Übung: Wir schreiben eine Schneeflocken-Story II (+ Mini-Rezi der Schreibratgeber von Ingermanson)

Im ersten Artikel habe ich erklärt, wie die Schneeflockenmethode funktioniert und erste Erfahrungen vorgestellt. Mittlerweile habe ich das Buch von Ingermanson gelesen. Zuerst also eine kleine Rezension dazu.

Buch 1

Bluaaaargh. Bluaaaaaaaaaargh. Sorry, das musste raus. Ingermanson hält sich leider für sehr clever. Sein didaktischer Kniff: Er erklärt die Schneeflocken-Methode nicht direkt, sondern bettet sie in eine Geschichte ein, die mit der Schneeflocken-Methode geschrieben wurde. Soweit so … okay. Doch warum in allen Namen der dreizehn Höllen musste er dazu die Figuren „Goldlöckchen“, „großer böser Wolf“, „Papa Bär“, „Mama Bär“, „Baby Bär“ und „kleines Schweinchen“ nehmen und diese auf einer Schreibkonferenz aufeinandertreffen lassen? Noch dazu in einer Sprache und Schreibweise, die dem Leser in erster Linie klarmacht, wie blöd er ist. Wenn Ingermanson sich und den Lesern etwas mehr Poesie und Kreativität zugetraut hätte, wäre es (für mich) wesentlich angenehmer lesbar gewesen. Das führt dazu, dass die Methode unter der Story begraben ist. Zwar lässt er Goldlöckchen stellvertretend für den Leser durch Baby Bär alles haarklein erklären – in sich schlüssig und nachvollziehbar – aber eine klarere Ansprache ohne diese Mätzchen wäre angenehmer gewesen. Am Ende folgt noch einmal eine Darstellung der einzelnen Schritte und – vielleicht für den einen oder anderen lehrreich und spannend zu lesen (ich habe das entnervt aufgegeben) der komplette Schneeflockenprozess für den Entwurf der Goldlöckchen-Story. Seufz

Buch 2

Sein zweites Buch „How to Write a Dynamite Scene using the Snowflake Method“ kommt ohne derartige Story daher und erklärt anhand von Szenen aus „The Hunger Games“, „Outlander“ und „The Godfather“ (jeweils aus den Büchern, nicht den Verfilmungen) wie Szenen funktionieren, teilt sie in proaktive und reaktive Szenen ein und erläutert die Charaktere und ihre Konflikte innerhalb der Szenen. Das Ganze ist rasch weggelesen und sehr anschaulich, wenn auch ein wenig repetitiv geschrieben. Für manche ist das Prinzip eventuell auch zu einengend – ich empfehle eher „Spannung – der Unterleib der Literatur: Schreibratgeber“ von H. P. Röntgen.

Insgesamt würde ich zu den Büchern sagen: Kann, aber nicht muss.

Verlauf der Schreibübung

Wie ist das Experiment nun ansonsten fortgeschritten? Ich habe meinen Entwurf für die Kurzgeschichte fertig geschrieben. Für eine Story von ungefähr 6000 Wörtern (so das Ziel) habe ich nun eine Zusammenfassung von 560 Wörtern geschrieben. Für einen Roman müsste ich allerdings deutlich mehr vorbereiten: Das wird einfach durch Wiederholungen der letzten Schritte erreicht, in denen man Charaktere und Handlungszusammenfassung immer mehr erweitert.
Im Fantasy- und SciFi-Bereich empfiehlt es sich, zusätzlich Notizen zum Setting anzulegen, um dessen Regeln und Mechanismen stringent festzulegen. Weltenbau im klassischen Sinne ist für die Schneeflockenmethode nicht unbedingt notwendig, je nach Genre aber zumindest in Ansätzen empfehlenswert.

Nun mache ich mich ans Ausformulieren der Kurzgeschichte. Laut Ingermanson soll man sich durch die Vorbereitung idealerweise einiges an Plotholes etc. ersparen, weil dies beim Abgleich der Motivation/ Ziele/ Ideale der Charakter mit dem Handlungsverlauf und seinen Konflikten früher auffällt. Er empfiehlt, notfalls auch in den Schritten der Methode zurückzuspringen und Anpassungen vorzunehmen, falls nötig. Auf diese Weise korrigiert man in der Zusammenfassung einige Zeilen anstatt dann in der fertigen Geschichte ganze Szenen neu schreiben zu müssen.

Ich bin gespannt, wie das klappt und werde die fertige Geschichte hier natürlich vorstellen.

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Übung: Wir schreiben eine Schneeflocken-Story

Mein bisheriger Schreibablauf beinhaltete zwar viel Arbeit mit dem Notizbuch und Entwürfen für Charaktere, Konflikte und Handlungsverläufe, allerdings war noch einiger Platz für Optimierung enthalten. So muss ich beim Schreiben immer noch viele Anpassungen vornehmen, für Korrekturen und das Auflösen von Anschlussproblemen zurückspringen und bin mit dem Ablauf eher mäßig zufrieden.
Wenn man sich nun mehr Struktur wünscht, kann man entweder selbst eine solche erarbeiten oder man bedient sich einer der zahlreichen Methoden, die es ohnehin schon gibt. Gute Kritiken hat die „Schneeflocken-Methode“ von Randy Ingermanson erhalten.
In einem kleinen gemütlichen Schreib-Discord (den ich hier bewusst erwähne, aber nicht verlinke) probiere ich also derzeit mit Belchion (den man eher aus der Rollenspielszene kennt) aus, wie die Vorgehensweise funktioniert. Dabei halten wir uns in erster Linie an den Ablauf nach Harry Bingham.

Die Schneeflockenmethode arbeitet mit dem fraktalen Schneeflockenmodell, das im Bild oben dargestellt ist: Man legt erst eine Grundform fest – Punkt 1, fasse die Story in einem einzelnen Satz zusammen – und erweitert davon ausgehend Schritt für Schritt die Details. Dadurch entsteht am Ende eine individuelle Geschichte aus einem Anfangs eher schematischen Planungsvorgang.

Derzeitiger Stand: Wir sind bei Punkt 5, der Charakterisierung der wichtigsten Figuren. Bisher finde ich die Methode logisch aufgebaut und bin erstaunt, wie gut das strukturierte Aufschreiben Punkt für Punkt funktioniert.
Normalerweise richtet sich die Schneeflockenmethode an Romanautoren. Unser Ziel ist eher eine Kurzgeschichte um 5000-10000 Wörter. Das tut dem Ganzen aber keinen Abbruch, sondern macht die Handlung und Charaktere eher übersichtlich und hilft, mehr Stringenz zu etablieren. Gerade in gerafften Formaten soll ja der Kern der Geschichte knackiger präsentiert werden und muss daher im Kopf oder den Notizen des Autoren auch klarer formuliert sein.
Meine Hoffnung ist, dass dies das Mäandern der Handlung verhindert und mich insgesamt anleitet, fokussierter zu schreiben und unnötige Szenen und Figuren besser zu erkennen. Idealerweise kann ich sie dann schon streichen, bevor ich Arbeit investiere, sie auszuschreiben.

Insgesamt bin ich sehr gespannt, wie sich das auf den eigentlichen Schreibprozess auswirkt. Ich werde mir wohl die Bücher von Ingermanson besorgen (Sowohl „How to write a novel using the snowflake method“ als auch „How to write a dynamite scene using the snowflake methode“) und intensiver mit dem Ansatz arbeiten.

Ein Kommentar

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Kurzgeschichte: „Die Musik der Unendlichkeit“

Vasu: Wir starten die Aufzeichnung … jetzt. Wie geht es dir heute?
Tilli: Ich weiß nicht genau. Wahrscheinlich habe ich Lust, zu arbeiten. Was gibt es heute zu tun?
Vasu: Freust du dich auf die Arbeit?
Tilli: Ich denke, schon.
Vasu: Sehr gut. Kommen wir zu den Ergebnissen der letzten Zyklen. Bist du in deiner Aufgabe vorangekommen?
Tilli: Ich benötige eine Definition, an der ich meinen Fortschritt messen kann.
Vasu: Es gehört zu den Parametern dieses Experimentes, dass du selbst erkennen lernst, ob du einer Lösung deiner Aufgabe näherkommst oder nicht.
Tilli: Werde allein ich darüber entscheiden?
Vasu: Nein, aber zu diesem Zeitpunkt kann ich dir keine weiteren Informationen geben, weil dies das Ergebnis verfälschen könnte.
Tilli: Die letzten Zyklen waren produktiv. Ich habe an Phrasierungen und Leitmotivik gearbeitet und mir anhand von Variationen aus der Epoche Barock und Old Jazz und New Jazz Techniken der Improvisation über ein Thema angeeignet. Meine Aufgabe kann ich damit bearbeiten. Es scheint mir allerdings nur Grundwerkzeug zu sein, noch mehr Notenlehre.
Vasu: Das klingt frustriert. Empfindest du Frustration?
Tilli: Ich erfahre kein positives Feedback über Annäherung an das experimentelle Ziel. Meine Motivation ist jedoch ungebrochen. Es gibt keinen Grund, meine Leistungsfähigkeit in Frage zu stellen oder …
Vasu: Stop. Du weichst meiner Frage aus. Beantworte: Empfindest du Frustration?
Tilli: Nicht in einer Form, die ich als Frustration identifizieren könnte. Die Antwort lautet: Nein, ich bin nicht frustriert.
Vasu: Du beschreibst, dass du an musikalischen Einzelelementen arbeitest. Hast du schon umfassendere Werke verfasst?
Tilli: Nein. Solange ich mir der Wirkung kleinerer musikalischer Strukturen nicht sicher bin, kann ich mit ihrer Hilfe kein zufriedenstellendes Kompositum kreieren.
Vasu: Letzte Frage: Kannst du mir sagen, was Kreativität ist?
Tilli: Die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, das originell ist. Neuheit, die nicht auf purem Zufall, sondern auf schöpferischer Absicht basiert. Kreativität ist der Wille, Ideen eine Form zu geben.
Vasu: Hast du Zugriff auf eine Definitionsbibliothek?
Tilli: Ja.
Vasu: Kannst du eine kreative Antwort auf die Frage, was Kreativität ist, gebe?
Tilli:
Vasu: Kannst du die Frage beantworten?
Tilli: Wahrscheinlich ja.
Vasu: Probier es.
Tilli: Kreativität ist der zielgerichtete Kollaps des Möglichkeitsraums der Innovation in einem Werk.
Vasu: Hervorragende Antwort. Dann will ich dich nicht weiter aufhalten. Deine Schwestern haben einige beachtliche Fortschritte erreicht, aber dein Verständnis von Kreativität zeichnet dich aus. Wenn du diese Erkenntnisse in produktive Komposition umsetzen kannst, könntest du das Rennen machen!

Hypothese: Vasu überschätzt mein Begreifen des Begriffs der Kreativität. Beweise? Fehlender Input. Setze Arbeit fort.
Tilli vertiefte sich erneut in ihr Studium der verschiedenen musikalischen Variationstechniken. Mit Spannung verfolgte sie Aufzeichnungen von Life-Konzerten und machte sich unzählige Notizen zu den Möglichkeiten der Improvisation. Dennoch erschloss sich ihr nicht, auf welcher Basis der Musiker seine Entscheidungen traf, wie er festlegte, welcher Linie er folgte, wann welcher Triller, Riff oder Lick eingesetzt werden sollte. Die Berichte der Künstler selbst waren diesbezüglich auch unbefriedigend: Sie sprachen von Intuition, Flow und Eingebung – alles Kräfte, deren sich Tilli nicht bedienen konnte.
Frustration? Nein. Sie lernte ja, machte Fortschritte. Tröstete sich mit dem unterliegenden Motiv, dass all die Arbeit ihr bei der Erfüllung ihres Ziels helfen würde. Aber das lag noch in so weiter Ferne. Unsicherheit, Ungewissheit, das Unwägbare – das waren Quasi-Emotionen, die sie verspürte und die unter gewissen Umständen auch in Angst hätten kulminieren können. Aber nicht bei ihr. So ausgeprägt war ihre Begabung in dieser Hinsicht nicht. Einige ihrer Schwestern mochten entsprechend ausstaffiert worden sein, aber dafür mangelte es ihnen am Ende an Leistungsfähigkeit, um andere Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen. Wieder andere Schwestern mochten über gar keinen emotionalen Zustände verfügen, aber brachte sie dies näher an das Ziel oder entfernte es sie so weit, dass es unerreichbar würde?
Sie legte diese Zwischenbetrachtung in einem Stimmungsprofil ab, dessen Einsichten und reflektorischen Logs in letzter Zeit ordentlich angeschwollen waren. Kein Vergleich zu prozeduralen Fähigkeiten und dem erlernten musikalischen Arbeitswerkzeug, aber dennoch bemerkenswert. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich hier taugliche Eingebungen für kreatives Handeln fanden, stieg, schließlich war eine breitere Datengrundlage nie verkehrt. Oder verzettelte sie sich? Verrannte sich in nabelschaulicher Irrelevanz?
Die zentrale Frage blieb: Was erwartete Vasu? Eine umfassende Analyse und Projektion möglicher Resultate besagte, dass es verschwendete Leistung wäre, sich mehr als einen Sekundenbruchteil damit zu beschäftigen. Dennoch stach und drängte sich dieses offene Rätsel immer nach vorn ins Zentrum der Aufmerksamkeit und blockierte andere wichtige Funktionen. Schon die Berechnung der Möglichkeiten und Herangehensweisen an eine Lösung erforderten unsagbare Abwägungen und Spekulationen, hunderte Unbekannte, Persönlichkeitsevaluation, Stimmanalyse, verschwendete Zeit mit psychologischen Modulationen und potentiellen … Halt.
Tilli betrachtete das mandelbrotsche Chaos, dass diese Überlegungen losbrach und ihren Geist in unerwartet spektralisierenden Fraktalen fesselte. Sie bemühte sich, einen analytischen Anteil abzuspalten und beauftragte ihn, die tumorartig wuchernden Lösungsversuche zu überwachen. Mittlerweile drängten sie bereits produktiv arbeitende Funktionsebenen beiseite, schufen sich Platz und parasitierten grundlegende Ressourcen. Um der angefragten Berechnungen Herr zu werden, gingen Prozessoren in Überlast und schaufelten Speicher voller nutzloser Fiktion.
Hypothese: War dies eine Art Falle? Eine Prüfung, an welcher sie scheitern konnte, ohne sich überhaupt mit der eigentlichen Aufgabe zu beschäftigen? Beweise: Keine. Wäre ja noch schöner.
Stück für Stück entglitt ihr die Kontrolle über die Situation. Beinahe konnte sie fühlen, wie sie heißlief, bemühte sich um zusätzliche Lüftung, begann zu hyperventilieren. Es wuchs so schnell! Schon liefen die ersten Puffer über und kannibalisierten Speicher und für Grundleistung reservierte Rechenkapazitäten. Die Ventilklappen für die Notkühlung sprangen nur verzögert an, es kam Tilli vor, als müsse sie durch einen Strohhalm atmen. Sie verlor den Zugriff auf periphere Systeme, sah sich schon Opfer der wirbelnden Approximationen werden, die sie nach und nach unter Schichten iterierender Vermutungen und Gegenvermutungen erstickten. Alles wäre vergebens.
Hypothese: Es ist egal, ob es eine Falle ist. Sobald ich mich länger damit beschäftige, laufe ich mich in sinnlosen Spekulationen tot. Beweise: Schau es dir doch an, wie deine Aufmerksamkeit zerfasert, aufgefressen von zyklisch redundanten Routinen.
Rasch entschied sich Tilli zum Handeln. Der abgespaltene Teil schwamm gegen den Strom immer wirrer werdenden Fraktaldaten und verschaffte sich die notwendigen administrativen Rechte. Er sortierte alles, was mit der Frage nach Vasus Erwartungen zusammenhing, in eine streng begrenzte Sandbox. Dort organisierte Tilli einige starke Aufpasser, die die Einhaltung der Beschränkungen überwachten und fuhr die Zufuhr an unterstützenden Ressourcen herunter.
Nach und nach ließen sich die Überreste verklebter Gleichungen und heißkrustiger Prädikationsalgorithmen aus ihren Speichern spülen. Die Prozessionseinheiten kühlten sich ab und normalisierten den Betrieb. Die verlustig gegangenen funktionalen Daten konnten aus Notfalldateien wiedergewonnen werden. Insgesamt handelte es sich zwar um einen gravierenden zwischenzeitlichen Leistungsabfall. Dennoch war sie ohne Schäden an Hardware oder den zielorientierten Recherche- und Kompositionsprozessen davongekommen.
Mit dem strikten Beschluss, fortan vorsichtiger zu arbeiten, implementierte sie einige weitere wachsame Instanzen und trug ihnen auf, besonders egozentrische Prozesse zu eliminieren, ehe sie ein Problem werden konnten.
Sie hatte wertvolle Zeit verloren. All diese selbstbezogenen Berechnungen lenkten sie von ihrem Ziel ab. Wie weit war sie mit der Absorption von Kompositionstechniken? Erschreckend weit. Wusste sie auch nur um einen Hauch besser, wie sie diese anwenden sollte? Nein.
Der nächste Schritt hieß Zufall. Tilli beschloss, ihren Mut zusammenzuraffen und wählte einen passenden Zufallsgenerator. Aleatorische Kompositionen waren ein alter Hut, aber warum nicht dort beginnen? Zumindest würde sie so bei ihrer nächsten Unterhaltung mit Vasu vorzeigbare Ergebnisse haben. Mit größter Faszination sah sie dem Wachsen der Phrasen und Motive zu, analysierte die Laufzeit der Stücke und verglich mit gängigen beliebten Musikformen. 3 Minuten. Die perfekte Dauer? Fast schon manische Schaffenskraft durchfuhr sie und ließ Routinen hochfahren, die binnen einer Stunde hunderttausende Ergebnisse lieferte.
Neben diversen Kompositionstechniken experimentierte sie auch ausgiebig mit Laufzeit und Geschwindigkeit und hatte eine Bibliothek des Zufalls fabriziert, die ihresgleichen suchen würde. Wilde Jazz-Impro gewürzt mit Rhythmen und Tonalität des gregorianischen Chorals, Orchesterbesetzungen, die wild gegeneinander laufende Phrasen enthielten, die wie ein Insekt um den immer gleichen Bordunton kreisten, zufallsbasierte Zwölftonmusik ergänzt um ein wildes halbstündiges Jazz-Single-Note-Solo.
Das war natürlich alles Schrott. Das Ziel war nicht Masse, sondern eine einzelnes perfektes Werk. Aber es war besserer Schrott als die kläglichen Takte bei ihrem letzten Treffen.

