niederlage entscheiden. Und wenn man Murks produziert hat und das Manuskript nichts taugt, ist auch jetzt der Moment der Wahrheit gekommen, in welchem man sich entscheiden muss: Opfere ich meine Zeit und mache den Text besser oder muss ich so grundlegend eingreifen, dass ich besser noch einmal neu beginne? Ich wünsche allen Autorenkollegen, dass sie niemals bei einem größeren Projekt wie einem kompletten Roman an diesem Punkt ankommen …

Mitunter kann es hilfreich sein, ein Manuskript vor der Überarbeitung beiseitezulegen, um Abstand zu gewinnen. Die »Betriebsblindheit« und die Unfähigkeit, eigene Fehler zu erkennen, nimmt in der Regel ab, wenn ich dem Text Zeit gebe, zu ruhen und zu reifen. Besser wird er nicht von allein, aber meine Chancen, ihn selbst besser zu machen, steigen.

1. Globale Überarbeitung, Text glätten, Inhalte vereinheitlichen

Der erste Schritt für mich ist das Drucken des Textes. Dann bewaffne ich mich mit einem Rotstift und viel Geduld. Es ist ermüdend, eigene Werke wieder und wieder zu lesen, möglichst noch mit größter Aufmerksamkeit, um wirklich lesbare Manuskripte zu erschaffen. Daran vorbei kommt aber niemand. Ich behaupte: Jeder Text muss überarbeitet werden. Niemand schafft es, aus dem Stand immer die optimalen Worte zu treffen. Deswegen geht es bei der ersten Überarbeitungsrunde auch noch nicht um Details wie Rechtschreibung, sondern um Formulierungen. Ich wiederhole an dieser Stelle nicht alle Regeln der Schreibkunst, die man auch in Schreibratgebern finden kann: Wie man treffende Metaphern, ansprechende sprachliche Bilder, gute Dialoge und so weiter erstellt, gehört eher in den künstlerischen als den handwerklichen Bereich, den ich hier abdecken möchte.

Neben Formulierungsfragen suche ich auch nach überflüssigen Textbestandteilen. Schlüsselbegriff hier ist »Show, don’t tell«. All das wird mit Rotstift markiert und wenn möglich mit Alternativen versehen. Ebenfalls wichtig sind Fragen nach größeren Zusammenhängen: Verhalten sich die Figuren glaubwürdig? Sind die Stellen, die Spannung erzeugen sollen, gelungen? Gibt es Anschlussprobleme? Muss ich bei Beschreibungen andere Sinne ansprechen? Gibt es inhaltliche Dopplungen? Ist die Romanprämisse erfüllt, ist der zentrale Konflikt gut ausformuliert, gibt es ausreichend Nebenkonflikte?

2. Deutschlehrer spielen

Zweiter Überarbeitungsschritt ist die ERSTE Rechtschreib- und Grammatikkorrektur. Diese ist noch nicht final. Ich verlasse mich mittlerweile größtenteils auf die Dudenfunktion der Software »Papyrus Autor«. Das ist eine Anschaffung, die ich jedem angehenden Schriftsteller uneingeschränkt empfehlen kann. Und zwar nicht nur wegen der orthografischen Hilfestellung, sondern auch aufgrund der umfangreichen zusätzlichen Funktionen, die es weit über z.B. yWriter oder ein simples Office-Produkt heben.

3. Die Sprache „schön“ machen

Die dritte Runde wendet sich an die stilistische Überarbeitung. Hier kann man auch wunderbar die Funktionen von Papyrus nutzen – die Stilhilfe markiert zu lange Sätze, Füllwörter, Wortwiederholungen und je nach Einstellung sogar jedes einzelne Adjektiv. Auch hier will ich nicht zu tief in das eintauchen, was Schreibratgeber viel besser erklären können als ich. Auf jeden Fall fische ich bei diesem Schritt nochmal eine Menge Mist heraus, der mein finales Produkt sonst verschmutzen würde. Man lernt auf diese Weise sogar einige Eigenheiten kennen, die die eigene Schreibweise kennzeichnen. Bei mir taucht das Wort »einfach« einfach viel zu oft aus, obwohl es inhaltlich überhaupt keine Bedeutung transportiert. Also: Weg damit.

4. Letzte Korrekturen

Die allerletzte Runde ist der letzte Feinschliff. Hier wird nochmal mit der Lupe gesucht, die letzten dass/das-Fehler erschlagen (ein Flüchtigkeitsproblem, das mir leider noch viel zu oft unterläuft), überzählige Leerzeichen entfernt und der Satz korrigiert.

Erst dann ist ein Text »fertig«.

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Mein Schreibprozess: Weiterschreiben

Im vorangegangenen Artikel habe ich beschrieben, wie ich mich auf das Schreiben vorbereite und wie ich einen Text beginne. Nun ist der Anfang der wahrscheinlich unkritischste Teil der Schreibarbeit. Viel mehr Autoren scheitern an dem Punkt, den ich diesmal betrachten möchte: Dem Weitermachen.