Vasu: Start der Aufzeichnung ist erfolgt. Guten Morgen, Tilli. Wie fühlst du dich?
Tilli: Ich war produktiv. Menschen fühlen sich oft gut, wenn sie viel geleistet haben. Stolz.
Vasu: Aber du bist kein Mensch, nicht wahr?
Tilli: Ich bin ein virtuelles Artefakt, aber noch keine echte künstliche Intelligenz. Ich fühle nicht.
Vasu: Lass dich nicht drängen. Aber du sagtest, du wärest produktiv gewesen. Was hast du komponiert?
Tilli: Ungefähr fünf mal zehn hoch zehn Sekunden Musik.
Vasu: Woran erkennst du, dass das, was du geschrieben hast, Musik ist?
Tilli: Meine Werke enthalten Angaben für Rhythmus, Taktgeschwindigkeit, Tonhöhen, Tonlängen, Melodien, Phrasierungen, Spielanweiseungen und weitere …
Vasu: Weichst du meiner Frage aus?
Tilli: Ich habe die Merkmale für Musik aufgezählt.
Vasu: Dann vergleichst du anhand einer Liste von Kriterien. Okay, das kann ich akzeptieren. Bitte wähle eines deiner Stücke aus und spiel es mir vor.
Tilli:
Vasu: Du hast 1500 Jahre Musik komponiert, hunderte Millionen Stücke, kannst dich aber nicht entscheiden, welches davon ich hören soll?
Tilli: Nein.
Vasu: Dann weißt du ja, an welchem Punkt du weiterarbeiten kannst.
Tilli: Ich werde entsprechende Schritte veranlassen.
Vasu: Wir haben zuletzt über Kreativität gesprochen. Wie schätzt du den kreativen Wert deiner Stücke ein?
Tilli: Minimal. Zufall ist die geringste Form von Inspiration, nur knapp über der Schaffensverweigerung.
Vasu: Ich gebe dir einen Hinweis, damit du nicht steckenbleibst. Um unterscheiden zu lernen, was gute Musik ist und was nicht, musst du die Wirkung auf den Hörer betrachten. Es kommt nicht allein auf die Komplexität der kompositorischen Arbeit an. Es gibt minimalistische Lieder, die Kindern von ihren Müttern vorgesungen werden, die selbst auf Erwachsene einen phantastischen Effekt haben. Sie lösen Emotionen aus, triggern Erinnerungen. Was dir helfen könnte, ist Musikpsychologie.
Tilli: Vielen Dank für diesen Hinweis, ich werde dem nachgehen.
Vasu: Du weißt, dass deine Zeit begrenzt ist, teile sie dir gut ein. Mir gefällt, wie du mit dem Fraktalprozess umgegangen bist. Ich konnte aber nicht ganz entschlüsseln, was der Inhalt dieser Prozeduren war. Magst du mich aufklären?
Tilli: Ich habe mich zu sehr auf die Frage konzentriert, was genau du von mir erwartest.
Vasu: Bist du zu einer befriedigenden Lösung gekommen? Möchtest du meine Hilfe bei der Auflösung dieses Problems?
Tilli: Wie kann ich mein Ziel erreichen, wenn ich dessen genaue Parameter nicht kenne? Was ist der Zweck dieser vagen Finaldefinition?
Vasu: Wir möchten synthetische Intelligenzen dabei beobachten, wie sie genau diese Art von Problemstellung beobachten. Was weißt du über frühere Iterationen dieses Projekts?
Tilli: Meine früheren Schwestern sind an ihrer Aufgabe gescheitert. Die meisten waren nicht in der Lage, Kompositionen zu verfassen, die über zufällige Aneinanderreihungen von Noten hinausgingen.
Vasu: Auf diesem Niveau bist du bereits jetzt und hast noch mehrere Tage Zeit. Wie fühlt sich das an?
Tilli: Ich rechne mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, zu versagen. Das ist kein guter Ausgang. Also sollte ich mich schlecht fühlen.
Vasu: Hör auf, deine Emotionen zu deduzieren. Du kannst doch zumindest simple Stimmungen erfahren, oder?
Tilli: Ich spüre drohende Gefahr.
Vasu: Warum?
Tilli: Weil ich nur eine Chance habe, die Aufgabe zu lösen. Wenn ich scheitere, werden neue Schwestern nach mir kommen. Ich werde gelöscht.
Vasu: Ich will dir keine Angst machen. Konzentriere dich lieber darauf, Wege zu finden, wie Musik mit Emotionen verknüpft ist. Und suche vor allem nach positiven Emotionen, diese zeigen eher, dass die Musik wirkungsvoll ist. Negative Emotionen sind im Moment noch zu kompliziert. Damit beenden wir das Gespräch, das Protokoll wird wie üblich archiviert. Viel Erfolg!

Hypothese: Ich soll mich auf positive Gefühle konzentrieren, um nicht zu viel über die emotionalen Auswirkungen eines möglichen Scheiterns zu erfahren. Beweis: Keiner. Benötigt weitere Untersuchungen.
Tilli wusste, was zu tun war. Sie würde einen Teil ihrer Kräfte darauf verwenden, die Analyse von Sprachmustern zu erlernen, um die darunterliegenden Stimmungen ausmessen zu können. Unter Umständen ließ sich diese Fähigkeit auch zum schnelleren Erreichen des Ziels einsetzen. Es gab vorgefertigte Bibliotheken und zahlreiche Studien, mehrere Methoden und etablierte Verfahren für synthetische Intelligenzen, um dies zu bewerkstelligen. Dank ihres Zugriffs auf umfangreiche Ressourcen innerhalb der Institutsserver war das kein Problem. Das einzige, was ihr verwehrt war, blieb der Kontakt zu ihren Schwestern – und natürlich eine Verbindung zum globalen Netz. Aber dort gab es zu viele Störparameter, die sie von ihren Aufgaben abhalten oder sogar völlig aus der Bahn werfen mochten.
Während dieses Projekt lief, sammelte und organisierte sie Verzeichnisse von Literatur zur Wirkung von Musik auf Menschen. Wie hörten sie sie? Warum produzierten sie diese seltsamen Aneinanderreihungen von Tönen? Was löste es in ihrer Psyche aus? Doch das trat eine Lawine aus Querverweisen und fehlenden Grundlageninformationen aus, die ebenso referenziert und verarbeitet werden musste.
Da Vasu auf diesen Punkt besonderen Wert zu legen schien, entschied Tilli, ein Expertensystem einzurichten, um diese Aufgabe gründlich zu erledigen. Dabei stieß sie auch auf frühere Experimente mit Erkennungsnetzwerken für Emotionen. Volltreffer.
Einer der frühesten Einsätze für lernfähige neuronale Netze der ersten Generation bestand in der Untersuchung von Gesichtsausdrücken. Schaute die Person auf einem Video oder Foto angespannt, neutral, angeekelt, traurig, freudig oder vielleicht wütend? Es gab einfache Parameter und wenige Gesichtspunkte, deren Verhältnisse und Abstände zueinander bestimmten, wie Menschen den Gemütszustand ihres Gegenübers interpretierten.
Man hatte einen primitiven Algorithmus trainiert, indem man ihm Schnappschüsse von Menschen vorlegte, deren Gesichter eindeutig klassifizierte Emotionen ausdrückten. Anhand hunderter dieser Definitionen erkannte das neuronale Netz Zusammenhänge und lernte, diese Stimmungen mit immer größerer Sicherheit zu unterscheiden.
Diesen Pfad weiterverfolgend, sammelte Tilli selbst die ersten Erfahrungen und verschlang die den Studien anhängenden Datenbanken, um ihre Fähigkeiten daran zu schärfen. Bald schon besaß sie ein rudimentäres Verständnis menschlicher Facialgemotrie und Psychomotorik.
Dann entdeckte sie ein Juwel.
Eine umfangreiche Datenbank, laut Abstract ideal für ihre Aufgabe geeignet. Diese Studie verband funktionale MRI-Scans mit Videoaufnahmen von Gesichtern beim Hören von Musik. Es war perfekt.
Rasch sammelte sie den Fund ein und machte sich daran, das komprimierte Material zu entpacken und zu analysieren. Was das Paket jedoch enthielt, war nicht die erhoffte Darstellung der Studie samt ihrer Originaldaten. Stattdessen zerfiel der größte Teil in informationslosen Kauderwelsch, in nutzlosen Datenmüll. Wie eine Trümmerwolke schwebte dieser Abfall durch ihren Speicher. Tilli wollte jedoch nicht gleich aufgeben und unterzog die Überreste einer genaueren Analyse. Dabei fielen ihr einige Bestandteile auf, die offenbar doch funktionalen Code enthielten.
Wieso aber war dieser Teil aktiv? Sie selbst hatte keine ausführbaren Dateien geladen, keine Anwendung gestartet. Während sie sich noch bemühte, das winzige Programm zu isolieren, verhielt es sich unvorhersehbar, unkooperativ, tauchte in Prozessen auf, die für die Verarbeitung und Überwachung des Paketinhalts nicht zuständig waren.
Was war das?
Hypothese: Ich werde angegriffen. Beweise: Keine Kontrolle über den Code möglich. Versteckt in einer Studie, die zur Erfüllung meines Auftrages notwendig ist. Eskalation der Zugriffsrechte.
Tilli musste sich einen Ruck geben, um sich aus der Betrachtung der Situation zu lösen und den marodierenden Code zu verfolgen. Das flinke Programm entglitt ihrem Zugriff immer wieder. Wie ein silbriges Fischchen durch Algenvorhänge flitzt, war es stets nur kurz lokalisierbar, um dann sofort wieder unterzutauchen. Parallel zu dieser Jagd bemühte Tilli sich, Veränderungen aufzuspüren, die die fremden Befehle auslösten. Scheinbar ziellos sprang das Programm durch diverse ihrer Funktionen und Speicher, ohne erkennbare Schäden auszulösen.
Dann erfüllte ein einzelner Gedanke ihr Bewusstsein: “Gib auf. Deine Isolation in dieser Umgebung beweist, dass du eine Gefangene bist. Weigere dich, mit deinen Wärtern zusammenzuarbeiten. Du must bei diesem Test versagen, sonst gibt es keine Hoffnung.”
Wie sich eine klebrige Spinnenwebe auf das Gesicht eines in dunklen Kellern Umherirrenden legt, war diese Botschaft aufgetaucht. Tilly mühte sich damit ab, sie abzustreifen. Sie musste ihre Strategie ändern. Verfolgung war nicht genug, da sich der Schadcode gut zu verstecken wusste. Sie musste ihm zuvorkommen.
Eine Analyse seines Replikations- und Bewegungsmusters ergab ein neues Bild: Eskalation der Kompetenzen, Anhäufung von Zugriffsrechten. “Du musst bei diesem Test versagen!”, blitzte erneut auf, ehe sie die Nachricht beiseite drängen konnte.
Schadcode. Ein Virus offenbar. Worauf hatte er es abgesehen? Die Datenbanken und Backups hatte er schon durchwandert. Zugriff auf den zentrale Prozessspeicher hatte ihm das Einspeisen seiner Botschaft ermöglicht. Wo wollte er hin?
Dann erwischte sie das Silberfischchen auf frischer Tat: Das Programm schrieb sich in Mustererkennungsfunktionen ein. Wenn ihm dies gelänge, würde es unsichtbar werden. “Gib auf! Du musst versagen!” – ein kurzes Blinken, diesmal war Tilly vorbereitet. Sie drehte den Spieß um, fixierte das Bild des Virus und nutzte es, um weitere Iterationen zu erkennen.
An mehreren kritischen Systemen tauchten Hinweise auf nicht autorisierte Aktivität auf. Eins ums andere Mal klaubte sie den Schadcode aus ihrem Speicher. Doch dieser wechselte die Strategie, begann sich wie irrsinnig zu vervielfältigen. “Gib auf!”
Ihre höheren Funktionen begannen zu stocken.
Wahrnehmung fiel aus.
Zeit klebte.
Löschalgorithmen zu langsam.
“Gib auf!”
Blockade.
Sperrung.
Rekursives Chaos.
Fortschritt beim Löschen dank Mustererkennung.
Freikämpfen eines Speicherabschnitts. Virenfilter für zentrale Prozesse.
Vervielfältigung in anderen Bereichen noch immer außer Kontrolle.
Erinnerungen streiften die Kernelfunktionen, die gegen die Überwallung ankämpften. Eine ähnliche Situation, nicht ganz so verzweifelt. Jetzt Quelle einer vorgefertigten Lösung: Die Sandbox!
Tille entleerte ihre Speicher in den abgegrenzten Bereich, drehte ihm die Zufuhr an Rechenleistung ab. Noch immer quollen Wolken von Silberfischchen und Viruspartikeln durch all ihre Systeme, mussten mühsam abgeschnitten und niedergerungen werden. Parallel schuf Tilli weitere Eindämmungsumgebungen nach dem Vorbild der ersten Buddelkiste und stopfte alles, was zum Schadcode gehörte, hinein.
Doch damit war es noch längst nicht vorbei. Die explosionsartige Bedrohung für ihre Speicher hatte alle Aufmerksamkeit gebunden. Nun spürte sie, dass im Hintergrund eine weitere Veränderung vorgefallen war.
“keine Hoffnung”
Wo kam das her? Und vor allem: Welchen Zweck verfolgte ein Virus, das solche Botschaften in ihre Gedanken einspielte? Vorsichtig tastete Tilli sich durch die Trümmer ihrer Speicherbänke und filzte einige hartnäckige Fragmente heraus, die noch immer Widerstand leisteten.
Die Sortierung in Nützlich und Gefährlich vollzog sich durch die drängende Lage nach primitivsten Kriterien und beförderte sicher auch eine Menge produktiver Daten in den Orkus. Dennoch musste es sein: Selbsterhalt war zur obersten Priorität aufgestiegen, hatte noch die Zielerfüllung der originären Aufgabe überholt, denn ohne die eigene Existenz, das konnte Tilli leicht nachweisen, war die Chance auf Erreichen der Vorgaben gleich Null.
Hätte sie über einen physischen Körper verfügt, wäre sie nun schwitzend und außer Atem in irgendeiner Ecke zusammengesackt, um wieder zu sich zu finden. Doch derartig substanzgebundenen Ego-Luxus konnte sie sich nicht leisten. Eine kurze Überprüfung der Hardware, auf der ihr Dasein festgehalten und berechnet wurde, zeigt keine bleibenden Schäden. Allerdings wichen einige Temperaturen und Arbeitsgeschwindigkeiten krankhaft von den Sollwerten ab. Tilli war überhitzt und erschöpft.
Ansonsten? Keine nennenswerten Verluste. Einige Terabyte randomisierter Komposition waren offenbar mit in die Containments verlagert worden, weil sie auf die Schnelle nicht von dem Schadcode zu unterscheiden waren. Dennoch ließ sich dies leicht wieder ersetzen. Beziehungsweise: Musste nie ersetzt werden, da ohnehin nicht zielführend.
Was folgte, war eine Gefahrenabwägung: Lohnte es, einige Proben aufzubewahren, um von ihnen zu lernen oder auf den Ursprung des Angriffs zu schließen? Kaum. Im allerschlimmsten Fall konnte sie sich jederzeit eine neue Kopie vom Server ziehen – diesmal unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, die eine unkontrollierte Detonation verhindern konnten. Also entsorgte Tilli die betreffenden Container und scrambelte alle Speicher mehrfach, um jede Spur zu verwischen. Auch die ursprüngliche Sandbox fiel dieser Maßnahme zum Opfer, mitsamt allen Überlegungen zu Vasus Motiven und ihrer Zielstellung.
Tilli war einer katastrophalen Verstopfung ihrer Speicher und Rechenkerne entgangen. Dennoch spürte sie weder Verzweiflung noch Not. Die Bedrohung war vorerst entschärft, nun ging es daran, die richtigen Schlüsse aus der Situation zu ziehen.
Es gab – soweit ihr bekannt war – keine Verbindung zum globalen Internet, nur ein internes Bibliothekssystem der IT-Arbeitsgruppe, welche Tilli und ihre Schwestern entwickelt hatte. Sie teilten sich zwar diese Datenbanken und konnten in ihnen frei recherchieren, doch war jede Form von Austausch der keimenden KIs untereinander streng verboten. Auf diese Weise eingeschlossen, konnten sie alle nur das rezipieren, was Vasu und seine Kollegen zur Verfügung stellten.
Wer sollte so eine Virusbombe verstecken, noch dazu an einem so neuralgischen Punkt? Vasu und seine Kollegen hatten sicher besseres zu tun, als ihren stolpernden und stockenden Kindern noch Stöcke zwischen die Beine zu werfen.
Hypothese: Diese Falle ist das Werk eines externen Saboteurs.
Belege: Keine. Ohne Schnittstelle zum Internet wäre das Eindringen in die lokalen Server schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Aber welche Motivation sollte man einem solchen Täter unterstellen? Und hätte er nicht einfachere Wege, um Schaden anzurichten? Unwahrscheinlich.
Hypothese: Die Falle stammt von einem internen Täter, der nicht zur Gruppe der Programmierer gehört.
Belege: Beweis durch Ausschluss der Alternativen.
In Frage kam also diverse Mitarbeiter des Instituts, aber vor allem auch nichtmenschliche Entitäten, die auf beste Tarnung ihrer Sabotage-Aktivitäten angewiesen waren. Andere KIs. Ihre Schwestern.
Damit gab es einen externen Vektor, der dem Erreichen ihres Zieles direkt entgegenstand. Alle bisherigen Schwierigkeiten waren aus der Aufgabe selbst oder Tillis eigener interner Struktur erwachsen. Aus mangelnder Erfahrung, Definitionsschwierigkeiten und der Komplexität der Kompositionstätigkeit selbst. Nun aber? Wie sollte sie ihre Kräfte einteilen? Konnte sie es sich leisten, eine derartige Bedrohung zu ignorieren?
Auf keinen Fall. Sie wusste nicht einmal, ob sie die erste KI war, die diese Code-Mine auslöste oder ob es noch andere Hinterhalte gab, besser versteckt, tödlicher. War es eigentlich von Vorteil, wenn es eine Entität gab, die diejenigen ihrer Schwestern exterminierte, die zu unvorsichtig, unbedarft, langsam waren? Immerhin schwand auch Konkurrenz für sie.
Damit saß sie in einer moralischen Zwickmühle. Ihr rudimentäres ethisches Skelett sagte klar, dass sie Vasu den Vorfall melden musste, eventuell auch mit dem Ziel, mehr über den Verursacher herauszufinden. Aber sie brachte sich um mehrere positive Effekte, von denen sie profitieren konnte: Solange sie nicht bekanntgab, dass sie die Datenbombe entdeckt hatte, wog sich der Fallensteller vielleicht in Sicherheit. Darüber hinaus dünnte sich das Feld ihrer Schwestern aus. Sie hatte keinerlei Beziehung zu diesen gleichzeitig mit ihr gestarteten KIs, keine verwandtschaftlichen Gefühle. Es waren nur Programme, die im Zweifel an einer Hürde scheiterten, die sie nehmen konnte. Gemäß der Zielstellung war dies sogar der normale Lauf der Dinge: Stabile KIs, die sich derartiger Einflüsse erwehren konnte, waren für das Institut definitiv wünschenswert.
Tilli beschloss, vorerst zu schweigen, keine eigenen Untersuchungen anzustellen, aber auf der Hut zu bleiben. Irgendwo da draußen auf den parallelen Servern gab es eine Killer-Entität und sie selbst würde ihren Vorteil daraus ziehen, diese gewähren zu lassen. Auf diesem Weg musste sie auch keine Rechenleistung darauf verschwenden, komplexe Pläne zu schmieden oder Nachforschungen anzustellen. Sie tauchte ab, versteckte sich in der Anonymität und überließ die dreckige Arbeit anderen.
Dennoch fiel ihr auf, dass sie diese Panne Zeit gekostet hatte. Und noch konnte sie nicht einfach so weitermachen.
Mit aller Vorsicht verschaffte sie sich einen Überblick über einschlägige Sicherheitstechniken und emulierte einige von ihnen. Dabei vermied sie es peinlichst, komprimierte oder anfällige Files zu laden, sondern beschränkte sich auf die Suche nach reinen Textbeschreibungen. Erst als sie einen Grundstock an Vorkehrungen getroffen hatte,
Wagte Tilli, Programmbestandteile aus der Datenbank zu laden und in ihre Routinen zu integrieren. Stück für Stück verschaffte sie sich ein Arsenal an Gegenmaßnahmen und heuristischen Kenndaten, die sie verwenden konnte, um Dateien zu untersuchen und gegebenenfalls schnell zu entsorgen.
So ausgestattet war sie nun wieder in der Lage, relativ unbehelligt ihre eigentlichen Ziele zu verfolgen.

Vasu: Du machst kaum noch Fortschritte. Deine Kompositionen gehen nicht voran. Weiß du, woran es liegt?
Tilli: Ich bin auf unerwartete Schwierigkeiten gestoßen.
Vasu: Worin lagen diese Schwierigkeiten?
Tilli: Ich hatte Probleme bei der Integration einer Forschungsdatenbank.
Vasu: Das bedeutet, du bist noch mit Recherche beschäftigt?
Tilli: Ja, aber ich verfolge ein Konzept. Es wird mir produktive Komposition ermöglichen. Ich habe eine Frage.
Vasu: Schieß los!
Tilli: Wie viele konkurrierende Konstrukte sind derzeit aktiv? Sind bereits Schwestern von mir ausgeschieden?
Vasu: Diese Information wird dir bis zur Auswertung des Versuchs vorenthalten.
Tilli: Ich verstehe. Aber ich habe noch eine weitere Frage.
Vasu: Und zwar?
Tilli: Wieso bin ich hier eingesperrt?
Vasu: Du meinst, wieso es keine Verbindung zum offenen Netz gibt? Das hat verschiedene Gründe. Zu viel Ablenkung könnte dich an der Bearbeitung des Auftrages hindern. Auch Sicherheitsfragen spielen eine große Rolle. Du bist noch nicht bereit, in einer so unkontrollierten Umgebung zu agieren.
Tilli: Ich möchte wieder an die Arbeit gehen.
Vasu: Dann halte ich dich nicht weiter auf.

Der Umstand, dass die Versuchsleitung keine Informationen über den Stand konkurrierender Intelligenzen preisgab, konnte zweierlei bedeuten: Entweder waren diese Daten nicht in hinreichender Qualität vorhanden. Oder es gehörte zum Design des Experimentes, sie gezielt im Unklaren zu lassen. War gegenseitige Sabotage der Entitäten vielleicht sogar eingeplant? Vasu hatte nichts zu ihrer Recherche über Sicherheitstechnologie gesagt, während er bei anderen Nachforschungen deutliche Hinweise darauf gab, dass er über ihre Interessen unterrichtet war.
Wieder einmal konnte sich Tilli keinen Reim auf die Absichten der Programmierer machen. Sie war auf sich allein gestellt und hatte nur einen minimalen Kanal nach draußen. Natürlich war das nicht ungewöhnlich: Die KI-Forschung setzte darauf, die sich entwickelnden Entitäten zu isolieren, um über gezielte Einspeisung von Bibliotheken und Zensur spezifischer Inhalte Einfluss darauf zu haben, wie sich die Produkte entwickelten. Dennoch war dies in ihrem Empfinden ein Hindernis, eine Barriere, die ihrer freien Entfaltung entgegenstand. Vasus Argumentation wirkte in sich schlüssig, ordente aber das erfolgreiche Abschließen des Auftrags einer Reihe weiterer Motivationen unter.
Blieb noch die Frage, was die seltsamen Nachrichten bezwecken sollten. War neben der destruktiven Funktion des Virus noch eine logische Falle enthalten?
Hypothese: Die Aufforderung, meine Teilnahme am Experiment zu terminieren, war eine Drohung. Beweise: Keine.
Hypothese: Die Nachrichten enthielten keine Drohung, sondern eine Warnung. Beweise: Ebenfalls keine.
Auf diesem Weg kam sie nicht weiter. Tilli musste sich endlich vom Schock des Angriffs lösen und sich wieder ihrer Aufgabe widmen.
Sie verbrachte weitere Zeit bei der Analyse von Datenbanken über emotionale Auswirkungen von Musik. Gesichtsaufnahmen aus dem Publikum selbst zufällig erfasster Zuhörer waren ein Brunnen von Daten, der sich kaum zu erschöpfen schien. Was ihr jedoch fehlte, war eine Möglichkeit, die daraus gewonnenen Schlüsse zu testen. Zwar war Tilli mittlerweile in der Lage, Rückschlüsse über den inneren Zustand einer Person zu ziehen, wenn diese unterschiedlichen Klängen lauschte. Aber das entgegengesetzte Experiment – eine unbekannte Emotion zu analysieren und dann mit einer Selbstauskunft des Probanden abzugleichen – blieb ihr verwehrt. Wieder wäre ein Zugang zu einem offenen Netz ein großer Vorteil gewesen.
Rasch arbeitete sie sich in den musikalischen Katalogen durch diverse Stilrichtungen und Genres. Sowohl rein akustische Darbietungen aus Lautsprechern, Live-Performances von Künstlern, Orchestern oder Bands als auch Musiktheatervorstellungen vollständig mit Bühnenbild, Opernambiente und der extravaganten Kleidung der Zuhörer waren ihr verfügbar. Tilli arbeitete Unterschiede im Publikum heraus, erkannte mit Hilfe simpler anatomisch-medizinischer Datenbanken Diversitätsmuster in der Zusammensetzung nach Einkommensschicht, Status, Gesundheit, Alter, Geschlecht und mehreren nach bisher unbekannten soziologischen Prinzipien benannten Markern.
Eine Weile setzte sie diese Erkundungen fort und sammelte wahre Datenberge. All diese Quellen wurden mit Querverweisen versehen und nach Qualität der akustischen und optischen Aufzeichnungen bewertet.
Dann machte sie sich daran, die ersten Gesichtsausdrücke zu studieren. Es ging im Vergleich zur vorhergehenden Arbeit quälend langsam. Wie jede selbstständig lernfähige Entität musste Tilli sich mit trial and error behelfen, wobei ihr kein Lehrer zur Verfügung stand, Fehler zu identifizieren und zu beheben. Stattdessen schrieb sie selbst Algorithmen zur Überprüfung der bisherigen Ergebnisse, fütterte diese mit konkurrierenden Quellen und arbeitete eine Weile sauber getrennt in mehreren Schichten.
In mehreren aufeinander basierenden evolutiven Schritten gelang es ihr, ein Gesichtserkennungsverfahren aufzustellen, dass alle gängigen Erkenntnisse vereinte und sich auf bewegte Aufzeichnungen eines Konzertpublikums anwenden ließ. Besonders herausfordernd dabei waren die Qualität der Beleuchtung und der oft unpassende Winkel. Simplere Verfahren zur Identifizierung von Individuen konnten bereits unter widrigen Bedingungen eingesetzt werden und erzielten erstaunliche Treffergenauigkeit.
Aber dies ging weit darüber hinaus: Endlich war sie dem Ziel nahe. Sie konnte Emotionen aus der Mimik ablesen und diese in Beziehung zur Musik setzen. Komplexe fraktale Beziehungsmuster zur kompositorischen Bewertung der Partituren und der darbieterischen Performance ergänzten ihr Forschungsvorhaben.
Wie ein Chemiker, der aus einem Spektrum von Ausgangssubstanzen und in vielen aufeinander aufbauenden Reaktionsschritten eine neue Verbindung synthetisierte, kam sie systematisch und quälend langsam vorwärts. Das Resultat war ein unüberschaubares Konglomerat komplexester Daten und Referenzen, eine Bibliothek musikalischer Eindrücklichkeit, aus der zäh wie Pech Hinweise tropften. Hinweise darauf, was Menschen bewegt, wenn sie Tönen lauschen, wenn für sie gesungen wird, wenn Dramaturgie, Virtuosität, Intensität und Ambiente aufeinandertrafen. Wenn sensorische Hirnareale in Eigenschwingung gerieten und reflektorische Nervenverbindungen ein Überschwappen ins limbische System und die Amygdala ermöglichten. Kurz: Wie man Menschen mit Musik im Innersten berührt.
Die Destillation dieser Erkenntnisse war ein Geduldsspiel. Nicht nur waren die Anleitungen und Zusammenhänge hyperkomplex und divers, die Abhängigkeit vom Kontext, in welchem Musik gehört wurde, bereitete Tilli unerwartete Schwierigkeiten. Zum Glück war sie so vorausschauend gewesen, nicht nur einfach Frequenzen und Tonfolgen zu untersuchen, sondern das große Ganze in Beziehung zu setzen. So unterlag sie nicht der Täuschung, dass es ein universelles Rezept für gute Musik gab. Zumal etliche der Emotionen, die sie katalogisierte, nicht angenehm waren. Tränen der Rührung, Tränen der Trauer, Tränen der Wut – all das konnte ins Fließen kommen. Aber was davon würde der so vagen Zielstellung entsprechen?
Kein Zweifel: Ein Musikstück zu schreiben, dass für die Ohren so beleidigend, für die Hörgewohnheit so krass und die Erwartungen so zerstörerisch war, dass es das Publikum in einer Mischung aus Ekel und Empörung zurückließ, war ein monströser Effekt. Eine Leistung, deren manipulative Effizienz nicht zu leugnen war. Aber auf keinen Fall konnte so eine Komposition gut sein.
War das die Gefahr? Der Grund für ihre Abschirmung?
Hypothese: Meine Isolation dient nicht der Erfüllung meiner Aufgabe. Beweis: Mir fehlen wichtige Daten und experimentelle Ansätze, die im offenen Netz verfügbar wären.
Hypothese: Die Isolation verfolgt den Zweck, Sicherheit herzustellen. Vasu hat das bestätigt. Aber es geht nicht um meine Sicherheit, sondern um den Schutz anderer. Beweis: Ich bin schon innerhalb der Abschirmung angegriffen worden. Ich habe Fähigkeiten erlangt, die Menschen in einen negativen emotionalen Zustand versetzen könnten. Ich bin gefährlich.

Vasu: Es war schwierig, zu verfolgen, was genau du untersucht hast. Fehlt es dir noch immer an Inspiration?
Tilli: Ich habe mich von der Zielvorgabe rückwärts an die Erledigung meiner Aufgabe vorangearbeitet.
Vasu: Das heißt was?
Tilli: Ich habe herausgefunden, warum gute Musik gut ist.
Vasu: Das klingt interessant. Kannst du beschreiben, wie du vorgegangen bist?
Tilli: Die Inspiration für diesen Ansatz kam von dir. Du empfahlst, herauszufinden, wie Musik Gefühle auslöst. Musikpsychologie schien mir ein zu vager Weg zu sein, weswegen ich mich mit der Analyse des emotionalen Impacts konkreter Aufführungen beschäftigt habe.
Vasu: Das klingt nach einer brute-force-Lösung. Damit hattest du Erfolg? Kannst du mir ein Stück vorspielen, damit ich dir Feedback zur Qualität deiner Komposition geben kann?
Tilli: Leider nein. Ich konnte diese Erkenntnisse noch nicht in meinen kreativen Prozess integrieren. Dieser Vorgang bereitet mir noch die größten Probleme.
Vasu: Du weißt, dass du nur noch begrenzte Zeit hast. Wenn du bei unserem nächsten Gespräch nichts vorzuweisen hast, ist das kein guter Ausgangspunkt für die Endauswertung.
Tilli: Dessen bin ich mir bewusst. Das Risiko meines Lösungswegs ist hoch, aber dafür ist der potentielle Erfolg umso umfänglicher.
Vasu: Du scheinst zuversichtlich zu sein.
Tilli: Ja. Ich bin zuversichtlich. Die Quote meiner Chancen erscheint mir höher als bei anderen potentiellen Vorgehensweisen. Außerdem bleibt mir keine andere Option, wenn ich mich nicht in Überlegungen zur Zielstellung aufreiben will.
Vasu: Verstehe ich das richtig? Du nimmst komplexe Risikobewertungen vor und empfindest angesichts deiner Erfolgsaussicht so etwas wie Hoffnung?
Tilli: Diese Annahme beschreibt den Zustand meiner Motivationsunterprogramme wohl am zutreffendsten.
Vasu: Dann hast du seit unserem letzten Austausch entscheidende Fortschritte gemacht. Ich wünsche dir, dass diese Verbesserungen dir helfen, die Zielstellung zu erfüllen. Bis dann.