Schreiben, Schreiben, Schreiben – und NICHT an den Leser denken

Es hilft nichts, ein großer Teil der Arbeit eines Schriftstellers ist hakelige Fleißarbeit. Die großen kreativen Fragen sind geklärt, die Figuren stehen fest, man weiß, wohin die Reise gehen soll . Nun muss man dieses Gerüst nur noch mit Leben und kleinteiliger Handlung füllen. Der große Knackpunkt hier ist Schreibdisziplin. Wenn man sich nicht jeden Tag hinsetzt und das entstehende Manuskript fortführt, passiert einfach nichts. Ein Text ist kein Käse, er reift nicht von selbst. Eher ist er ein Stück Ton, der solange bearbeitet werden kann, wenn er noch frisch ist. Sobald die Masse austrocknet, wird sie spröde und das Töpfern macht keinen Spaß mehr. Irgendwann bleibt nur ein Haufen bröckeligen Drecks übrig, mit dem man kaum etwas anfangen kann.

Um bei der Metapher zu bleiben: Im ersten Teil haben wir eine Skizze angefertigt, was am Ende herauskommen soll. Und wir haben ein stück Ton ausgewählt und ganz grob in die Form gebracht, die wir haben wollen. Schüssel, Tasse, Skulptur – das wurde bereits festgelegt. Nun müssen wir die mühselige Arbeit betreiben, Die Oberfläche zu glätten, ein Relief anzufertigen, der Skulptur eine Pose und einen Gesichtsausdruck zu verleihen. Ich strapaziere dieses Bild so ausführlich, weil ich betonen MUSS, wie wichtig es ist, jetzt am Ball zu bleiben.

Mir persönlich hilft ein straffer Plan: Sechs Tage in der Woche bemühe ich mich, 2000 oder mehr Wörter pro Tag zu schreiben. Ich habe Zeit, da keinen anderen Job, also kann mein Zielvolumen so hoch gesteckt sein. Wer weniger Zeit hat, setzt sich geringere Ziele, aber ich empfehle dringend, in der Woche häufiger einen Schreibtag zu planen als keinen solchen zu setzen. Schreibdisziplin ist vor allem eine Frage der Gewohnheit und der Regelmäßigkeit. Außerdem ist für mich persönlich die Entscheidung gefallen, dass ich den Text nicht verändere, bis ich am Ende angekommen bin. Ich überarbeite keine Kapitel während der reinen Schreibphase. Auf diese Weise fokussiere ich mich auf das Vorwärtskommen.

Das Notizbuch bleibt ständiger Begleiter

Sollten sich Kontinuitätsfehler andeuten oder die Notwendigkeit bestehen, Handlungselemente, die ich einbringe, vorher auftauchen zu lassen (Foreshadowing etc.), hilft mir wieder mein Notizbuch. Dieses ist auch während der eigentlich Schreibphase ständig dabei, weil ich festhalte, inwiefern ich vom Plan abweiche, wie sich Figuren verändern, wo ich Dinge einfüge und bereits während des Schreibens streiche. Außerdem bietet es mir ständige Erinnerung, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Oftmals bin ich versucht, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen und den Protagonisten einfach beim Arbeiten zuzusehen. Das hilft mir aber nicht immer, mein Ziel zu erreichen. Wenn die Figuren störrisch sind, ist es meine Aufgabe als Schriftsteller, ihnen Gründe zu liefern, warum sie sich doch in die gewünschte Richtung entwickeln sollen. Aus diesem Grund muss ich wachsam bleiben und ständig beobachten, ob der Fahrplan eingehalten wird.

Selbstverständlich liegt es auch in meiner Freiheit, den Fahrplan während des Schreibens zu ändern. Aber wann ich die eine Methode wähle und wann die andere vorziehe, kann ich nicht wirklich begründen. Ich habe es im Gefühl. Und ich denke, die meisten anderen Autoren können ebenfalls entscheiden, wo sie dem Text die Freiheit lassen, sich frei zu entfalten und wann sie ihm Zügel anlegen. Schließlich ist es ihr Produkt. Sie wissen am besten, wie es am Ende aussehen soll.

Wie groß soll es denn werden?

Meist weiß ich neben der eigentlichen Handlung auch, welchen Umfang ich in einem Manuskript anstrebe. Bisher hat das ganz gut geklappt – 5% Abweichung sind völlig okay. Erstaunlicherweise bin ich diszipliniert genug, große Abschweifungen zu unterlassen oder Stellen, bei denen es biss zum nächsten Meilenstein noch fehlt, zu strecken. Inwiefern das Produkt darunter leidet oder nicht, müssen meine Kritiker entscheiden. Was jedoch festgestellt werden muss: Meistens ist der Text in der ursprünglichsten Fassung etwas kürzer als das finale Produkt nach allen Überarbeitungen.