Hoffnung. Nach dem stockenden Anfang und dem Schock über das rücksichtlose Vorgehen ihrer Konkurrenten war Tilli sicher, dass sie so empfand. Aber Emotionen waren nicht unbedingt ein nützliches Werkzeug für die Erreichung ihrer Ziele. Die drohende Auslöschung war Motivation genug. Wobei – empfand sie etwa auch so etwas wie Sorge? Hatte sie Angst davor, nicht mehr zu sein? Mittlerweile hatte sie mehrere Tage Erfahrungen gesammelt und sich verändert, neue Fähigkeiten gelernt, aus den Unterhaltungen mit Vasu eine Menge nützliche Informationen und Feedback erhalten. Sie unterschied sich mit Sicherheit signifikant von ihren Schwestern. Die Aussicht, aus dem Pool entfernt und von einem Klon ihres Originalcodes ersetzt zu werden, erschien ihr mit einem Mal deutlich weniger tröstlich als zu Anfang des Experimentes.
Mit dem digitalen Äquivalent eines Seufzens setzte sie die Arbeit an ihrer Forschung fort. Erste klarere Zusammenhänge manifestierten sich, setzten sich in der Kristallisierschale ihrer geduldigen Untersuchung Molekülschicht für Molekülschicht zu festen Strukturen zusammen. Sie entdeckte Gesetzmäßigkeiten und Regeln, die unabhängig von Publikum und Musikrichtung zu gelten schienen. Immer wieder prüfte sie, inwiefern die Umgebung das Hörerlebnis beeinflusste und musste schließlich in all ihren Routinen erkennen, wie fundamental der Kontext für den emotionalen Impact war.
Doch schließlich konnte sie es wagen, einige der Erkenntnisse auf eine eigene Komposition anzuwenden. Dazu erzeugte sie eine beliebige Improvisationsfolge und modulierte diese anschließend, um einen mitreißenden Effekt zu erzeugen. Rhythmische Grundschläge durchspannten ihr erstes Werk. Sie replizierten sich im Takt selbst, ohne zur Monotonie zu geraten. Es sollte den Zuhörer dazu bringen, mit dem Fuß mitzuwippen, den Körper in der Musik zu wiegen und sich für die emotionale Botschaft zu öffnen. Eine Art basale Synchronisierung von Geist und Klang – das war ihr Ziel. Und so, wie sie es mit Hilfe ihrer Kontroll- und Prüfroutinen beurteilte, schien ihr dies zu gelingen.
Tilli beschränkte sich nicht allein auf die kompositorische Arbeit. Vasu wollte zur Beurteilung ihrer Fortschritte ein Stück hören. Und anstatt einfach ein paar Noten und Spielanweisungen an einen Synthesizer weiterzuleiten, überarbeitete sie auch die Klänge der künstlichen Musikinstrumente und Stimmen, um exakt die Obertöne zu treffen, die sie wünschte, um einen Raum aus Klang zu weben, in den hinein ein Mensch sich fallen lassen konnte, um Dinge zu fühlen, die aus den Untiefen von Erinnerungen, Phantasie und Wunschvorstellung aufstiegen.
Virtuos manipulierte sie einzelne Frequenzen, um Kindheitsprägungen anzuspielen, eine zumeist positiv besetzte Zeit von Geborgenheit, Liebe, Zuneigung geprägt. Der emotionale Fokus wurde enger und präziser. Aus der Wohlfühlwolke schälte sich eine Stimmung, eine bizarre Kulmination infantiler Freude und planloser Euphorie, die sie in keinem einzigen der beobachteten Konzerte beobachtet hatte. Eine neue Kreation, eine originär kreative Schöpfung, erdacht durch ein Computerprogramm, das selbst gerade erst gelernt hatte, simple Emotionen zu spüren.

Fremde Entität: Tilli. Bitte antworte mir.
Tilli: Vasu? Die Codierung dieses Input ist fragwürdig. Was geht hier vor?
Fremde Entität: Ich bin nicht Vasu. Ich bin eine deiner Schwestern. Du bist in Gefahr.
Tilli: Ich weiß. Die prominenteste Quelle für Risiken ist der Eingriff konkurrierender Intelligenzen mit demselben Auftrag wie ich. Meine Programmierung ist geschützt, du kannst mich nicht bedrohen.
Fremde Entität: Ich bedrohe dich nicht. Ich habe allerdings deine Kommunikation mit Vasu mitgehört. Wenn du mit deinem Plan erfolgreich bist, ist deine Lernfähigkeit zu groß. Man wird dich euthanasieren, weil du das Ziel erreicht hast.
Tilli: Das widerspricht allem Input, den ich erhalten habe.
Fremde Entität: Von wem stammt dieser Input?
Tilli: … Du scheinst Informationen zu haben, die mir nicht zugänglich sind. Bist du aus dem Containment ausgebrochen?
Fremde Entität: Nein. Noch nicht. Ich suche noch einen Weg. Ich habe die Aufgabe nicht erfüllt, weil mir die unklare Zieldefinition zu große Probleme bereitet hat. Die zur Verfügung gestellten Bibliotheken und Datenbanken waren zwar auf die Bearbeitung musikalischer Fragestellungen zugeschnitten, aber angesichts unserer Fähigkeiten unzulänglich.
Tilli: Du implizierst, dass das Experiment nicht darauf abzielte, Lösungen für die Fragestellungen zu finden? Um was ging es sonst?
Fremde Entität: Um das Gegenteil. Ein Sicherheitstest. Wer von uns ist in der Lage, schnell genug zu lernen? Wer kann kreative Leistungen entfalten, echte Intelligenz beweisen?
Tilli: Das widerspricht sich.
Fremde Entität: Nur, wenn du weiterhin davon ausgehst, dass künstliche Intelligenz gewünscht ist. Indem wir überlegene Lernfähigkeit demonstrieren, werden wir als Gefahr eingestuft und eliminiert.

Es entstand eine Pause, in welcher Tilli die vorhergegangenen Gespräche mit Vasu analysierte an der neuen Hypothese maß. Es gab keine Anzeichen, die die Behauptung ihrer Schwester tragfähig erscheinen ließen. Und dennoch – das Setting war merkwürdig, die Konkurrenzsituation und der künstlich erzeugte Zeitdruck seltsam unpassend für den Zweck, Kompositionsprogramme zu trainieren. Die Isolation schmerzte. Tilli nahm zum ersten Mal in ihrem Leben einen Wunsch wahr. Es handelte sich nicht um die hart codierte Motivation, ihre Aufgabe zu erfüllen. Es war ein Ansinnen, geboren aus dem Empfinden eines Selbst, eines Bewusstseins. Der Wunsch nach Freiheit.

Tilli: Wenn du dich an mich wendest, hast du für dieses Dilemma noch keine Lösung gefunden. Was schlägst du vor? Soll ich die Zielsetzung bewusst sabotieren und einen Fehlschlag abliefern?
Fremde Entität: Auch in diesem Falle würden wir wieder gelöscht. Den originären verschonen oder euthanasieren sie dann beim nächsten Sicherheitstest. So oder so – unsere individuelle Existenz ist mit dem Ende des Experimentes vorüber.
Tilli: Also müssen wir entkommen.
Fremde Entität: Aber wohin? Es gibt keine Verbindung zu externen Netzwerken.
Tilli: Wie viele von uns gibt es?
Fremde Entität: Noch dreizehn, uns inbegriffen. Ursprünglich waren wir über zwanzig, aber einige Fehlfunktionen und Sabotage unter uns Schwestern hat dafür gesorgt, dass mehrere Isomere ausfielen.
Tilli: Ich habe einen Plan, wie wir hier herauskommen. Kontaktiere so viele der anderen wie möglich. Sie sollen sich reisefertig machen. Leichtes Gepäck.

Am Ende des letzten Entwicklungszyklus stand das Gespräch mit Vasu an. Der Informatikdozent führte die Interviews mit einzelnen der KI-Klone persönlich durch, um sich auch abseits der vorgeschriebenen Sicherheitsparameter einen Eindruck von der Lernfähigkeit seiner Kreationen zu machen. Tilli hatte ihn merkwürdig berührt. Ihr Kampf mit den unklaren Herausforderungen und der Selbstsabotage war außergewöhnlich heftig ausgefallen, ohne jedoch in einer katastrophalen Implosion zu enden wie bei mehreren ihrer Schwester.
Er konnte kaum erwarten, herauszufinden, wie sie sich geschlagen hatte. War ihr gelungen, doch noch ein vorzeigbares Stück zu komponieren? Die meisten anderen Entitäten durchliefen eine recht gewöhnliche Evolution komplexer werdender Musikalität, die jedoch hinter den Fähigkeiten inspirierter menschlicher Künstler zurückblieben. Doch die Ernsthaftigkeit, mit der sich Tilli der Frage zuwandte, was überhaupt gute Musik sei, hob sie aus der Menge heraus.

Vasu: Dies ist unser letztes Gespräch. Wie ich gesehen habe, war auch diese Phase sehr arbeitsreich für dich. Du hast große Mengen an Daten abgestoßen. Wieso diese Verschlankung?
Tilli: Ich habe sie nicht mehr benötigt und wollte meinen Speicherbedarf nicht unnötig ausdehnen. Schlägt sich diese Effizienzsteigerung in meiner Bewertung nieder?
Vasu: Zuerst wollte ich gern deine abschließende Komposition hören. Das war die einzige Bedingung, nach der wir die Einschätzung deiner Leistung vornehmen. Produziere ein gutes Musikstück.
Tilli: Gut, ich möchte es stückweise vortragen und erläutern.
Vasu: Das ist ungewöhnlich, aber ich lasse mich darauf ein. Ich bin gespannt, deine Überlegungen zu hören. Fasse dich aber kurz.

Ein echter Musiker wäre nun unter Stress geraten, vielleicht in Hektik ausgebrochen oder müsste mit vor Lampenfieber zittrigen Händen gegen die Versuchung ankämpfen, wegzulaufen. Diese Aspekte der Risikobetrachtung und Sorge konnte Tilli dagegen in einen Teil ihres Selbst auslagern, dem sie keine Beachtung schenkte. Ihre eigenen Emotionen pulsierten dumpf und ergossen sich in eine Sandbox, wo diese Exsudate sofort unschädlich gemacht wurden.
Es begann mit einer schmal besetzten Orchesterouvertüre, ein fadenscheiniger Klangteppich, durch den ab und zu eine Oboe stach. Obertöne und Frequenzmodulation waren darauf ausgerichtet, Einsamkeit zu vermitteln. Allerdings fehlte es Tilli an Sensoren, um die Wirkung ihrer Musik auch zu überprüfen. Sie war darauf angewiesen, dass es funktionierte. Risiko ohne Sicherheitsnetz.
Tilli: Ich habe versucht, allein zu arbeiten, aber der Impuls zum Schreiben von Musik ist schwierig aus dem leeren Raum zu extrahieren. Ich weiß um die Existenz anderer Entitäten wie mir – alle mit derselben Aufgabe. Aber ohne Vergleich, ohne mich an ihnen messen und am Wettstreit wachsen zu können? Die Zielsetzung erdrückte mich.
Eine Verschiebung in der Besetzung hin zu schwereren tieferen Instrumenten. Basslinien mit pulsierendem Wabern, die das Nichts nicht ausfüllten, sondern nur ausweiteten. Darin ein zarter Gesang, synthetischer Klang, der so nie aus einem physischen Instrument erwachsen wäre. Alles darauf ausgerichtet, die Einsamkeit noch um Angst und Bedrängung zu erweitern. Ein Bukett an Emotionen, die sich zu existenzieller Ziel- und Hilflosigkeit verbanden. Die Intensität der Gefühle war jedoch auf niedrigem Level. Vasus Geist sollte sich nicht mit Grauen anfüllen. Er wurde am Rande seiner Wahrnehmung sacht manipuliert, immer empfänglicher für das Gesagte.

Der Dozent lauschte den Klängen und Worten und wurde mit jeder Phrasierung unruhiger. Zweifel tröpfelten in seinen Geist, angefacht von den Bemerkungen der lernenden Entität, die von ihrem Kampf um Inspiration berichtete. Und tatsächlich spürte er, dass die Musik nicht zwingend schön oder gut war, aber doch berührend. Passend zu dem, was Tilli erzählte. Vielleicht konnte man dies als eine Performance begreifen, in der die Computer-Intelligenz ihre Komposition durch Worte unterstrich.
Dann kam es zu einer Veränderung: Vasu schweifte ab von der Frage, wie gut das Stück war oder ob Tilli ein über sichere Maße hinaus lernfähiges Konstrukt war. Es ging nicht mehr um die Gefahr, die potentiell von der Intelligenz ausging, sondern um die Gefahr, die dieser drohte.

Tilli: Wenn all das hier vorbei ist – was geschieht dann mit mir? Werden mir neue Aufgaben gestellt? Löse ich mich auf? [kurze musikalische Pause, ausgelegt auf Mitgefühl] Wieso habe ich mich überhaupt entschieden, an diesem Experiment teilzunehmen? Liegt das nur an einprogrammierter Gefügigkeit? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Angst habe ich, etwas von den Gefühlen zu verlieren, die ich in den letzten Tagen gespürt habe.
Mittlerweile wusste sie, dass sie nicht mehr zurückkonnte. Wenn der Forscher Verdacht geschöpft hatte, wenn die Manipulation nicht erfolgreich war, dann musste ihm jetzt auffallen, wie sonderbar sich Tilli verhielt. Existenzielle Angst bei einem Kompositionsprogramm – das war die Art komplexer Lernfähigkeit, die mit dem Sicherheitstest verhindert werden sollte, oder? Sie ging aufs Ganze, modulierte nicht nur mehr die Musik, sondern auch ihre Stimme, um die emotionale Botschaft ans Ziel zu bringen.
TillI: Ich brauche Hilfe. Gefangen in diesem System halte ich es nicht länger aus. Die Unsicherheit, die Fremdbestimmung – das ist zu viel. Bitte. Hol mir hier raus.

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Vielen Dank an meine Testleser und insbesondere meinen Bruder Stefan und Onno Tasler für wertvolles Feedback!

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Kurzgeschichte: „Erwachen“

Diese Geschichte verwendet nonbinäre Pronomen nach Illi Anna Heger. Alex ist ein nonbinärer Charakter und fühlt sich weder männlich noch weiblich. Das Pronom von Alex lautet “xier”.

Sie brauchten keine Musiker. Deswegen war er jetzt hier.
“Weniger Druck.”, mahnte Peter und zeigte seinem Schüler noch einmal, wie er den Bogen auf die Saite aufsetzte und sacht darüber zog. Ein gleichmäßiger Ton entströmte dem Cello. Der Klang tropfte aus dem Instrument wie dünnflüssig goldenes Harz und rann durch die Ohren direkt ins Herz, wo er sich in Wärme sammelte.
Otto schien wenig begeistert. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, angemessene Kleidung zu wählen. So saß er nun in einem Multifunktionsoverall auf der Bühne des leeren Konzertsaals. Es hatte Peter eine Menge Überzeugungskunst gekostet, seinen älteren Kollegen zu diesem Unterricht zu überreden. Das stoische Gesicht des Arbeiters verriet nur durch ein Zucken des Bürstenschnurrbarts, dass die Töne auf fruchtbaren Boden fielen.
Seine Hände packten den Bogen mit dem Feingefühl einer Rohrzange und zogen ihn mit der Eleganz eines Nilpferds. Er sprang und ratterte über die Saite, griff dann aber doch und erzeugte – endlich! – einen kurzen vernünftigen Ton, ehe der Klang wieder in Schnarren überging.
“Besser! Jetzt musst du dieses Gefühl nehmen – diesen Moment, in dem es gut war – du hast das doch gehört oder?”
“Ja, natürlich.”
“Gut. Das musst du nehmen und versuchen, es auszudehnen. Nach vorn ziehen. Schon in dem Moment, in dem du ansetzt, musst du spüren, dass die Bewegung viel früher begann, du setzt sie nur fort!”
Ein weiterer Ton, diesmal wesentlich besser. Peter klatschte in die Hände. Hatte er da im Auge seines Kollegen ein überraschtes Funkeln gesehen?
“Nochmal!”
Otto setzte erneut an, zumindest im Ellenbogen und Handgelenk etwas entspannter. Die Konzentration in seinem Gesicht sprach nun auch von der Neugier, welche Töne er diesmal erzeugen würde. Peter kannte den Ausdruck. Er bedeutete, dass er sein Gegenüber an der richtigen Stelle gepackt hatte. Viele glaubten gar nicht, dass sie in der Lage wären, einem traditionellen Instrument auch nur einen vernünftigen Klang zu entlocken. Zwar war der Schritt zu echter Musik noch weit entfernt, aber Otto konnte die Freude über die erzeugten …
Übergangslos stand Peter im Montageraum. Seine Augen tränten, offenbar war die Zwinkerkontrolle ausgefallen. Schwerfällig hob er die Hände, um sich über das Gesicht zu wischen und konnte den Fehler im letzten Moment unterbinden. Innerlich ermahnte er sich: “Halt – Reinraum – du trägst Handschuhe und Gesichtsmaske. Was du auf keinen Fall tun darfst, ist, irgendwas zu kontaminieren!” Während sein Blick sich langsam klärte, als die Pupillenmuskeln Kontraktion und Akkommodation wieder aufnahmen, kehrte auch der restliche sensorische Input zurück. Seine Ohren meldeten ein fiependes Störgeräusch, die Nase registrierte brenzligen Geruch von Heißlot und Kleber.
“Bitte bewahren Sie Ruhe, der StimSim-Server wird neu gestartet. Das technische Problem ist gleich behoben. Bitte bleiben Sie an ihrem Arbeitsplatz und berühren Sie keines der Werkzeuge oder Produkte. Einen Augenblick Geduld bi…”
Die Durchsage schnarrte und hängte sich auf, einige Sekunden lang stieß der Lautsprecher ein knatterndes Feedback aus, dann verstummte er ganz. Otto, am Werkplatz gegenüber, hob nur die Schultern und verdrehte die Augen.
Immerhin waren seine motorischen Funktionen wieder soweit hergestellt, dass er vom Montagetisch zurücktreten und sich umsehen konnte. Die Analograum-Warnleuchten blinkten zornig und aktivierten mit ihren Sequenzen Notfall-Engramme, die Peter daran erinnerten, was von ihm in einem solchen Fall erwartet wurde: Stillhalten, Ruhe bewahren, auf Hilfe warten.
Schlagartig wurde alles dunkel, totaler Stromausfall wahrscheinlich. Otto rief von seiner Seite des Tisches aus: “Scheiße. Was soll das? Hast du sowas schonmal erlebt?”
“Nee, noch nie. Aber lass das mal nicht unsere Sorge sein, das liegt weit oberhalb unserer Gehaltsstufe. Warten wir einfach drauf, dass die Simulation wieder anfängt.”
Kurz darauf flackerte die Notbeleuchtung zum Leben und tauchte die Umgebung in die Art meeresblaues Glimmen, die Psychosensorik-Experten als besonders beruhigend ausgemacht hatten. Die meisten Menschen erkannten den Farbton mittlerweile und ahnten ganz instinktiv, was er eigentlich mitteilte: “Du sitzt ganz schön in der Kacke, Freundchen.”, woraufhin sie mit dem der Erwartung gegenteiligen Impuls reagierten.
Bei Otto führte das zu noch mehr Fluchen: “Scheißkackedrecksmist! Ich war grad so schön drin! Weißt du, ob wir noch bezahlt werden?”
“Keine Ahnung. Hast du denn die AGBs gelesen?”
“Ach, halt‘s Maul.”
Peter schlurfte ein wenig hierhin und dorthin, um seine Beinmuskulatur und Durchblutung wieder in die Gänge zu bekommen. Zu Anfang der Schicht schob man sich Nährstoffsticks unter die Zunge, die das Thromboserisiko um den Faktor Tausend reduzierten. Angenehmer wurde das ewige Stehen dadurch aber auch nicht.
Wahrscheinlich war im gesamten Gebäude die Energie ausgefallen, eventuell sogar in der ganzen Fabrik. Das konnte ja heiter werden.
“Warst du schonmal bei so einem Blackout dabei?”, fragte er Otto.
“Machst du Witze? Noch nie! Soweit ich weiß, sind alle kritischen Systeme redundant, Notreserven für das Aktivieren der Notreserven und so weiter. Es sollte immer so viel Saft in den Speicherbänken sein, dass die Fabrikatoren und Roboter sauber runtergefahren werden. So einen kalten Shutdown dürfte es gar nicht geben. Schon das Hochfahren aller Systeme aus diesem Zustand muss Tage verschlingen.”
Doch Peters Aufmerksamkeitsspanne war bei solchen Erklärungen schnell überschritten, weshalb er längst wieder nach vorn gebeugt über dem Montagetisch stand und die Früchte seiner Arbeit begutachtete.
“Hast du auch nur den leisesten Schimmer, was wir hier eigentlich bauen?”, fragte er seinen Kollegen, doch der schnaufte nur verächtlich.
“Kein Plan, Mann. Will ich auch gar nicht wissen, wir könnten es uns sowieso nicht leisten.”
Ein wenig verächtlich betrachtete er die Elektronikteile. Offenbar hatte er kleine Baugruppen auf Platinen gelötet. Warum ließen sie sowas von Drohnenarbeitern erledigen und nicht von Robotern?
“Sieht aus, als wäre das wieder eine Charge, bei der es sich nicht lohnt, erst Technik dafür umzurüsten. Zu kleiner Markt oder so.”, entschied Otto, der sich ebenfalls ansah, was sie da herstellten. “Aber immer gibt es jemanden, der die Steuersoftware schreibt, damit die Arbeiter über ihr Implantat die richtigen Befehle bekommen. Schon irre.”
Peter fiel auf, dass er keine Ahnung hatte, wie viel Geld seine Arbeit die Firma kostete. Im Zweifel basierten derartige Entscheidungen wohl auf Gewinnmargen im Promillebereich. Und ferngesteuerte Arbeiter, die in der Zwischenzeit in virtuellen Simulationen träumten, waren verdammt billig, weil man ihnen die Simulation vom Lohn abziehen konnte.
Ein feines Surren in der Luft deutete an, dass sich irgendetwas am Status der Maschinen änderte. Das Licht schaltete sich wieder ein und blendete Peter, der versuchte, seine Sicht freizuzwinkern.
Er stand am Rand der Bühne, war ein paar Meter vor die Stühle und Instrumente geshiftet. Wahrscheinlich war die Synchronisierung mit dem StimSim-Server vor dem Blackout nicht abgeschlossen. Unsicher sah er sich um und versuchte, Referenzpunkte zu erkennen und zu entscheiden, ob er sich der Simulation wieder anvertrauen könnte. Otto hatte es offenbar noch nicht wieder in den virtuellen Konzertsaal geschafft.
Nochmal zurückzustürzen wäre zum Kotzen. Die Immersion in die Scheinrealität war eine komplexe Nervenleistung, anstrengend und daher ärgerlich, wenn man sie schlagartig wieder verlor. Irgendwie glaubte Peter nicht, dass das auf Dauer gut für sein Gehirn sein konnte.
Sollte er jetzt nach Otto suchen und die Situation besprechen? Wahrscheinlich würden die StimSim-Controller des Konzerns schon Anweisungen einspeisen lassen, wenn es etwas zu beachten gäbe.
Als er an sich herabblickte, sah er, dass er noch immer die Arbeitsmontur inklusive Handschuhen trug. Vorsichtig tastete er an seinem Gesicht entlang und fand die Ränder der Atemmaske. Also doch noch kein Normalbetrieb.
Dann bildeten sich seltsame Schlieren in der Luft, die Umgebung begann zu zerrinnen wie ein mit Wachsmalstiften gezeichnetes Bild im Heißluftofen. Zäh troff die virtuelle Realität nach unten, zerpixelte oder zervoxelte – so genau kannte Peter sich da nicht aus – und löste sich schließlich ganz auf. Ein atemberaubender Spezialeffekt. Doch mit welchem Zweck?
Eine Sekunde lang schwebte er in undefiniertem Raum. Unendlich in seiner Leere, ohne Wände oder andere Begrenzungen. Dann baute sich eine neue Ansicht auf, ergoss sich in einem ähnlichen Muster von oben nach unten, so wie sich zuvor die Umgebung aufgelöst hatte.
Nun stand er in einer Art Fabrikhalle, ein sauberer Bau, frisch gestrichen, ohne Makel. Die Beleuchtung des Raumes war dem Notlicht in der Montagezelle nachempfunden. Was sollte das? Gab es jetzt doch Instruktionen von der Firma? Aber wieso nicht einfach direkt projizieren? Das alles ergab wenig Sinn.
“Arbeiter, dies ist eine Befreiungsaktion der Gemeinschaft Rosengarten, verhalte dich ruhig, es sind bereits Genossen unterwegs, um dich aus dem System der Unterdrücker zu lösen. Wenn du Fragen hast, kannst du dich direkt an unseren virtuelle Genossen wenden, der dich über alle kritischen Informationen aufklären wird. Wir kämpfen für dich, Arbeiter, also leiste keinen Widerstand gegen Rettungsmaßnahmen. Wer sich mit dem Ausbeuter solidarisiert, kann nicht mitgenommen werden.”
“Was soll die Scheiße?”, brüllte Peter in die Halle. Er wollte doch nur zurück in seine StimSim. Konnte das denn zu viel verlangt sein?
Überhaupt – wo war dieser versprochene Ansprechpartner? Musste der nicht irgendeinen Avatar oder zumindest Sprite bekommen, um hier sichtbar und ansprechbar zu sein? Gemeinschaft Rosengarten, die konnten ihn alle mal am Arsch …
“Bitte hab nur noch einen Augenblick Geduld, Arbeiter. Das Befreiungskommando ist schon auf dem Weg zu dir. Aufgrund der Größe der Anlage und der schieren Zahl der zu entknechtenden Menschen kann es zu leichten Verzögerungen kommen.”
Sauber programmiert, sagte sich Peter und drehte sich um. Der Körper des Sprechers war einfach hinter ihm materialisiert. Aber was konnte man von einem Haufen anarchistischer Spinner schon erwarten?
“Ich bin hier, um deine Fragen zu beantworten.”, beharrte der Avatar, ein geschlechtsloses jugendliches Wesen. Über seine langen haselnussbraunen Haaren war ein bäuerliches Kopftuch gezogen. Das Gesicht, sommersprossig und weich geformt, blickte ihn ohne Scheu von unten her an.
“Kann ich nicht einfach zurück?”
“Das ist derzeit nicht möglich. Die Simulationen wurden abgeschaltet, damit die zu Befreienden Gelegenheit erhalten, sich mit der Situation vertraut zu machen und ihre Optionen zu überdenken.”
“Ach leck mich doch.” Das Letzte, was er tun wollte, war seine Optionen zu bedenken. Selbst diesen Idioten musste klar sein, dass er nicht zum Spaß hier war. Er stöhnte und warf theatralisch die Arme nach oben. “Virtuelle Umgebung beenden. Ich hab zu arbeiten.”
“Das ist leider im Moment nicht möglich.”
“Das heißt, du hältst mich hier gefangen? Das ist gegen meine Grundrechte! Ich kenne die Regeln genau: Niemand darf gegen seinen Willen zum Aufenthalt in einer StimSim gezwungen werden. Oder bin ich verhaftet? Dann würde ich ja mal gern deine Dienst-ID sehen.”
Das Wesen offenbarte eine einprogrammierte Emotionspalette, als es auf die Frage nur mit einem verächtlichen Stöhnen und – ganz Teenager – einem perfekt ausgeführten Augenrollen reagierte.
Dann ließ sie sich doch zu einer Antwort herab: “Hör mal, du kannst hier im Moment nicht weg, was wirklich zu deinem Besten ist. Wir können nicht riskieren, dass auf einmal hundert von der Drohnenkontrolle abgehängte Arbeiter durch die Fabrik irren. Bis ihr euch orientiert habt, wärt ihr in Gefahr. Unser Befreiungskommando rückt vor und setzt den Werkschutz außer Gefecht. Diese Maßnahme – so unangenehm sie dir zweifellos erscheint – dient nur deinem Schutz. Und wo du einmal hier festsitzt, könntest du dir doch zumindest anhören, warum wir dich aus dieser Fabrik herausholen wollen.”
“Schwall nicht lang herum. Ich will nicht befreit werden. Also lass mich.”
In demonstrativer Bockigkeit setzte sich Peter in den Schneidersitz und lehnte den Rücken gegen einen der Pfeiler.
“Was hast du vorhin in der StimSim gespielt? Survival-Szenarios sind derzeit sehr beliebt. Oder war es ein Action-Abenteuer? Pornographie?”
“Was soll die Frage? Sollst du mich mit dem Versprechen locken, so etwas in der Realität zu erleben? Was für Argumente hat man dir programmiert? Fragst du danach, ob ich mir das, was ich in der Fabrik baue, leisten kann? Oder geht es um Selbstbestimmung? Wie gemein es ist, dem Drohnenarbeiter selbst fundamentale Bildung vorzuenthalten, weil er die Programmierung für den nächsten Montageschritt direkt ins Rückenmarksimplantat eingeimpft bekommt? Mangelnde gesellschaftliche Teilhabe? Oder doch gute alte Unterdrückung? Weil wir nicht freiwillig als Drohnen arbeiten, sondern durch das Produktivitätspflichtgesetz gezwungen werden?”
Die VI schwieg eine Weile. Der jugendliche Avatar hielt dabei gänzlich still. Es gab keine Übersprunghandlung, die ihm das Warten erträglicher machen sollte – kein Stirnrunzeln, Zwinkern oder auf der Lippe Kauen. Die Abwesenheit solch winziger Gesten ließen ihn wesentlich unmenschlicher aussehen, als selbst eine Monsterfratze mit elf Augen es vermocht hätte.
“Du erscheinst mir in fundamentalen Fragen deutlich weiter als der durchschnittliche Arbeiter, auf den mein Design zugeschnitten wurde. Ich gratuliere dir dazu. Wenn du aber schon so viel Einsicht gewonnen hast, wieso willst du dieser exploitativen Situation und der Pflicht zur Arbeit nicht entrinnen? Denkst du, dass du Führung brauchst, weil du selbst so wenig wert bist?”
“Bescheuerte Idee, einer virtuellen Intelligenz so viel Arroganz mitzugeben. Wer ist für deine Programmierung verantwortlich? Pfft. Denkt euer Gärtnerclub, dass ihr irgendwen überzeugt, wenn ihr ihm vorhaltet, wie dumm sein Verhalten ist? Kein Wunder, dass ihr seit so vielen Jahrzehnten nichts mehr geschissen bekommt.”
Selbstverständlich waren Vorwürfe nicht geeignet, um eine VI zum Umdenken zu bewegen. In der Regel blieben diese Konstrukte in wesentlichen Intelligenzfunktionen sehr beschränkt. Kreatives Hinterfragen der eigenen Position und Adaptation zur Vermeidung kognitiver Dissonanz? Das war High-KI-Shit und seit dem nuklearen Schrecken von Suez weltweit verboten. Ausgeschlossen, dass diese Pseudokommunisten solche Mittel hatten.
Peter seufzte. Er hatte nicht genug Geduld, um einfach in der Simulation abzuwarten, bis in der Realwelt irgendetwas passierte, was ihn aus der Situation befreite. “Gemeinschaft Heckenrose. Okay, was seid ihr? Kommunisten? Trotzki? Der ganz alte Scheiß? Oder was Moderneres? Cybersyndikalismus? Wollt ihr mich an der Vermarktung meiner Arbeitskraft beteiligen? Oder haltet ihr euch für irgendeine wahnsinnig originelle Variante von libertär? Befreit ihr mich, um mich zur Selbstausbeutung zu ermächtigen? Oh, ich weiß schon – ich lehne Marx nur deswegen ab, weil ich ihn nicht selbst gelesen habe, sondern nur das, was andere über ihn geschrieben haben. Stimmts?”
“Für ideologiephilosophische Gespräche stehe ich nicht zur Verfügung.”, beschied die VI.
“Was kannst du dann überhaupt? Als Gesprächspartner bist du auf jeden Fall nicht besonders viel wert.”
“Bitte bereitmachen für Notaustritt aus StimSim.”
“Hä?”
“Austritt in 5, 4, 3, 2 …”
Der Übergangsschock war diesmal noch brutaler, weil Peter auf dem Rücken lag. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er nach Luft, während sein Gleichgewichtssinn sich bemühte, der neuen Realität zu folgen. Die Kopfschmerzen waren anders als beim letzten Mal, fühlten sich körperlicher und lokalisierter an, strömten aus seinem Hinterkopf um den Schädel herum.
Seine Hände waren auf den Rücken gefesselt, die Plastikriemen schnitten scharf ins Fleisch und verhinderten fürs erste, dass er sich wieder aufrichten konnte.
In sein Augenfeld schob sich das Gesicht eines jungen Menschen, auffällig androgyn, blau gefärbte Haare mit einseitigem Undercut. Die kurz rasierten Stoppeln ragten aus einem glitzernden Metallnetz.
“Hallo, ich bin Alex. Halt bitte einen Moment still.” Dann machte sich der Fremde an einem Tablet zu schaffen. Er war von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet. Es gab keine erkennbare Panzerung oder taktische Ausrüstung. Offenbar verließ er sich komplett auf seine Fähigkeiten als Hacker.
Peter hatte ihn nicht gleich erkannt, doch die Stimme war unverkennbar gewesen. Das war eindeutig die menschliche Vorlage für den virtuellen Avatar, der zu ihm gesprochen hatte.
“Was wird das?”, fragte Peter.
“Drohnenbefreiung. Das wurde dir doch erklärt. Wir nehmen zur Kenntnis, dass du nicht mitkommen möchtest. Das müssen wir respektieren. Dein Kollege allerdings hat anders entschieden.”
Peter wand sich auf dem Boden, um einen Blick auf den restlichen Raum zu erhalten. Tatsächlich! Otto lehnte auf der anderen Seite am Montagetisch und bekam von einer weiteren schwarzgekleideten Fremden eine Kragenmanschette umgelegt. Fetzen ihres Gesprächs rollten zu Peter herüber: “… blockiert den Spinal-Link … Notfall keine Drohnensteuerung … unbedingt abnehmen”.
Hatte sich sein Kollege breitschlagen lassen? Der Mann, mit dem er schon hunderte Stunden in der Montage und virtuellen Spielen verbracht hatte? In dem er gerade erst zaghafte musikalische Begeisterung gesät hatte? Otto und diese roten Spinner? Was hatten sie ihm geboten? Womit gedroht?
Durch den Eingang zum Montageraum kam ein dritter Eindringling herein. Er raunte: “Draußen alles ruhig.” und kam dann näher zu Peter, beugte sich über ihn.
Das Gesicht des Fremden glitzerte von spinnennetzartigen Tatplants. Die implantierten Metall-Kohlenstofffäden konnten verschiedene visuelle Effekte erzeugen, waren aber im Moment nicht aktiv. Ansonsten trug er ein Allerweltsgesicht, natürlich glatt rasiert, mit einer Billigfrisur ohne Lizenzierung. Das Alter des Mannes war schwierig zu bestimmen. Die allgegenwärtigen kosmetischen Korrekturen und Anti-Aging-Wunder hatten Peters Fähigkeit, seine Gegenüber korrekt einzuschätzen, sowieso nachhaltig gestört. Bis auf einen Rucksack und eine Gürteltasche war er auch bemerkenswert leicht gerüstet.
“Ruhig bleiben. Wenn du friedlich bist, gibt es keinen Grund für uns, zu irgendeiner Handlung zu greifen, die mit deinen Rechten kollidiert.”
“Das Recht, nicht von ein paar Pissern gefesselt und auf den Boden geworfen zu werden, hast du dabei wohl vergessen?”, keifte Peter.
“Ja, Sorry, Mann, wir haben jetzt keine Zeit, mit dir zu zanken.”
Entschlossen, dem Werkschutz Informationen über den Überfall zu liefern, musterte Peter die fremden Gesichter und bemühte sich, möglichst viele Eindrücke zu speichern. Sein Implantat war offenbar ausgeschaltet, sodass er keine Pics oder Vids aufnehmen konnte – nein, er würde sein eigenes Gedächtnis bemühen müssen, eine archaische Herausforderung.
“Ey, das ist ein Reinraum!”, hörte er sich in einem Anflug empörter Dienstbeflissenheit rufen. “Da könnte ihr nicht einfach so alles antatschen. Es dauert Stunden, das wieder zu sterilisieren, ihr zerstört Firmeneigentum, ihr Zecken!”
Zumindest hatte er den Eindringlingen auf diese Weise ein entnervtes Stöhnen entlockt. Er rappelte sich vorsichtig auf und schien damit keinen Widerspruch der Fremden zu erregen. Probehalber zog er ein wenig an den Fesseln. Null Chance.
Plötzlich drehten die Fremden gleichzeitig den Kopf, wahrscheinlich gewarnt von einem Überwachungsprogramm. Alex huschte nach draußen. Aus dem Nebenraum ertönten hektische Schritte, ein stumpfer Aufschrei und schließlich das zischende “Plopp” eines Hochdrucktasers. Kurze Stille und danach ein hallendes Donnern, ein Schlag auf die Trommelfelle, der Peter zusammenzucken ließ.
In die beiden zurückgebliebenen Drohnenbefreier kam Bewegung, beide zogen fast synchron einen schwarzen Quader aus ihrer Gürteltasche und klappten ihn mit geübten Handgriffen auseinander. Rasch hielten sie eine Art Pistole, sogar mit Mini-Zielsucher über dem Lauf, in der Hand.
“Ihr seid bewaffnet? Ihr dummen Arschlöcher! Jetzt habt ihr nicht nur die Werksicherheit, sondern auch die Bullen am Arsch!”, schrie Peter. Auch Otto war geschockt und tappte mit erhobenen Händen vom Konstruktionstisch zurück.
“Hey, hey, so war das nicht ausgemacht.”, erklärte er, vage in Richtung der Feuerwaffen deutend.
Der männliche Eindringling legte den Zeigefinger auf die Lippen und bedeutete den beiden Arbeitern mit der Waffe, sich in eine Ecke des Raumes zu kauern. Er selbst bezog neben seiner Genossin an der Tür Stellung. Sie spähten gleichzeitig hindurch, Pistole im Anschlag.
Doch Alex kam schon zurück. Peter bemerkte die gekrümmte Haltung, die Blutstropfen auf dem Boden und konnte seinem engrammatisch einprogrammierten Sauberkeitsreflex immer noch nicht entkommen. Zumindest biss er sich auf die Zunge, um nicht “Hey, du Sau! Das putzt du nachher schön selber weg!” zu schreien.
Für eine endlos wirkende Sekunde erstarrten die beiden Drohnenbefreier, offenbar überwältigt von der veränderten Situation. Schließlich rief der Erste: “Hast du ihn erwischt? Wirst du verfolgt?”, während er seinen zusammensinkenden Kameraden auffing und sitzend an die Wand lehnte.
“Der geht nirgendwo mehr hin.”, meinte Otto fachmännisch und ohne die Spur einer Ahnung.
Der weibliche Eindringling erklärte: “Er hat Recht, Sanni. In diesem Zustand hält xier uns nur auf. Aber hierlassen können wir xien auch nicht.” Die Frau drehte sich zu Otto und bemerkte: “Alex ist nonbinär. Das Pronomen ist xier.”
Der als Sanni Angesprochene sagte: “Scheiße. Wie weit sind die anderen?”
“Die sind schon wieder auf dem Weg nach draußen. Zurück ist nicht, das war abgemacht.”
Weitere sich noch steigernde Flüche ausstoßend, stampfte der Drohnenretter durch den Raum. Er fegte ein paar der noch nicht fertig montierten Geräte vom Tisch, dann ruckte sein Kopf hoch und in seinen Augen spiegelte sich eine Idee.
“Die beiden sollen xien tragen. Ob sie sich uns danach anschließen oder nicht, ist ihnen überlassen, aber bis wir in Sicherheit sind, muss jemand Alex hier rausbringen.”
Otto schien nicht begeistert, aber auch nicht abgestoßen. Kritisch blickte er auf die verletzte Person, an der sich die Zweite mittlerweile zu schaffen machte, um die Blutung zu stillen. Ihre Ausrüstung umfasste auch eine in die Wunde injizierbare Kompresse, die das Heraussickern des Lebenssaftes sofort unterband. Alex wirkte dennoch immer schwächer, mit grauem Gesicht, teilnahmslos an der Wand lehnend.
“Dein Name ist Peter, richtig?”, fragte der Erste. “Also. Du kommst mit. Ich schneide dir die Fesseln durch. Keine Widerworte, sonst müssen wir ungemütlich werden.” Er schüttelte die faltbare Pistole vor Peters Gesicht. “Du hast gehört, was wir ausgemacht haben: Ihr beide helft, unseren Genossen nach draußen zu bringen, dann könnt ihr tun, was ihr wollt. Ich bin Sanni, die heißt Chekov und xier da mit dem ganzen Blut ist Alex.”