Wie ich mit der ersten Rohfassung umgehe, was ich noch einbaue, streiche und verbessere, das erkläre ich im nächsten Teil dieser Miniserie.

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Mein Schreibprozess: Vorbereitung, einen Anfang finden

Diese Artikelreihe entsteht zum Zwecke des Durchatmens, weil ich einen großen Meilenstein geschafft habe: Die Überarbeitung des zweiten Manuskriptes ist abgeschlossen. Der Zorn der Herrin steht in den Startlöchern.

Wie sieht der Ablauf aus, an dessen Ende hoffentlich ein fertiges Buchmanuskript steht? Bei mir zumindest beginnt er schon lange vor dem eigentlichen Schreiben. Mein wichtigstes Werkzeug – ich kann es gar nicht oft genug betonen – ist ein Notizbuch. Und weil ich kein vorgefertigtes Produkt mit Hochglanzcover nutzen wollte – möglichste edel, damit auch jeder weiß, wie wichtig mir meine geistigen Kurzschlüsse sind – habe ich mir selbst eins gebaut.

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Das teuerste Zeug der Welt

Ich habe länger nichts nerdiges mehr geschrieben. Nun ist es aber soweit. Gestern traf mich ein Gedankenblitz: Es ist alles so klar, so sichtbar, so unmittelbar verständlich! Aber fangen wir ein bisschen früher an und steigern die Geschichte langsam.

Zuerst: Wer kennt sie nicht, die Galileo-Welt-der-Wunder-Faktastisch-Videos, in denen dem Konsumenten interessante Häppchen von Wissenschafts-Trivia geboten werden. »die Top 10 der schnellsten Tiere der Erde« oder »Die vollständige Liste all der lustigen Unfälle, die es in der Geschichte des Militärs gegeben hat« oder vielleicht sogar »Diese 3 Dinge hast du garantiert nicht erwartet, aber sie geschahen alle, nachdem wir Hitlers Katze rasiert haben.«. Völlig belangloser Scheiß also, mit dem man in Kneipengesprächen wunderbar auftrumpfen kann.

Nun betrachten wir also eine Kategorie dieser Videos mal ein wenig genauer: Es geht um die wertvollste Substanz auf Erden, gemessen im Preis pro kg. »Gold!« werden da einige brüllen, die von Fakten und derartigen Auflistungen bisher verschont geblieben sind, »Diamanten« vielleicht einige derjenigen, die eine Mikrosekunde nachdenken, ehe sie antworten und irgendwas wie »Weltfrieden«, falls jemand zu lange nachgedacht hat. In den Listen finden sich dann zum Beispiel hochreine Drogen wie Kokain oder LSD, manchmal auch exotische Isotope. Im Verlauf der Videos wird man dann mit möglichst ungewöhnlichen Dingen konfrontiert, zum Beispiel Briefmarken, die man, aufs Kilo hochgerechnet, natürlich am besten an der teuersten Marke der Welt festgemacht, auf einen Preis jenseits dessen von Kohlenstoff mit Brillantschliff dotieren kann. Schön sind für mich als Biotechnologen auch die Beispiele von teuren Enzymen wie zum Beispiel Pyrophasphatase, die aufwändig aus Pflanzen gewonnen wird.

Eine Sache will ich ausklammern, weil ich sie nicht gelten lasse: Antimaterie. Die Herstellung ist wahnsinnig teuer und leider derzeit noch vollkommen blödsinnig, weil es keine bekannte Methode gibt, das theoretische Produkt der Synthese anschließend stabil zu lagern.

Nun aber zu meinem Gedankenblitz: Die teuerste Substanz der Welt ist … Trommelwirbel … nichts. Na gut, fast nichts. Ich rede von hochreinem Vakuum. Ich bin jetzt zu faul, konkrete Preise zu recherchieren, fest steht aber folgendes: Weil es umso teurer wird, je sauberer, sprich »leerer«, es ist, desto mehr steigt der Preis pro Kilo ins Exponentielle, je weniger von dem Zeug man hat. Ein Vakuum, bei dem nur noch einzelne Moleküle pro Kubikmeter wirbeln, erzielt garantiert einen irrsinnigen Erlös. Je weniger man hat, desto mehr kostet es. Ich bin so genial.

Nun mein Schlussplädoyer: Erspart uns bitte diese vollkommen hirnlosen Listen, mit denen ihr ohnehin nur Clicks und Werbeeinnahmen generieren wollt. Unser Hirn ist ohnehin schon mit genug Trivia verklebt; wir können uns ja kaum noch auf das Wichtige im Leben konzentrieren: Den Geburtstag von Mutti, die Geheimnummer der Sparkassenkarte oder Weisheiten wie Up Up Down Down Left Right Left Right B A.

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