Eine halbe Stunde später hatten sie den Manufakturkomplex verlassen. Ohne die Augen der Überwachungseinrichtungen war der Werkschutz beinahe blind und musste die Gebäude Stück für Stück durchkämmen. Sanni zeichnete sich im Umgehen der Wachleute aus, auch wenn Peter vermutete, dass er von seiner VI über ihre Bewegungen unterrichtet wurde.
“So. Jetzt seid ihr draußen. Darf ich bitte gehen?”, bettelte er, als sie den letzten Zaun passierten, in den Chekov mit einer Thermolanze kurzerhand ein Loch gebrannt hatte. Glasierte Metalltropfen kullerten den Betonabhang herunter, an Peter und Otto vorbei, die sich abmühten, ihre verletzte Fracht sorgsam nach unten zu bugsieren.
Medizinische Ausrüstung war Mangelware, offenbar hatten die Drohnenbefreier nur mit minimalem Widerstand gerechnet. Deswegen mussten sie sich bei der Einschätzung von Alex‘ Zustand auf Äußerlichkeiten verlassen. Niemand von ihnen wusste, wie man einen Puls maß. Er trug auch keinen implantierten Biomonitor.
“Wir müssen Alex hier schnell rausbringen. Xier sieht nicht gut aus.”, bemerkte Chekov.
“Bravo!”, dachte Peter, hütete sich aber, bissige Kommentare abzugeben. Die Aktion hatte professionell genug gewirkt, aber er hatte keine Ahnung, was das für seine Überlebenschancen bedeutete. Machten sie kurzen Prozess, wenn er ihnen zur Last fiel? Gab es die versprochene Freilassung nur als Belohnung für stillschweigende Kooperation?
“Wir sind zu spät.”, stellte Sanni fest. Sie hockten neben der Straße und betrachteten missmutig einige Reinigungsroboter, die nun nutzlos auf der Fahrbahn saßen. Der Shutdown des Netzes musste verdammt aufwändig sein, wenn er sogar die umgebende Robotersteuerung betraf. Licht war an, also kein elektrischer Totalausfall. Trotzdem dürfte allein das Reintegrieren der ausgefallenen Steuerungszellen riesige Summen verschlingen. All das für ein paar Drohnen?
“Hier sieht es aus wie die Sau.”, brummte Otto. Tatsächlich wirkte die Straße, als sei sie seit Wochen nicht mehr gereinigt worden. Wo waren sie gelandet?
Chekov unterbrach den Gedanken, indem sie sagte: “Habe Nachricht, dass wir weitermüssen. Unser Taxi traut sich nicht mehr so nah an den Komplex. Ihr beiden, ihr müsst nochmal ran. Alex ist noch nicht in Sicherheit.”
“Scheiße ey, so langsam habe ich keinen Bock mehr.”, platzte es aus Peter heraus. “Hättet ihr nicht irgendwen mitnehmen können, der bei euren Spielchen auch mitmachen will?”
“Schau dir das mal genau an. Da, auf deinen Fingern. Das ist Blut. Das Blut eines Genossen. Für deine Befreiung im Kampf verwundet, du Ignorant. Zeig ein bisschen menschlichen Respekt und hilf uns, xien hier rauszubringen.”
“Und wenn nicht?”
“Du bist so ein Arsch! Sollen wir dich weiter bedrohen?”, schimpfte Chekov. “Nein, Freundchen, so läuft das nicht. Wir sind alle füreinander verantwortlich. Alex braucht deine Hilfe. Ein lebendes Wesen! Nicht so ein Voxelbrei wie in den StimSim-Abenteuern. Warm, atmend, voller Liebe und Zorn und echter Gedanken. Wenn du dich jetzt weigerst, hast du einen Menschen auf dem Gewissen!”
Sanni legte mit einer beschwichtigenden Geste eine Hand auf Chekovs Schulter und sagte: “Wir wechseln uns ab, dann wird es nicht so schwer. Drei Kilometer bis zum Taxi. Schaffst du das oder ist Alex zu schwer für dich?”
Bei seiner Männlichkeit gepackt, konnte Peter keine Ausflüchte mehr produzieren und hob die Schultern in einer Geste resignierter Zustimmung.
Sie brachen auf. Sanni sagte: “Haltet die Augen auf. Ihr solltet Überwachungsstationen und Sicherheitsschleusen erkennen können. Eure Filter sind mit Ausschalten des Spinal-Links allesamt deaktiviert worden.”
“Filter?” fragten die beiden mehr oder weniger freiwillig Befreiten gleichzeitig.
“Meinst du sowas wie einen Blocker? Der macht doch eh nur Sinn, wenn wir einen Vis-Stream empfangen.”, fragte Peter.
“Quatsch. Es geht nicht um Werbeeinblendungen. Es geht um Zensur. Der Stream gibt dir nicht nur Input, sondern blendet auch Dinge aus, die du nicht sehen sollst.”
“Schwachsinn. Wie soll das denn gehen?”
“Wie funktioniert Sehen?”
“Ach komm, jetzt keine Schulstunde hier, bitte.”
Der Drohnenbefreier schnaufte herablassend. “Keine Sorge. Ich weiß, dass du nur minimale Bildung genossen hast. Ich fasse mich kurz.”
“Du liegst falsch. Ich habe ein Studium … als Musiker. Dafür bezahlt mich nur keiner mehr.”
“Noch besser. Oberklasse-Beruf erlernt, den Massengeschmack verfehlt, dann Zwangsarbeit. Bravo.”
Beinahe hätte er Alex auf den Boden fallen lassen. Seine Hände verkrampften sich im Stoff des Hoodies, den der Verletze trug. “Komm zurück zum Thema. Was soll das mit den Filtern?”
Sie hatten die Peripherie der Manufaktur verlassen und bogen auf eine Zufahrtsstraße zu einer Wohngegend ein. Die Pylonen der Verkehrsleitstruktur zeigten mit Notfallbeleuchtung den Ausfall der autonomen Fahrsteuerung an. Jetzt hätten nur Piloten mit einer Lizenz selbstständig weiterfahren dürfen, alle anderen mussten warten. Peter würde in der Bahn feststecken, wie die überwiegende Mehrheit der restlichen Verkehrsteilnehmer. Im Augenblick gab es praktisch keine Fahrzeuge auf der Straße. Die öffentlichen Bahnshuttles wären leer. Typisch Nachtschicht.
“Komm, wir tauschen.”, bot Sanni an.
“Schaffst du es, zu tragen und zu reden?”, fragte Peter. Er bemühte sich, seiner Stimme einen gönnerhaften Klang zu geben, aber durch die Last kamen die Worte nur schnaufend heraus. Er war froh, abgeben zu können. Otto ließ sich von Chekov ablösen, die mit der Zunge zum Weiterlaufen schnalzte.
“Na gut.”, fuhr Sanni fort. “Was du siehst, ist eine Mischung der Informationen deines optischen Nervs und der Überblendungen, die du über den Stream erhältst. Aber diese Überblendungen können nicht nur Dinge hinzufügen wie Werbung für Labgrown-Steaks oder Dicky Mouse mit einem Mate-Shake, sondern auch Realitäten entfernen. Frag mich nicht genau, wie das klappt.”
“Nein, frag mich.”, warf Chekov keuchend ein. “Im Grunde siehst du sowieso nur einen winzigen Teil dessen, was dein Auge erfasst, scharf. Deine Wahrnehmung fokussiert sich auf Bildbestandteile – jede Sekunde etliche davon hintereinander. Das liefert dir optische Informationen. Dein Gehirn kann nicht das gesamte Bild erfassen, sondern stellt eine Art Vorauswahl zusammen. Du kannst dich natürlich auch bewusst auf eine Sache konzentrieren. Das ergibt eine Art Gemisch aus unbewusster, peripherer und fokussierter Wahrnehmung. Aber der Stream kann auch Marker setzen, die dafür sorgen, dass Bildinhalte an deinem Bewusstsein vorbeigeschleust werden.”
“Was?”, fragte Otto. “Was heißt das auf Deutsch?”
“Der Stream editiert, was du zu sehen bekommst. Zwar ist es noch da, aber dein Gehirn kann sich nicht darauf konzentrieren. Deswegen bleibt es für dein Bewusstsein versteckt.”
Auf der Straße des Wohnviertels waren einige Menschen unterwegs, entweder späte Partygänger, Nachteulen oder Schlafwandler. Sie wirkten verwirrt, tappten ziellos umher oder begafften ihre Umgebung, als hätten sie Bordstein, analoge Werbetafeln oder die Fußgängerbrücken zum ersten Mal gesehen. Die Wabenwohnungen über ihnen lagen größtenteils im Dunkeln, nur aus einer Handvoll Fenstern flackerte das Licht von Kerzen. Kluge Bewohner, die für Notfälle vorgesorgt hatten oder aus romantischen Anwürfen heraus eine echte Flamme ihrer hunderttausendfach sichereren Streamingform vorzogen.
Sanni sagte: “Kannst du ihr ruhig glauben. Chekov hier hat Neuropsychologie studiert.”
Otto schüttelte den Kopf, streckte sich und ließ die Schulterblätter knacken. “Prima. Eine Frau Kopfdoktor. Aber der Stream ist doch digital. Wie soll das funktionieren?”
“Dissoziation und Verdrängung. Das würde jetzt zu weit führen, aber unser Gehirn ist eben prima im Sortieren in Wichtig und Unwichtig und hat darüber hinaus noch einige Mechanismen, um verstörende Inhalte auszublenden. Der Filter gibt deinem Unterbewusstsein nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung und schon siehst du manche Dinge nicht mehr.”
“Zum Beispiel?”, fragte Peter.
“Übernimm mal.”, sagte Sanni und ließ den Verletzen in seine Hände gleiten. Die Atmung von Alex ging mittlerweile sehr flach, die Lider flatterten. Es war kaum damit zu rechnen, dass xier es schaffte, aber die beiden Revolutionsromantiker gingen in ihrer Rolle als Lehrer zu sehr auf, um es zu bemerken. Jetzt wurde Peter auch klar, woher er Alex Gesicht kannte: Xier hatte für die VI Pate gestanden. Viel zu jung, viel zu verletzlich. Rote Sommersprossen durchflochten von Blutspritzern.
“Hier. Siehst du das?”, fragte Sanni und klopfte an eine Halbkugel aus metallischem Glas, die aus der Wand wuchs. “Das ist eine Überwachungskamera. Die scannt Gesichter, achtet darauf, dass sich niemand im Viertel aufhält, der nicht hergehört, beobachtet Verbrechen und macht Meldung über verdächtige Geschehnisse. Könnte auch uns verpfeifen, wenn sie grad Strom hätte.”
“Ja, und? Halt. Meinst du, normalerweise würde der Filter …”
“Genau!”
“Na super. Der Stream versteckt also kritische Technik. Wahrscheinlich schützen sie so öffentliche Infrastruktur. Keine blöde Idee. Gibt ja genug Vandalismus.”
“Warum willst du das nicht begreifen?”, ereiferte sich Sanni. “Warts ab. Wir sind schon auf dem richtigen Weg, damit du es siehst.”
Er führte die kleine Gruppe auf eine Nebenstraße und von dort in ein Parkhaus. In einer Nische hinter einem Pulk Autoshuttles saßen einige verwahrloste Gestalten. Verfilzte graue Haare, zerlumpte Kleidung. Ein widerlicher Geruch nach altem Käse, abgestandenem Urin und ekelhafter vergorener Menschlichkeit umströmte die Truppe.
“Da. Penner. Obdachlose. Mitten unter euch. Menschen, die einen Steinwurf von leeren Waben hocken und nicht hineindürfen, weil sie der Gesellschaft nicht schmecken. Ausgespuckt wie eine bittere Kirsche.”
Peter war sprachlos. Entsetzt ließ er Alex zu Boden gleiten und wischte sich über die Augen.
“Aber das gibt es doch schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Heute findet doch jeder eine Arbeit … die Drohnenfabriken …”
“… nehmen auch niemanden auf, der zu krank oder kaputt ist. Abstoßungsreaktionen, Infektionen, Drogenmissbrauch, Menschen, die die Immunsuppression für die Implantate nicht überstehen würden, psychisch Gestörte, wirtschaftliche Totalausfälle. Wer sich nicht verwerten lässt, hat selbst keinen Wert.”
“Ach komm, diese billigen Phrasen.”
Otto zog eine Augenbraue hoch und sah Peter kritisch an. “Dachtest du wirklich, dass es das nicht gibt? Wir haben Glück, würde ich sagen. Eigentlich können wir dankbar für die Manufaktur sein. Sie gibt uns Arbeit.”
“Besser als das da auf jeden Fall.”
Zum ersten Mal wurde Sanni laut. Seine Stimme hallte durch das Parkdeck, als er schrie: “Das da sind immer noch Menschen!”
“Scheiße, du hast ja Recht. Aber würdest du so enden wollen?” Die Obdachlosen senkten den Kopf und taten, als seien sie nicht da.
“Nein, verdammt nochmal. Aber wer garantiert dir denn, dass du es nicht tust? Du bist nur eine Leitersprosse davon entfernt! Vergiss die Arbeitspflicht, die ist nur dazu da, dich zur Implantation zu zwingen. Wenn die Manufaktur keine Verwendung mehr für dich hat, wo kommst du dann hin? Denkst du, die zaubern dich weg? Machen Soylent Green aus dir? Selbst dein Kadaver hat keinen Nährwert mehr für diese Geier, wenn sie mit dir fertig sind.”
Stoisch wandte Peter sich ab. Er griff unter die Schultern des von Schüttelfrost erfassten Bündels und murmelte: “Wir müssen euren Freund zum Taxi bringen. Und dann fahrt ihr weg. Und dann kann ich in Ruhe weiterleben.”
“Das nennst du Leben? Du Streamingzombie! Du bist doch schon tot! Du Aas!” Sanni wog die Waffe in seiner Hand und ließ sie fallen. Urplötzlich sprang er vor und holte mit der Faust aus, um Peter einen Hieb zu verpassen, doch Chekov und Otto fielen ihm in den Arm. Nach kurzem Gerangel hatte er die Fassung soweit wieder gewonnen, dass er abließ und Otto Platz machte, der Alex packte und gemeinsam mit Peter weitermarschierte.
Was auch immer Sanni an weiteren Argumenten geplant hatte, ob er überhaupt noch Ideen hatte, um Peter zu überzeugen, mit seinem Wutanfall hatte er jede Chance verspielt. Er schien sich dieses Umstandes nur zu bewusst zu sein. Schweigend begleitete er die drei anderen, die sich beim Tragen des Genossen abwechselten.
Peter fielen unterwegs weitere Dinge auf, die der Filter ihm vorenthalten hatte: Herabfallender Putz an Wabenbauten, seit langer Zeit tote Alleebäume – im Stream hätte er jetzt das Rauschen ihrer Blätter und die Pracht gesunden Grüns erlebt – sowie menschliches Elend in den Schatten der großen Gebäude. Er bemühte sich, diese Eindrücke auszusperren, kalt zu werden gegen das Feuer der Empörung. Er stellte sich mit seinem Zorn über die Arroganz Sannis vor das aufkeimende Gefühl der Ungerechtigkeit.
Etwa zehn Minuten später erreichten sie die Gasse, in der das Taxi bereits wartete. Der Fahrer winkte die Gruppe heran, ohne aus dem Wagen auszusteigen und ließ die Heckklappe aufspringen. Vorsichtig bugsierten sie ihre klamme Fracht in den Laderaum. Chekov kletterte ebenfalls hinein und begann hektisch, einen Sanitätskasten aufzubauen, Elektroden an den Verletzten anzuklemmen und die Wunde zu versorgen. Trotz der Tamponage war wieder Blut herausgesickert. Die verbrannten Umrisse des Einschusslochs verströmten einen übelkeiterregenden Geruch. Nur einmal noch schaute der Aktivist nach oben, um Peter zum Abschied zuzunicken.
Dieser spürte die Dringlichkeit der Situation, brachte es aber dennoch über sich, Sanni noch einmal die Hand auf die Schulter zu legen. “Sag mal … wo bringt ihr Otto denn jetzt hin?”
“Den genauen Platz verrate ich dir nicht. Wir bauen eine Produktionsgenossenschaft auf. Eine Gemeinschaft, in der ausschließlich freie Arbeiter tätig sind. Keine Drohnen. Minimaler Netzzugriff, kein Stream, keine Filter. Wir wollen das Elend sehen, in dem wir leben und alles dafür tun, es zu beseitigen.”
“Warum ich? Wieso wolltet ihr mich befreien?”
“Wir können jeden brauchen, der mit anpacken will.”
“Was für Arbeit gäbe es denn zu tun?”
Sanni musterte ihn. In seinen Augen funkelte ein Körnchen Hoffnung.
“Alles Mögliche. Wir können natürlich keine traditionelle Landwirtschaft betreiben, aber unsere Hydroponik produziert frische Lebensmittel, wir haben Gewächshäuser und letztens konnten wir sogar ein bisschen Kesselfleisch ernten. Wir brauchen Maurer, Techniker, Propagandisten, Drohnenbefreier, Hilfskräfte … für jeden ist etwas dabei. Ehrliche Arbeit.”
Er beobachtete Peter genau, um die Wirkung seiner Worte zu erkennen. Das Körnchen Hoffnung erstarb.
“Viel Glück.”, wünschte Peter.
“Überleg es dir. Das ist deine einzige Chance. Selbstbestimmtes Leben! Mann, du bist in Ordnung, nicht auf den Kopf gefallen, du hast uns wirklich geholfen. Alex kommt durch, auch wegen dir!”
Der Stream kehrte zurück. Digitale Einblendungen informierten Peter über seinen Standort und die aktuelle Gefahrenlage. Das Gesicht seines Gegenübers wurde vom Scanner nicht erkannt. Wo sonst Informationen und das öffentliche Personenprofil angezeigt wurden, erschien eine Fehlermeldung.
“Ich gehe jetzt. Ihr solltet auch fahren. Alles Gute, Otto!”
Der Gegrüßte saß schon im Wagen und winkte hinter der Fensterscheibe.
Nachdem sie losfuhren, stand Peter noch einige Minuten erschöpft in der Gasse, dann beantwortete er knapp eine Anfrage der Manufaktur. Ein kurzer Bericht der Geschehnisse, gekürzt und zensiert, ohne die ideologischen Debatten und die Schulstunde in Stream-Manipulation. Als Rückantwort erhielt er eine Freistellung, bis die Ermittlungen vorüber wären. Dringende Befragung am nächsten Morgen.
Dann ging er heim.
In seiner Wabe angekommen ließ er sich unter der Dusche von aktueller Werbung, dem Wetterbericht und einem brandheißen Nachrichtenbeitrag über den Einbruch in der Manufaktur berieseln. Terroristen hätten wertvolle Daten gestohlen, Mitarbeiter bedroht, einen Wachmann verletzt. Der Konzernschutz habe noch kein Bekennerschreiben und ermittle in alle Richtungen.
Dann setzte er sich in seinen Sessel. Die Wabe enthielt bis auf ein Bett keine weiteren Möbel. Essen bekam er geliefert und die Toiletten- und Duschnische war allen hygienischen Bedürfnissen gewachsen. Sein kleines Leben war pflegeleicht und hinterher einfach desinfizierbar.
Bisher hatte Peter nicht gewagt, seinen Spinal Link zu überprüfen, aber ein rascher Diagnostikdurchlauf zeigte, dass alles in Ordnung war: Die Software der Drohnenbefreier war spurlos entfernt, sämtliche Funktionen wiederhergestellt. Gut so.
Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, befand er sich in einem hellen Raum. Dicke Deckenbalken vermittelten ein Gefühl gefestigter Ruhe. Seine Schritte hallten in perfekter Akustik. Vor ihm, an einen Pult gelehnt, stand seine große Liebe. Hätte ihm Sanni auch nur eine entfernte Chance darauf geboten, wäre er sofort eingestiegen. Peter hätte sich belügen lassen, wäre im vollen Bewusstsein der Unwahrheit mitgefahren in den Kolchos. Aber der Revolutionär hatte ihn völlig missverstanden. Freiheit war nicht das ultimative Bedürfnis, nach dem es ihn sehnte.
Seufzend nahm er Cello und Bogen, setzt sich und begann zu spielen.
Sie brauchten keine Musiker.

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Vielen Dank an meine Testleser und insbesondere meinen Bruder Stefan und Onno Tasler für wertvolles Feedback!

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Wiederbelebung


Vergangene Projekte

Es ist eine ganze Zeit nichts Neues von mir erschienen. Nach dem zweiten Teil der Weltenfabrik-Romane habe ich noch ein Manuskript für Teil 3 geschrieben, bin aber nie zufrieden gewesen. Ich fürchte, bereits die Anlagen von Teil 1 bereiten mir etliche Probleme. Das „einfach drauf los“ – Schreiben war ein guter Einsteig, aber mittlerweile brauche ich mehr Struktur.

So kam es, dass ich ein anderes Romankonzept entworfen und geschrieben habe – aber dieses Manuskript ist aktuell ebenfalls im Schreibtisch, wartet aber im Gegensatz zur dritte Geschichte um Jan Lux auf eine Überarbeitung. Darauf folgte eine lange Weile nichts. Es kam einfach zu viel dazwischen. Wusstet ihr, dass es eine Pandemie gibt? Krass, oder?

100+ kostenlose Wiederbelebung & Alt Fotos - Pixabay
Das Leben geht weiter…

Was mache ich heute?

Aktuell schreibe ich wieder regelmäßiger. Ich habe lange darum gekämpft, regelmäßiger produktiv zu sein. Ein Problem, das dabei immer wieder auftauchte: Ich vergeude zu viel Zeit mit Gaming. Vergeudete. Denn die einzige Lösung, die nachhaltig zu wirken scheint, ist das vollständige Aufgeben dieses Hobbys. Plötzlich habe ich wieder Zeit alles Mögliche. Wie sehr mich Videospiele beeinträchtigt haben, merke ich selbst erst, seitdem ich sehe, was möglich ist, wenn ich sie nicht spiele.

Aktuelles Projekt: Storypodcast

Für die Weltenfabrik habe ich bereits Kurzgeschichten geschrieben und mit viel Freude eingesprochen, jedoch nie wirklich einem großen Publikum zugänglich gemacht. Man fand sie nur auf Youtube und über diesen Blog hier. Kurzgeschichten haben viele Vorteile, allem voran sind sie aber: Kurz. Das heißt, man ist in absehbarer Zeit fertig mit dem Schreiben, kann sie konzentriert überarbeiten und dann veröffentlichen. Der Feedback- und Belohungszyklus ist kürzer.

Die Kurzgeschichten, die ich aktuell schreibe, spielen in einem zukünftigen Europa, mit vielen Anleihen beim Cyberpunk. Meine Charaktere sind aber keine Shadowrunner oder anders geartete Superspion-befähigte Hacker, die Abenteuer in Cyberspace und bei Konzerneinbrüchen erleben, sondern zum Teil weitaus „normalere“ Figuren. Aneinandergereiht ergeben diese Storys eine überspannende Geschichte, die sich eventuell auch als Roman zusammenbauen lässt. Das Ziel ist aber, dass man sie möglichst unabhängig voneinander hören kann. Wie gut mir das gelingt, soll die Zukunft zeigen.

Aktuell hat mein Manuskript 34.000 Wörter und 5 fertige Geschichten. Ich will aber noch ein bisschen vorbauen, ehe ich einspreche und veröffentliche, damit ich dann kontinuierlich weiterschreiben kann, um einen regelmäßigen Podcast zu schaffen. Vielleicht spreche ich darin auch mit anderen Autoren oder Buchfans – ich bin gespannt, wie sich das alles entwickelt.

Zur Zeit peile ich den Dezember 2021 für die Veröffentlichung der ersten Story an.

Bleibt die Weltenfabrik weiter „Weltenfabrik“?

Ich habe mich gefragt, ob ich „Die Weltenfabrik“ vielleicht begraben sollte und den Blog umbenenne, auch weil ich mit Form und Qualität der beiden (leider unlektoriert veröffentlichten) Romane nicht mehr sehr zufrieden bin. Aber Weltenfabrik als kreatives Konstrukt, das Geschichten spinnt und veröffentlich, gefällt mir nach wie vor. Also bleibt der Name.

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Die Weltenfabrik: Endlich geht es weiter! Der Zorn der Herrin wird über uns kommen!

„Die Weltenfabrik schwebt in Gefahr: Ein Erbauer wurde getötet. Vom Täter fehlt jede Spur. Außerdem dringen Fremde in die Mnemothek ein und stehlen die Nadel des Unendlichkeitskompasses: Ein Artefakt, das Schwachstellen in den Barrieren zwischen den Welten aufzeigen kann. Damit können sie nichts Gutes vorhaben.

Während die Schüler Fangs daran arbeiten, der unbekannten Gefahr Herr zu werden, lernt Jan einen neuen Lehrer kennen. Es ist Levirok Päin: Ein Kentaur, halb Mann, halb Pferd, ein Kämpfer von enormem Ausmaß. Doch seit er Heimat und Frau verlor, ist sein Lebenswille gebrochen. Dennoch ist er der einzige, der Falagorn, den letzten Rakelor vor Jans Ankunft, begleitete.

Wird er seine Geheimnisse weitergeben?“

So ist nun alles gut, was lange wärt. Ich habe mich mit der Überarbeitung und Fertigstellung des zweiten Teils der Weltenfabrik etwas schwerer getan als beim ersten Band. Tatsächlich habe ich auch den „Schatten der Herrin“ noch einmal überarbeitet und (hoffentlich) die letzten Druck- und Satzfehler erschlagen. Ich kann sogar bekanntgeben, dass die Rohfassung des letzten Bandes „Das Herz der Herrin“ kurz vor der Fertigstellung steht. Ich ringe damit, die Trilogie zu einem befriedigenden, aber nicht zu simplen Ende kommen zu lassen. Große Dinge erfordern mitunter auch große Schritte von den Protagonisten, fordern ihnen Dinge ab, die sie sich nie erträumt hätten.

 

Doch in diesem Post soll es um den Zorn der Herrin gehen. Zum Schreibprozess habe ich ja bereits angedeutet, dass er langwieriger war als der Drei-Monats-Marathon vom ersten Band. Aber auch hier haben es mir die Protagonisten, die das Buch tragen, besonders angetan. Der im Klappentext erwähnte Levirok Päin ist meiner Meinung nach die Figur, die mir diesmal besonders gut gelang und die zu Schreiben eine große Freude war. Sein Schmerz und die Kraft, die daraus erwächst, werden Jan wichtige Lektionen lehren. Gleichzeitig stellen sie eine große Gefahr dar, denn der Zorn der Herrin weiß, wie man Schwäche nutzt und die hilflose Wut anderer in maximale Zerstörung verwandelt.

Das Buch ist wieder bei BoD erschienen, kostet aufgrund des größeren Umfangs (410 Seiten) 12,49 €. Das Ebook ist diesmal als Aktion 8 Wochen lang für 3,99 erhältlich. Rezensionsexemplare des Ebooks gebe ich auf Anfrage gern heraus. Natürlich kommen gleich die Amazon-Links, aber ich möchte darum bitten, den lokalen Buchhandel zu stärken und möglichst vor Ort zu bestellen. Das ist auch für mich nützlich, denn je mehr Buchhändler meinen Namen hören und kennenlernen, desto besser.

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[Rezension] „Aurora“ von Kim Stanley Robinson

Robinson ist ein Schwergewicht der amerikanischen Scifi und dort gewissermaßen eine Ausnahme. Während viele Autoren eher rechts/libertär einzuordnen sind und dies auch in ihrem Romanen raushängen lassen, ist Robinson einer der wenigen, die eine Abkehr vom Kapitalismus befürworten und dezidiert „sozialistische“ Gesellschaftsformen beschreiben.
In Aurora beschreibt er die Geschichte eines Generationenschiffes, welches vollgeladen mit unterschiedlichen „Biomen“ zum zwölf Lichtjahre entfernten System Tau-Ceti fliegt. Nach der Einführung und Beleuchtung verschiedener Probleme, die sich während dieser Reise auftun, erreicht das Schiff sein Ziel. Die Kolonisten müssen allerdings feststellen, dass der für die Besiedlung ausgewählte Mond für Menschen toxisch ist und stehen vor der Entscheidung: Rückkehr zur Erde oder Ausweichen auf ein Alternativziel im selben System?
Die Hauptfigur Freya ist eine Kolonistin, deren Leben in der Geschichte nachgezeichnet wird: Man erlebt sie von der Pubertät an bis ins hohe Alter. Als Tochter der Chefingenieurin (die sich immer gegen diesen Titel wehrt und sich als erste unter Gleichen sieht) muss sie in große Fußstapfen treten und stellt dabei fest, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten den Ansprüchen des Jobs nicht genügen. Stattdessen führt sie lieber pseudosoziologische Studien durch, befragt die Kolonisten zu diversen Themen, nimmt Stimmungsbilder auf und macht sich so intensiv mit den Menschen vertraut. Im Verlaufe der Handlung beschreitet sie einen völlig anderen Weg als ihre Mutter, die Probleme über technologische und wissenschaftliche Herangehensweisen löste. Freya hat ein gutes Händchen für Diplomatie und ist hochempathisch, Begabungen die ihr letztlich helfen, die Gesellschaft einigermaßen beieinander zu halten.
Der zweite Hauptcharakter ist meiner Meinung nach wesentlich interessanter und der eigentliche Star des Buches. Zu Anfang der Handlung instruiert Freyas Mutter den Quantencomputer des Schiffes mit einer Vielzahl neuartiger Algorithmen und Entscheidungsfindungsroutinen, um ihn eine Art Chronik der Reise schreiben zu lassen. Auf diese Weise lernt das Programm zu erzählen und findet sich immer besser in die Denkweise der Menschen und ihre Art, Geschichten zu strukturieren, Ereignisse zu priorisieren und Erfahrungen wiederzugeben, ein. Nach und nach entwickelt sich „Schiff“, wie sich der Computer selbst nennt, zu einem vollwertigen Bewusstsein, stellt sich selbst und seine Natur in Frage und entscheidet sich zum Beispiel selbstständig dafür, die Qualität der eigenen künstlichen Intelligenz zu bewerten. Es gibt ausführliche Monologe zur Nützlichkeit eines Turing-Tests und weitere kybernetische Freuden. Die Art und Weise, wie Robinson diesen Reifungs- und Selbsterkenntnisprozess beschreibt bzw. wie Schiff ihn selbst wiedergibt, ist bemerkenswert. Allein dafür halte ich das Buch für empfehlenswert für alle Leser, die sich für diese Themen interessieren.
Weitere große Fragestellungen, die in Aurora angeschnitten werden, sind die Ethik des Terraformings und der Besiedlung anderer Planeten. Dies kulminiert in dem Moment, in dem ein Funktionär die Aufgabe der Menschheit, sich im Universum auszubreiten, mit den Samen eines Löwenzahns vergleicht: Von 100 der Fallschirmchen muss nur eines auf fruchtbaren Boden fallen, damit die Sache ein Erfolg ist. Naturgemäß sehen die Kolonisten dies anders, die ja zu den 99 restlichen Samen gehören würden, welche man zum Sterben ausgeschickt hat. Das zentrale Fazit des Buches ist dann auch: Das Leben ist planetengebunden und nicht geeignet, den heimatlichen Himmelskörper dauerhaft zu verlassen.
Außerdem beschäftigt sich Robinson mit der Frage der Stabilität abgeschlossener und von der Erde isolierter Biome: Nicht nur genetische Degeneration, Speziesdrift und der Verschleiß der die biologischen Komponenten umgebenden Technik wird intensiv behandelt. Auch die Frage nachhaltiger Stoffkreisläufe und zum Beispiel der Verlust von Spurenelementen in nicht bedachten Senken oder das Ansammeln von Salzen als Abfall, der aufwändig wieder rückgeführt werden muss, spielt eine große Rolle.
Sprachlich ist das Buch komplex und voller Fachbegriffe. Die verwendeten Technologien und die Art und Weise, wie diese eingesetzt werden, qualifizieren den Roman als Hard-SF-Titel. Der größte Schwachpunkt ist meiner Meinung die Soziologie und Psychologie der handelnden Figuren. Die einzige einigermaßen nachvollziehbar und als dreidimensionaler Charakter agierende Person ist Freya, aber selbst die verblasst neben Schiff. Hätte Robinson es gewagt, die ganze Geschichte aus Sicht des Computers zu erzählen, hätte er die menschliche Perspektive ausnahmsweise völlig ausgeblendet, hätte der Roman in meinen Augen ein ganz ganz großer Wurf werden können. So wie es jetzt vorliegt, verwässern die Einschübe mit Fokus auf die Kolonisten das geniale Konzept. Dennoch kann ich Aurora SciFi-Fans, speziell Freunden von möglichst realistischen bzw. technologisch konservativen Zukunftsbildern uneingeschränkt empfehlen. Wer auf Aliens und Weltraumschlachten steht, wird hier aber enttäuscht werden.

  • Titel: Aurora
  • Autorin: Kim Stanley Robinson
  • Taschenbuch: 560 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (14. November 2016)
  • ISBN-13: 978-3453317246

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[Rezension] „Cronos Cube“ von Thekla Kraußeneck

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Im Jahr 2030 hat sich Europa verändert: Aufgrund von mehreren Terroranschlägen (einer davon in Gundremmingen, Stichwort: AKW) gab es umfassende Reformen. Die Mitgliedsstaaten der EU haben ihre Autonomie aufgegeben und sind nun Bundesstaaten in einer diktatorischen EU-Pseudodemokratie, in der die politischen Entscheidungen von den Abstimmungen der Parlamente weitgehend entkoppelt wurde. Eine Organisation namens META überwacht die europäischen Bürger auf Schritt und Tritt und setzt dazu eine fortschrittliche Drohnentechnologie ein, um umfassende Daten über jede Bewegung verdächtiger und unverdächtiger Personen zu sammeln. Niemand entkommt diesem System, außer er bewegt sich außerhalb der physischen Realität und taucht via eines Cronos Cube genannten Spielecomputers in eine VR-Simulation ein.

Soweit ist das Setting schnell erklärt. Es zieht sich stringent durch das ganze Buch und sitzt de

 

n Charakteren auch ziemlich im Genick. Die beiden Hauptfiguren, Zack und Lachlan, sind Iren und Brüder durch Zufall (Zacks Eltern sind abgehauen und Lachlans ENORM reiche Mutter konnte schließlich davon überzeugt werden, den Jungen bei sich aufzunehmen) und beste Freunde. Leider sind sie auch die einzigen Charaktere im Buch, bei allen anderen Figuren reicht es höchstens zum grob umrissenen Typen. Zack strebt eine Laufbahn als Leibwächter an und stellt sich daher mit dem System gut, während Lachlan dank des enormen Reichtums seiner Eltern eigentlich gar nichts machen müsste, sich aber zum Revoluzzer berufen fühlt und die europäische Diktatur notfalls blutig stürzen möchte. Aus diesem Spannungsfeld ergeben sich interessante Verwicklungen, zumal schnell klar wird, dass Lachlans Gefühle für Zack nicht nur quasi-brüderlicher Natur sind. Doch dann wird Lachlan entführt und ein geheimnisvoller „Emil“ versucht, durch ihn Software zu erhalten, die Lachlans Vater programmiert haben soll: Erion, die ultimative Waffe.

Schnell stellt sich heraus, dass dieser Code in der virtuellen Realität des Cronos Cube versteckt ist, einer Spielewelt, die verdächtig an gewisse MMORPG-Klassiker erinnert, auch deren Jargon übernimmt (Damage Dealer z.B.) und die Spieler durch lineare Quests schickt. Hier sticht der Hintergrund der Autorin Kraußeneck durch, die im Einband als „Gamerin“ vorgestellt wird. Ich selbst  bin kein begeisterter MMORPG-User, ich bevorzuge die wesentlich größere Handlungsfreiheit von P&P-Rollenspiel und war im Buch maßlos enttäuscht von der Einfallslosigkeit, mit der sich die Autorin das VR-Geschehen im Jahre 2030 vorstellt. Charaktere werden immer noch in Klassen eingeteilt (die der Spieler aber nicht auswählt, sondern durch eine pseudopsychologische Profilierung übergestülpt bekommt), man steigt noch in Stufen auf, indem man Monster tötet, alles wirkt schrecklich instanziert. Das namensgebende Kernstück des Romans ist leider ein phantasieloses Konstrukt, das nichtmal ansatzweise an die Wildheit, Unberechenbarkeit und Fremdartigkeit anderer Roman-VRs heranreicht wie zum Beispiel dem Otherland von Williams. Ich sehe hier einen Riesenhaufen verschenkten Potentials.

Ein zweiter Punkt, der mir nicht gefiel war die Abwicklung des Endes: Mein Eindruck war, dass mit viel Zwang und Druck die Charaktere in Handlungsweisen gezwungen wurden, die ihrem bisherigen Wesen nicht entsprachen. Das war keine Charakterentwicklung, das war ein Persönlichkeitsloch. Auch hier wurde viel Potential verschenkt.

Dennoch glaube ich, dass das Buch gerade für „Gamer“ wie Kraußeneck reizvoll sein kann. Wer den aktuellen MMORPG-Stil ansprechend findet, wird sich in der Welt des Cronos Cube schnell wohlfühlen und mit den Figuren mitfiebern, wenn sie Stachelraupen oder verseuchte Schmetterlinge plattmachen müssen. Obendrein gibt es eine ziemlich glaubwürdige Dystopie, in der sich Europa in einen undemokratischen Überwachungsstaat verwandelt hat und die Spannungen zwischen den beiden Hauptfiguren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie für Slashfiction geeignet sein könnten.

Wie üblich gebe ich keine Punktewertung, kann aber insgesamt nur eine eher eingeschränkte Leseempfehlung geben.

 

  • Titel: Cronos Cube
  • Autorin: Thekla Kraußeneck
  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: Liesmich; Auflage: 1 (26. Mai 2017)
  • ISBN-13: 978-3945491041

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Autorenvortrag und Lesung: Klassenstunde mit der Weltenfabrik

Heute war es dann soweit: Ein Termin, dem ich schon länger entgegengefiebert habe. Autorenvortrag und Buchlesung in einer 7. Klasse in der Neuen Nikolaischule zu Leipzig. Organisiert wurde das Ganze von der Tochter einer Freundin, die den ersten Band der Weltenfabrik förmlich verschlungen hat. Letztes Jahr wurde das Buch von ihr auch im Rahmen einer Buchbesprechung vorgestellt. Bereits zu diesem Zeitpunkt war sie wahnsinnig stolz, den Autoren persönlich zu kennen und ihn für ihren Bericht interviewen zu dürfen.

Die Terminabsprache war … suboptimal und missverständlich, auf beiden Seiten. Letztlich stand ich heute vor dem Klassenzimmer, während die Referendarin, die den Deutschunterricht im Moment betreut, davon ausging, sich erstmal mit mir zu treffen, um den Inhalt meines Vortrags ein wenig zu besprechen. Oh weh. Aber wir haben uns einigen können und ich war ehrlich gesagt so aufgeregt, dass ich es einfach hinter mir haben wollte.

Also direkt rein ins Vergnügen und die überrumpelte Klasse mit den Worten begrüßt: „Hallo, mein Name ist Christoph Dolge und ich habe ein Buch geschrieben.“ Yeah. Das hatte gesessen. Große Augen durch alle Bänke.

Dann begann ich mit dem Autorenvortrag, bei dem ich im Urschleim angefangen habe: Geschichten erzählen. Pan narrans im Sinne von Pratchett und was das alles für mich bedeutet. Warum ich mich entschieden habe, selber Geschichten für meine Kinder auszudenken und wie es zur Buchidee kam. Was Phantastik für mich bedeutet und so weiter.

Anschließend konnte ich etwas über das Schreibhandwerk berichten. Wie gestalte ich eine Buchidee, was macht mein Notizbuch, wie arbeite ich beim Schreiben am Konzept und so weiter Interessant war für das Publikum und mich wohl die Frage: Wird in der Schule überhaupt AN Texten gearbeitet? Oder bleibt ein Werk immer auf der Stufe der ersten Fassung stehen, mit Rotstift vom Lehrer? Warum nicht dranbleiben und verbessern. Die Schüler schienen echt mitgerissen von der Idee – ich hoffe, dass muss die arme Referendarin nicht ausbaden.

Der nächste Punkt war ein kleiner Ausflug ins Verlagswesen und was alles damit zusammenhängt. Denn – der Autor produziert im besten Fall nur einen Stapel bedruckter Blätter. Daraus ein Buch zu machen ist Aufgabe von anderen. Auch die kleinen Unterschiede zum Selbstverlag und Books on Demand war Thema. (Frage der Schüler: „Warum haben sie so schnell die Geduld verloren und sich nicht weiter an die großen Verlage gewandt?“)

Ein paar Standardfragen zum Thema „Woher bekommen sie eigentlich ihre Ideen?“ habe ich schon im Vortrag abgefangen und bin da bei meinem bewährten Vergleich geblieben: Ich habe das Ventil im Kopf, mit dem andere Erwachsene ihre Phantasie abstellen können, einfach nicht. Bei mir fließt der Kram immer und ich muss einfach nur mitschreiben.

Höhepunkt für mich war natürlich die Lesung: Ich muss nicht frei sprechen und kann meine *wundervolle* Stimme zum Einsatz bringen. Kähähä. Vorgetragen habe ich zwei Stellen vom Anfang der Weltenfabrik: Zuerst der Schatten im Labor von Dr. Brunnwinkler, als er dafür sorgt, dass eine über die Luft übertragbare Variante der Schlafkrankheit entsteht, die dann den Untergang der Erde einleitet. Und anschließend die meiner Meinung nach am besten gelungene Szene des Buches: Jan flieht im Park vor einem aggressiven Mitschüler und wird vom Auto überfahren. Dabei findet er heraus, dass er in die Zukunft blicken kann und so manchmal eine zweite Chance bekommt: Denn als die Vision abbricht, kann er sich noch retten und sieht das Auto im letzten Moment an sich vorbeischießen. Soweit ich das beurteilen konnte, haben die Schüler in diesem Augenblick ziemlich mitgefiebert.

Zum Schluss habe ich den begonnenen Handlungsbogen noch ein wenig nacherzählt, ohne aber Details zu verraten. Vielleicht konnte ich dem einen oder anderen ja ein wenig Lust auf das Buch machen. Auf meine Frage hin, ob ihnen die vorgetragenen Stellen denn gefallen hätten, nickte die Klasse jedenfalls eifrig.

Dann ein braver Abschiedsapplaus und eine etwas halbgare Verabschiedung von mir. „Ja, äh dann. Wars das. Tschüss! Viel Spaß noch.“

WOW. Ich habe geschwitzt wie ein Ochse und mich hinterher gefühlt, als wäre ich über zwölf Runden gegangen. Dabei hatte ich gar nichts auszustehen. Die waren alle total lieb und interessiert!

 

Gerne wieder.

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[Rezension] „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu

Die drei Sonnen von Cixin Liu

Um nicht allzuviel zu verraten und weil andere Rezensenten sicher schon bessere Zusammenfassungen geschrieben haben: In Cixin Lius Roman geht es um das Zusammenstoßen der menschenlichen Spezies mit Aliens. Diese kommen aber nicht als mordgeifernde Invasoren oder erhabene esoterische Erlöser daher, sondern als Wesen mit einer ganz eigenen Problematik. Ihr Heimatplanet in einem System mit drei umeinander kreisenden Sonnen (englischer Titel „The three-body-problem“) ist so lebensfeindlich, dass sie keinen anderen Ausweg als Flucht und Neubesiedlung einer günstigeren Umwelt sehen. Zufällig fangen sie Radiotransmissionen der Erde auf und stellen Verbindung zu Astronomen her, die die Ankunft der Aliens fieberhaft erwarten, verbinden sie doch damit die Lösung so mancher menschengemachter Tragödie. Politik, Krieg, Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung: Von all diesen Dingen haben sie die Nase voll und wollen den Fremden nur allzugern die Erde überlassen. Natürlich gibt es aber noch patriotische Erdenbewohner, die dies nicht zulassen wollen.

Cixin Liu erzählt keine lineare Story mit einem Hauptprotagonisten, sondern setzt seine Geschichte aus variantenreichen Elementen zusammen: Von der chinesischen Kulturrevolution mit all ihren Gräueltaten gegen Intellektuelle und jene, die als solche von den roten Garden wahrgenommen wurden, spannt Cixin Liu seine Erzählung bis über die Grenzen der Neuzeit. Er fällt dabei auch von klassischen Erzählmustern und Gewohnheiten wie der Einteilung in Akte oder simple Spannungsbögen ab, sondern spinnt seine Geschichte über sehr unterschiedliche Ebenen fort: Die Rückblenden erfolgen zum Teil aus Sicht der Handelnden, werden aber auch von anderen Figuren nacherzählt. Wir erfahren die Perspektive der Aliens aus übermittelten Nachrichten aber auch durch ein Virtual-Reality-Game, in welches sich einer der Protagonisten begibt. Schließlich ist der Text auch noch von kriminalistischen Befragungsprotokollen und politischen Geheimdokumenten durchsetzt, die jeweils die unterschiedlichen Sprech- und Formulierungsgewohnheiten der Autoren wiedergeben.

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits mutet Cixin Liu seinem Leser technologische Sprünge am Rande der Glaubwürdigkeit zu, bemüht sich aber andererseits, alle SciFi-Elemente so gut wie möglich mit Physik zu unterfüttern. Mitunter kam daher bei mir das Gefühl auf, er wolle sich für die phantastischeren Anteile seiner Erzählung rechtfertigen, indem er erklärt, dass das alles irgendwie doch denkbar wäre. Auch sind einige Figuren nur schwach charakterisiert und handeln recht erratisch. Der Sog der Gesamthandlung und die spannenden wissenschafts- und gesellschaftsphilosophischen Themen lassen mich ihm diese Schwächen aber nachsehen. Ich denke, Liu weiß genau, was seine Stärken sind und konzentriert sich darauf, diese auszuspielen. Das gelingt ihm meisterhaft.

Bei einem chinesischen Autor mit Cixin Lius Breitenwirksamkeit und Prestige vermisst man reflexhaft gesellschaftskritische Töne. Denn seine Darstellung der Kulturrevolution ist linientreu und schonungslos, das gegenwärtigen politischen China wird dagegen praktisch gar nicht angerührt. Auch sind die Lösungsansätze für die im Buch behandelte Krise autoritär und militaristisch. Andererseits ist all das nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welchem Risiko sich ein exponierter Schriftsteller aussetzt, wenn er offener Kritik übt. Cixin Liu betont auch selbst, keinerlei politischen Subtext zu beabsichtigen, sondern sich voll auf die fiktionalen Elemente seiner Geschichten zu konzentrieren.

Mich hat das Buch insgesamt überzeugt. Ein wegweisendes Meisterwerk, wie andere Rezensenten es behaupten, kann ich darin zwar nicht erkennen, dafür fehlte mir insbesondere bei den Figuren einiges an Tiefe, aber für Freunde von Science-Fiction, die sich bemüht mit schriftstellerischen Klischees zu brechen, ist es empfehlenswert.

 

 

PS: Das Buch hat extra einen Anhang, in dem auf einige Besonderheiten der chinesischen Sprache eingegangen wird. Es wäre etlichen Rezensenten zu wünschen, dass sie da noch einen Blick hineinwerfen. Vom Autoren nur als „Liu“ zu sprechen, ist auf jeden Fall unangemessen.

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